Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 13 (1935)
- Issue
- 4 (1.4.1935)
- Date
- 1935-04-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/10279732-10021717-10021670--168-3980919- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Das jüdische Leben, in den kommenden Wochen wird im Zeichen zweier Jubiläen stehen, die beide, dem Wesen des Judentums entsprechend, geistiger Art sind. Das eine ist das zehnjährige Bestehen der hebräischen Universität Jerusalem: deren Deutscher Arbeitskreis an die Synagogengemeinden Deutschlands die Aufforderung gerichtet hat, durch Predigten oder religiöse Feiern auf,die Bedeutung dieses Zehnjahrestages hinzuweisen. Das andere ist das Maimonides-Jubiläum. An dem Staatsakt in Cordova wird u. a. auch der Vizepräsident unseres Landesverbandes, Rechtsanwalt Dr. Alfred Klee, teilnehmen. Aber nicht nur in Cordova, in der ganzen Welt wird dieses grofien Denkers gedacht werden, und wenn durch dieses allgemeine Gedenken an Maimonides der philosophische Geist abgeklärter Religiosität neu geweckt wird, so wird man die alte jüdische Formel als lebendige Hoffnung aussprechen dürfen: sein Andenken wird — über einen Zeitraum von achthundert Jahren hinweg — zum Segen. Tagung des großen Rates des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden Am 10. März 1935 trat der Große Rat des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden nach einer Pause von etwa dreiviertel Jahren in Berlin zu einer Sitzung zusammen. Der Präsident, Kammergerichtsrat i. R. Leo VV o 1 f f . gedachte zunächst des vor kurzem verstorbenen Ratsmitgliedes. Herrn Sanitätsrat Frankenstein (Magdeburg). In seiner Eröffnungsansprache ging er sodann auf die Ereignisse der letzten Zeit ein, die nicht nur in die Verhältnisse der Gemeinden, sondern auch in die der Landesverbände eingegriffen haben. Wie schön kürzlich im Gemeindeblatt des Landesverbandes und in der übrigen jüdischen Presse bekapntgegeben worden ist, hat die Entwicklung dazu geführt, daß Landesverbände der an Preußen angrenzenden deutschen Länder sich dem Preuyßischen Landesverband jüdischer Gemeinden angeschlossen haben. Es gereichte dem Präsidenten des Preußischen Landesverbandes zur besonderen Freude, hier erstmalig Vertreter der neuangeschlossenen Verbände, Herrn Rabbiner Dr. de Haas (Oldenburg) und Herrn Voll mann (Meiningen) begrüßen zu können. Mit ebenso großer Freude begrüßte der Präsident die Herren Dr. Isserlin und Rabbiner Dr. Rothschild (Saarbrücken) als Vertreter der saarländischen Gemeinden, die nach der erfolgreichen Saarabstimmung sich dem Preußenverbande angeschlossen hal>en und nun ebenfalls erstmalig Delegierte zu einer Tagung des Landesverbandes entsandt hatten. Diesen Begrüßungsworlen des Ratspräsidenten schloß sich Herr Rechtsanwalt Heinrich Stern an, der als Präsident des Verbandstages an der Ratssitzung teilnahm und ebenfalls den zum ersten Male hier vertretenen Ver bänden und Gemeinden ein herzliches Willkommen zurief. In den Antworten der oldenburgischen, thüringischen und saarländischen Delegierten kam übereinstimmend zum Ausdruck, wie sehr es allgemein anerkannt wird, daß der Landesverband über die Grenzen Preußens hinaus den Gemeinden Hilfe leistet, wo immer es nötig ist. Der Rat genehmigte einstimmig die vorgelegten Verträge mit den thüringischen und oldenburgischen Verbänden und begrüßte ebenso einhellig den Eintritt der saarländischen Gemeinden; er ermächtigte das Dezernentenkollegium. die Anschlußverhandlungen mit anderen jüdischen Landesverbänden weiterzuführen und zum Abschluß zu bringen. Ein ausführlicher Tätigkeitsbericht des Dezernenetenkollegiums lag der Ratsversammlung gedruckt vor (vgl. JüdischesGemeindeblatt fürPreußen Nr. 3 vom l.März 1935). So konnte die mündliche Berichterstattung sich auf die Hauptpunkte beschränken Herr Rabbiner Dr. Galliner berichtete ausführlich über die Arbeiten seiner Dezernate: Schaffung neuer Be- ■ zirksrabbinate, Lehrerbildung und Lehrerfortbildung. Er betonte die Notwendigkeit, alles für die Erhaltung des kulturellen Lebens der Gemeinden zu tun; zu diesem Zwecke müssen immer mehr Stadtrabbinate zu Bezirksrabbinaten ausgebaut und neue Bezirksrabbinate geschaffen werden. Es muß ferner durch Weiterführung der Lehrerbildungsanstalt für einen geeigneten Lehrernachwuchs und durch die Lehrerfortbildungskurse für die ständige Weiterbildung des schon vorhandenen Lehrpersonals Sorge getragen werden, damit der jüdische Lehrer gerade in dieser Zeit der Wandlungen den ständig neu auftretenden kulturellen und erzieherischen Aufgaben gewachsen bleibt. Auch Herr Rechtsanwalt D r. Klee konnte sich bei dem Bericht ül>er die in sein Dezernat fallende Betreuung von Kleingemeinden im wesentlichen auf den veröffentlichten Tätigkeitsbericht beziehen. Für die Zukunft werde es nötig sein, die Gemeinden zu veranlassen, daß sie sich zu Gemeindebezirken mit einheitlichem Steuersatz zusammenschließen. Hierdurch könnte nicht nur die Verwaltung der Gemeinden vereinfacht und verbilligt werden, sondern es würde auch die Ungerechtigkeit beseitigt werden, die jetzt darin liegt, daß vielfach in den Gemeinden eines Bezirkes bei sonst gleichen Voraussetzungen die verschiedensten Steuersätze erhoben werden. In der Debatte, die sich an diese Berichte anschloß, wurde vor allem die Frage behandelt, ob bei der beständigen Bevölkerungsabnahme der deutschen Juden eine weitere Ausbildung von Lehrern verantwortet werden könne, da vorliegende Statistiken bereits jetzt einen Ueberschuß an jüdischen Lehrkräften erkennen lassen. Von der übergroßen Mehrheit der Versammlung wurde aber in von großem Ernst und Verantwortungsgefühl getragenen Reden der Standpunkt vertreten, daß die heutige jüdische Jugend zum großen Teil noch der wirklichen Führer entrate und daß bei der jetzt und zukünftig zu vollbringenden jüdischen Lehrertätigkeit gerade Menschen aus der heutigen Jugendgeneration nicht fehlen dürfen. Die Berücksichtigung der' Statistik könne wohl zu einer Einschränkung, nicht aber zu einer völligen Einstellung der Lehrerausbildung führen. Im Mittelpunkt der Ratstagung stand die Durchberatung und Verabschiedung des vom Dezernentenkollegium vorgelegten Haushaltsplanes für das Geschäftsjahr 1935/36. Der Etat sieht für die Betreuung der Gemeinden und ihrer Beamten einen Betrag von 365 000.— RM vor; für Kulturarbeit sind insgesamt 123 000.— RM ausgeworfen. Der Finanzdezernent, Herr Dipl. Ing. Bruno Woyda betonte einleitend, daß es dem Landesverband im vergangenen Jahre durch Anspannung aller Kräfte gelungen sei, trotz Fortfall der in früheren Jahren erhaltenen Staatsbeihilfen seine Aufgaben durchzuführen. Es könne aber nicht verkannt werden, daß in Zukunft eine Einschränkung eintreten müsse, und da diese sich auf lebenswichtige wirtschaftliche oder geistige Gebiete nicht erstrecken dürfe, so sei vor allen Dingen eine zweckmäßige Umorganisation der großen jüdischen Körperschaften und zum Teil auch der Gemeinden notwendig. Es stehe fest, daß die deutsche Judenheit zahlenmäßig auf den Stand von 1890 zurück- 8