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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1935-04-01 · 4 (1.4.1935) · p. Seite 6

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
13 (1935)
Issue
4 (1.4.1935)
Date
1935-04-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Chronik des jüdischen Lebens So ereignisreich auch die letzten Wochen gewesen sein mögen, das, was der Zeit von etwa Mitte Februar bis etwa Mitte .März 1935 charakteristisch ist, sind nicht so sehr einzelne Ereignisse, als vielmehr die jüdische Gesamtsiiuation. Die großen jüdischen Zeitungen, die uns sonst meist ebenso viel verschiedene Meinungen zeigten, wie es Blätter gibt, bieten seit Wochen ein ziemlich einheitliches Bild, und zwar befassen auch sie sich weniger mit Einzelereignissen als vielmehr mit der Gesamtsituation der deutschen Juden und sprechen den Wunsch aus, wenn nicht Besserung, so doch wenigstens Klarheit zu erlangen. Daß wir Juden aus dem kulturellen Leben Deutschlands und damit auch aus einer Anzahl von Berufen ausgeschlossen sein sollen, damit werden wir uns abzufinden haben, und es bleibt vielleicht nichts übrig, als immer wieder darauf hinzuweisen, daß dieses Resignieren schweren Herzens geschieht, und zwar nicht aus materiellen Gründen, d. h. weil diese Berufe Erwerbsmöglichkeiten bieten, sondern aus ideellen Gründen, weil wir uns seit Generationen mit der deutschen Kultur verwachsen fühlen und ihr auch wertvolle Beiträge geliefert haben, bis uns dies von außen her untersagt wurde. Wir sind uns bewußt, eine Aenderung dieser Situation nicht erwarten zu dürfen. Um so begreiflicher aber muß der Wunsch erscheinen, auf denjenigen Gebieten Klarheit zu erlangen, auf dem wir nach wie vor zugelassen sind. Immer wieder ist von der Reichsregierung erklärt worden, daß es im Wirtschaftsleben Ausnahmebestimmungen für Nichtarier nicht gibt und nicht geben darf, und noch vor kurzem ist in einer vielbeachteten Rede des Berliner Staatskommissars Dr. Lippert die wirtschaftliche Gleichberechtigung der deutschen Juden als Tatsache bezeichnet worden. Aehnliche Aeußerungen von maßgebender Seite sind des öfteren getan worden. Was aber die Situation für uns Juden so schwierig macht, das ist der Umstand, daß gleichzeitig, und zwar ebenfalls von maßgebenden Persönlichkeiten und Stellen, eine Auffassung über Juden und Judentum verbreitet wird, die die gesetzliche Gleichberechtigung zumindest nicht zur vollen Auswirkung kommen läßt. Wir wollen wahrhaftig die Gleichberechtigung nicht als Deckschild, um es besser zu haben als andere, das wäre Bevorrechtigung und nicht Gleichberechtigung. Aber mail wird verstehen, daß wir es als Benachteiligung empfinden, wenn vielerorts in öffentlicher Form vor' dem Kauf in jüdischen Geschäften gewarnt werden darf, und das oft mit Begründungen, die uns noch in einem weiteren Punkte unsere Situation als ungeklärt erscheinen lassen. Denn oft genug ist bei Erörterungen über die Ausscheidung der Juden aus dem kulturellen Leben von maßgebenden Stellen betont worden, daß alles erfolge lediglich wegen der rassischen Andersartigkeit der Juden, jedoch ohne jede Diffamierungsabsicht. Gilt dies schon für dasjenige Gebiet, auf dem wir also tatsächlich ausgeschieden sein sollen, wieviel mehr dürfen wir dann erwarten, daß auf dem anderen Gebiet, auf dem wir gleichberechtigt blieben, Diffamierungen nicht erfolgen. Und doch sind es gerade jene Begründungen, in denen vor Geschäftsverbindungen mit Juden gewarnt wird, die immer wieder eine moralische Abwertung von Juden und Judentum enthalten. „Der Jude ist der Feind des deutschen Volkes“, „Wer vom Juden frißt, stirbt daran“, solche Sätze werden als berechtigt hingestellt, und gerade in diesen Tagen lesen wir, daß Landesbauernführer Blocdorn in Stettin auf einem Landesbauerntag gesagt hat: „Wir müssen uns von dem Gedanken frei machen, daß es anständige Juden gibt. Es gibt keine anständigen Juden.“ Es kann nicht wunder nehmen, daß jüdische Geschäftsleute unter diesen Umständen trotz der gesetzlichen Gleichberechtigung ihre Situation als ungeklärt empfinden. Dies Empfinden wurde noch erhöht, als für den Tag der Saarfeier allgemeine Beflaggung angeordnet, zugleich aber an manchen Orten das Beflaggen jüdischer Häuser mit schwarz-weiß-roten Flaggen als unangebracht bezeichnet wurde, das Zeigen der Farben also, für die — daran haben wir uns am Heldengedenktag gerade wieder mit Wehmut erinnert — viele von uns ins Feld gegangen und zwölftansend der Unsern gefallen sind. — Schließlich muß noch verzeichnet werden, daß einige Erlasse und Anordnungen, die zum Teil mit der jüdischen Jugendbewegung, zum andern Teil mit der handwerkerlichen Berufsümschichtung in Zusammenhang stehen, eine Bevorzugung der auswanderungswilligen Juden vor denjenigen, die in Deutschland verbleiben wollen, erkennbar zu machen scheinen, während andererseits nach wie vor Stellen, die dem Reichsfinanzministerium nahestehen, ein deutsches Interesse an der Auswanderung von Nichtariern verneinen, sodaß die Auswanderung auf Grund der Devisengesetzgebung vielen Auswanderungswilligen mehr oder minder unmöglich ist. Wir haben hier in möglichst kurzer Zusammendrängung die Tatsachen und Verhältnisse aufgezählt, deren Erörterung zurzeit das jüdische Leben beherrscht. Bei der Vielfalt der von außen auf uns Juden anstürmenden Eindrücke ist es für Viele von uns nicht leicht, immer einen klaren Standpunkt zu gewinnen. Wir leugnen auch garnicht, daß es in unseren Reihen Verbitterte gibt. Was wir aber bestreiten, ist dieses beides: daß alle Juden verbittert seien und daß alle Verbitterten Juden seien. Unter den Emigranten zum Beispiel, die in auch von uns deutschen Juden stets bekämpfter Weise gegen Deutschland wirken, befinden sich keineswegs nur Juden, soweit aber Juden, so doch fast ausnahmslos solche, die zu ihrer jüdischen Gemeinschaft kaum noch Beziehungen haben. Aber gerade weil in einem Teil der Presse jüdische Emigranten und Hetzer gegen Deutschland als mehr oder minder identische Begriffe behandelt werden, möchten wir hier einmal in einem Zusammenhänge von jüdischen Emigranten sprechen, der ein ganz anderes Bild ergibt. Ein soeben erschienener Bericht des Völkerbundskommissars behandelt die Auswanderung nichtarischer deutscher Gelehrter. Ein Drittel von ihnen, so heißt es in dem Bericht 248 an der Zahl, hat in den Kulturstaaten eine neue ständige Arbeitsmöglichkeit gefunden, davon sind 40 in Großbritannien. 366 sind vorübergehend mit wissenschaftlichen Aufgaben betraut worden. 170 genießen englische Gastfreundschaft. Der Bericht des Völkerbundskommissars hebt hervor, daß die Hilfe von den deutschen Gelehrten mehr als vergolten worden sei. Schon jetzt verdanke man ihnen eine Reihe von bedeutenden Entdeckungen, wertvolle Beiträge zur Forschung seien von ihnen geliefert worden. Und von einem dieser jüdischen Emigranten nun liegt eine Aeußerung vor, die einen so wunderbar klaren, einen so gar nicht zweifelhaften oder unsicheren Standpunkt erkennen läßt, daß wir meinen, diese Aeußerung allein widerlegt alle Behauptungen von der Unterwertigkeit der Juden. Der berühmte Krebsforscher und ehemalige Leiter. des Berliner Krebsinstituts, Professor Ferdinand Blumenthal, der jetzt eine Lehrkanzel an der Belgrader Universität innehat, hielt in Budapest auf Einladung des ungarischen Aerzteverbandes eine Verlesung über moderne Krebsbehandlung. Die jüdische Wochenschrift „Zsidö Elöt“ veröffentlicht im Rahjnen eines Interviews mit Professor Blumenthal folgende Aeußerung des Gelehrten: „In meinem Herzen ist kein Funken von Haß oder Rachsucht. Was ich geleistet habe, verdanke ich der Tatsache, daß ich Deutscher bin. Für meine Mitdeutschen hege ich volle Achtung. Ich setze meine Arbeit in Belgrad fort, obwohl mir dort nicht dieselben Mittel zur. Verfügung stehen wie in Berlin, aber ich bin nicht verbittert. Ich klage nicht und verleugne es nicht, daß ich Deutscher bin. ich mußte Deutschland verlassen, aber ich bleibe weiter Deutscher und Jude.“ Uns scheint, gerade in der nicht jüdischen Welt müßte dies Bekenntnis eines Juden höchste Anerkennung finden, weil es dem neutestamentlichen Gebot, auch diejenigen zu lieben, von denen man angefeindet wird, in bewundernswerter menschlicher Größe nahekommt, und weil es auch 6

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