Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 13 (1935)
- Issue
- 4 (1.4.1935)
- Date
- 1935-04-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/10279732-10021717-10021670--164-3980915- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
tätige Leben der Juden einen entscheidenden Einfluß ausgeübt. Jahrhunderte hindurch war das Wort des Maimonides für die Judenheit von bindender Kraft.' Nur noch Maimunis philosophisches Hauptwerk hat — wenngleich in anderer Richtung — einen ähnlich großen Einfluß ausgeübt. Das philosophische Werk Maimunis hat die scholastische Philosophie, das Denken eines Albertus Magnus, die Philosophie eines Thomas von Aquino, hat vor allem die ganze jüdische Religionsphilosophie nachhaltig beeinflußt. Mose ben Maimon hat sein in arabischer Sprache abgefaßtes philosophisches Hauptwerk „Dalalat al Hairin“- benannt. Sofort nach dessen Erscheinen beeilte sich der Arzt und Gelehrte Samuel Ibn Tibbon, das Werk ins Hebräische zu übersetzen; mit ausdrücklicher Zustimmung Maimunis gab er ihm den Titel „Moreh N’bokhim“ (Führer der Irrenden). Die Tibbonsche Uebersetzung hat seither Hunderte von Auflagen erlebt. Eine zweite hebräische Uebersetzung lieferte Jehuda Alcharisi, ein berühmter Makamendichter aus Toledo. Eine lateinische Uebersetzung unter dem Titel „Doctor perplexorum“ gab Johann Buxtorf 'der Jüngere in Basel 1629 heraus; Teile des „Führers“ sind indes schon früher ins Lateinische übersetzt worden. Im Laufe der Zeit ist das Werk in alle modernen Sprachen übersetzt worden. Von den deutschen Ausgaben ist gegenüber einer früheren doch wohl die neuerdings erschienene Uebersetzung des Wiener Gelehrten Dr. Adolf Weiß zu empfehlen, die, von dem Uebersetzer mit einer höchst wertvollen biographischen und geschichtsphilosophischen Einleitung und mit zahlreichen erklärenden Anmerkungen versehen, unter dem Titel „Führer der Unschlüssigen“ in der Philosophischen Bibliothek erschienen ist. Der „Führer“ des Maimonides besteht aus drei Büchern mit insgesamt hundertachtundsiebzig Abschnitten. Das erste Buch enthält die Attributenlehre und handelt von den Anthropomorphismen in der Heiligen Schrift, das heißt von den bildlichen Ausdrücken, mit denen menschliche Eigenschaften und Handlungsweisen auf Gott übertragen werden. Im zweiten Buche wird das Dasein Gottes nach den von Aristoteles und den arabischen Philosophenschulen entlehnten Methoden bewiesen und die Lehre von der Weltschöpfung, der Offenbarung und der Prophetie eingehend erörtert.. Das dritte Buch bringt eine Erklärung der Vision Ezechiels und eine Darlegung der Lehren von der reinen Gotteserkenntnis, vom Ursprung des Bösen, von der Vorsehung und der Willensfreiheit und vom Geiste der Gesetze. Im ganzen stellt Maimonides’ Werk den Versuch dar, die Worte der Bibel mit der Vernunftlehre des Aristoteles in Einklang zu bringen. Wohl bewegt sich der „Führer“ auf alten, heute kaum mehr gangbaren Gedankenwegen, wohl sind seine Spekulationen der Gegenwart völlig entrückt, dennoch berührt er sich in seinen Grundeleinenten vielfach mit den Bestrebungen unserer Zeit, die ebenfalls, freilich von andern Gesichtspunkten aus und mit andern Denkmethoden, auf eine Uebereinstimmung der religiösen Anschauungen mit den philosophischen Denkergebnissen hinzielen. Wenngleich nicht mehr leitend und wegweisend, ist der „Führer“ ein anregendes Buch, das man auch heute mit Nutzen lesen kann; er enthält eine Fülle schöner, tiefer, lebensvoller Gedanken. * Maimonides als Religionsphilosoph ist ein unentwegter Sachwalter der Vernunft. Glaube und Vernunft, Religion und Philosophie sind ihm zwei Quellen der einen Wahrheit; die Aufgabe der Philosophie besteht darin, das Wissen um jene Wahrheit zu vermitteln, die der wahre Glaube verkündet. „Wo immer der wörtliche Sinn einer Schriftstelle irgendeinem wissenschaftlich nachgewiesenen Lehrsatz widerstreitet, muß notwendigerweise der wörtliche Sinn aufgegeben und dafür der allegorische genommen werden“, so schreibt Maimonides im „Führer“. Darauf war hauptsächlich seine philosophische Denkarbeit gerichtet. Die ganze Philosophie des Maimonides, bei all ihrer Abhängigkeit von der aristotelisch-arabischen, baute sich eigenständig auf Deutung, Auslegung, Sinngebung metaphorischer und anthropomorphischer Bibelstellen auf. Solcherart gelang es ihm, die Macht der Vernunft innerhalb der Grenzen der Religion zu begründen. Wie der Urgrund aller Religion der Glaube an einen Gott ist, so ist nach Maimonides der Hauptzweck aller Philosophie — die Gotteserkenntnis. An die Spitze seines Jad chasaka stellt Maimonides den Satz: Jessod hajessodoth wa'aniud hachochma l‘jeda schejesch mazi rischon hu mamzi kol hanimza’im. „Der Urgrund und die Säule aller Weisheit ist, zu wissen, daß es ein Urwesen gibt, das alle Kreatur geschaffen hat.“ Gott ist das absolute Sein, dem keine körperliche Eigenschaft zukommt; er kann daher durch keines der ihm beigelegten Attribute erkannt werden. Und wenn die Heilige Schrift von der Hand oder von dem Auge Gottes, von seinem Erbarmen oder von seinem Betrübtsein spricht, so doch nur deshalb, weil die Thora sich „der Sprache der Menschen“ bedient. Es ist Torheit und Lästerung, derlei vermenschlichende Ausdrücke wörtlich zu nehmen. Maimonides beschließt seine theologisch-philosophische Betrachtung mit den Worten des Predigers: „Gott ist im Himmel und du bist auf Erden, darum mögen deine Worte wenige sein!“ Aus der Erkenntnis von der uneingeschränkten, ewig sich gleichbleibenden Vollkommenheit des Schöpfers ergibt sich Maimunis Wertung von Gut und Böse innerhalb der Schöpfung. Da aus dem Vollkommenen nicht Unvollkommenes hervorgehen kann, versteht es sich, daß nur das Gute göttlichen Ursprungs ist. Das Böse aber stammt nicht von Gott; das Böse stammt von den niedern Stoffen, die sich zum Göttlichen nicht erheben können. Gelänge es dem Bösen, aus seinen Niederungen aufzusteigen, so würde es eben aufhören, böse zu sein. Das Böse entsteht aus der Abwesenheit des Guten wie die Finsternis aus der Abwesenheit des Lichts. Was aber ist das Gute, wonach die Menschenseele streben soll? Maimonides antwortet darauf: die Gotteserkenntnis. Merkwürdig in dieser Beziehung ist Maimunis Unsterblichkeitslehre. Nach der Meinung des Maimonides ist die Unsterblichkeit gradweise abgestuft, das heißt, es gibt ein Mehr und ein Weniger an Unsterblichkeit. Der Grad der Unsterblichkeit richtet sich ganz nach dem Grade der Gotteserkenntnis, die die menschliche Seele in ihrem irdischen Dasein gesammelt hat. In theologisch-politischer Beziehung höchst bedeutsam sind die Auslassungen Maimunis über den jüdischen Messianismus. Im allgemeinen spricht Maimonides weniger vom Messias selbst als von den „Tagen des Messias“, nämlich von der messianischen Zeit. Die Tage des Messias, erklärt Maimonides, liegen im Zeitenschoße verborgen, niemand kann sie vorherbestimmen oder vorausberechnen. Alle derartigen Angaben haben sich noch immer als falsch erwiesen und verhängnisvoll ausgewirkt. Die falschen Berechnungen haben falsche Messiasse und die falschen Messiasse viel Unheil über Israel gebracht. Wfe vor falschen Berechnungen, so warnt Maimonides auch vor falschen Vorstellungen von der messianischen Zeit. „Laß es dir nicht in den Sinn kommen“, schreibt er in seinem Jad chasaka, „daß in den Tagen des Messias der Lauf der Welt sich ändern würde, daß etwa in den Schöpfungswerken Wunderdinge geschehen würden. Die Welt wird nach wie vor ihren Naturgesetzen folgen. Die Verheißung des Propheten Jesaja: ,Und es wohnt der Wolf mit dem Lamme und es lagert der Leopard mit dem Böcklein*, ist bloß ein Gleichnis und bezieht sich auf die Feinde Israels. 4