Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 13 (1935)
- Issue
- 4 (1.4.1935)
- Date
- 1935-04-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/10279732-10021717-10021670--163-3980914- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Mose ben Maimon Zum 800. Geburtstag des Religionsphilosophen Von Samuel Meiseis, Wien (Fortsetzung) MRimuni hatte also, wie man heute sagen würde, eine ausgedehnte ärztliche Praxis. Daneben verfaßte er auch ln arabischer Sprache eine Reihe medizinischer Schriften. Ledere in seiner „Histoire de la mödicine arabe“ führt deren elf an. Etliche davon liegen in hebräischen Uebersetzungen vor. Und das ist das Erstaunliche: dieser vielbeschäftigte Arzt Mose ben Maimon fand noch Zeit und besaß noch Kraft genug, neben zahlreichen kleinern Schriften rabbinischen, philosophischen und medizinischen Inhalts den Kommentar zur Mischna, den Gesetzeskodex „Jad chasaka“ und das religionsphilosophische Werk „Moreh NTmchim,, zu verfassen — drei Riesenwerke, die wie mächtige Hochbauten aus dem gesamten jüdischen Schrifttum emporragen. Der in arabischer Sprache abgefaßte Mischna-Kommentar ist freilich lange vor der Fostater Zeit entstanden. Den Mischna-Kommentar hatte Maimonides in seinem dreiundzwanzigsten Jahr (1158) begonnen und nach zehnjähriger Arbeit (1168) vollendet. Doch dürfte er die letzte Durcharbeitung und Verbesserung erst in Fostat vorgenommen haben. Der Mischna-Kommentar ist ein großangelegtes Erläuterungswerk zu der im zweiten Jahrhundert der heutigen Zeitrechnung von Rabbi Jehuda Hanassi redigierten Sammlung mündlich überlieferter Gesetze, die den Namen „Mischna“ (Wiederholung) führt. Die Mischna besteht aus sechs „Ordnungen“ und jede einzelne Ordnung aus mehreren Traktaten. Maimunis Kommentar umfaßt sämtliche Ordnungen in allen ihren Teilen. Vollständig liegt der Mischna-Kommentar in der hebräischen Uebersetzung vor, die in längem Zeitabständen von mehreren Gelehrten hergestellt wurde; vom arabischen Original haben sich bloß einzelne Teile erhalten. Ferner wurde Maimunis Mischna-Kommentar von Pocoke und von Surenhus ins Lateinische übertragen. Seinen Kommentar nennt Maimonides „Sirag“, ein arabisches Wort, das Beleuchtung bedeutet. Der Titel kennzeichnet das ganze Werk, er gibt gewissermaßen über dessen Beschaffenheit vorweg Aufschluß. Maimuni begnügt sich nicht mit der Wort- und Sacherklärung allein, sondern er sucht darüber hinaus alle dunkeln Mischnastellen aufzuhellen und die einzelnen religionsgesetzlichen Normen sinnerschließend zu beleuchten. Besonders lehrreich und eigenartig sind die Einleitungen zu den einzelnen Traktaten. In diesen Einleitungen, die wohlgeordnete, in sich abgeschlossene Abhandlungen darstellen, entwickelt Maimonides sein System der jüdischen Theologie, wobei auch schon der Religionsphilosoph zu Worte kommt Wichtig vor allem ist die Einführung in die sechs Ordnungen der Mischna; sie enthält in der Hauptsache eine grundlegende Untersuchung über das geoffenbarte und überlieferte Gesetz, daneben werden aber auch einige theologische Themen, wie das Wesen der Prophetie und der Geschichtswert der in der Bibel vorkommenden Wunder, eingehend behandelt. Die Einleitung zum 11. Abschnitt des Traktates Sanhedrin bringt einen theologisch-philosophischen Exkurs über die Glaubenssätze von der Unsterblichkeit der.Seele und der Auferstehung der Toten. In dieser Einleitung finden wir auch die bekannten dreizehn Glaubenssätze, des Maimonides, die später als verpflichtende Glaubensartikel in das tägliche Gebet aufgenommen wurden. Mit den „Dreizehn Glaubenssätzen“ hat Mose ben Mai mon gleichsam die Summe aus dem religiösen Lehrgehalt des Judentums gezogen. Die 13 Artikel lauten: 1. Es ist ein Gott — Ein Gott, der Schöpfer des Alls; 2. Er ist der Einzige und außer ihm keiner; 3. Gott ist der reine Geist, ohne alle Körperlichkeit; 4. Gott ist ewig; 5. Ihn allein darf man verehren; 6. die Worte der Propheten sind Wahrheit; 7. Moses war der größte der Propheten; 8. die Thora ist von Gott offenbart; 9. die Gesetze der Thora sind für ewige Zeiten unabänderlich; 10. Gott ist allwissend; 11. Er belohnt das Gute und bestraft das Böse; 12. einst kommt der Messias, und 13. die Toten werden auferstehen. Diese Glaubenssätze bilden insgesamt das „Ani ma'amin“ (Credo), auf das Maimuni jeden rechtgläubigen Juden verpflichtet. Freilich, von einem Manne wie Maimonides, der, mit Achad Haam zu reden, im Bereiche der Religion die „Herrschaft der Vernunft“ aufgerichtet hat, von einem Rationalisten seines Schlages hätte man eher erwarten dürfen, daß er gleich dem Propheten Habakuk den gesamten Glaubensinhalt auf die eine Formel bringen würde: „Der Gerechte-lebt in seinem- Glauben“ (Habakuk 2, 4). Aber es zeigt, wie tief verwurzelt im jüdischen Volkstum Maimonides war, daß er in Sachen des Glaubens, die dem Volke als unantastbar galten, auch nicht den geringsten Abstrich duldete. Von besonderer Wichtigkeit ist ferner die Einleitung zum Traktat „Die Sprüche der Väter“. In einer Abhandlung, bestehend aus acht Abschnitten, bietet hier Maimonides eine gerundete, auf rationaler Psychologie aufgebaute ..Ethik“. Diese Schrift, schlechtweg „Schemona perakim 1‘ha-Rambam“ (Die acht Abschnitte des Maimonides) genannt, ist oftmals gedruckt, kommentiert und in fremde Sprachen übersetzt worden. Sie zählt, ebenso wie die Abhandlung über die logischen Begriffe „Miloth ha-Higajon“, zu Maimunis kleinern philosophischen Schriften. Der Mischna-Kommentar, an sich eine talmudischwissenschaftliche Glanzleistung, ist von geringerer Bedeutung im Vergleich mit Maimunis Gesetzeskodex „Mischneh Thora“ (Wiederholung des Gesetzes), bekannter unter dem .Namen „Jad chasaka“ (Die starke Hand); das Wort „Jad‘^ (Hand) entspricht im Hebräischen dem Zahlen- * wert 14, und da nun dieses Werk des Maimonides aus vierzehn Büchern besteht, so wird es auch kurz „Sepher ha-Jad“, das Vierzehn-Buch, genannt. Das Sepher ha-Jad ist eine Art „Summa“ der jüdischen Tradition. Durch sprachliche Klarheit, weise Anordnung und mustergültigen Aufbau gleich ausgezeichnet, stellt es ein enzyklopädisches Werk ersten Ranges dar, wie man es in der gesamten rabbinischen Literatur ein zweites Mal nicht findet. Mit starker Hand, das heißt mit überlegener Sicherheit ist in den vierzehn Büchern dieses Werkes das ganze schriftliche und mündliche verbindliche Gesetz des Judentums mit seinen göttlichen Verpflichtungen und menschlichen Verordnungen, mit seinen tausendfältigen Bindungen für das persönliche und das gesellschaftliche Leben, mit allen seinen Vorschriften und Weisungen und Regeln und Richtlinien überschaulich geordnet. Mit diesem Kodex — übrigens <fts einzige große Werk, das Maimonides in hebräischer Sprache geschrieben hat, alle andern Werke schrieb er arabisch — bezweckte Maimuni nichts Geringeres, als alle Religionsgesetze und religiösen Gefühlswerte des Judentums für alle Zeiten lebendig zu erhalten. Der Jad chasaka ist das größte Werk, das auf dem Gebiete des rabbinischen Schrifttums geschaffen wurde. Dieser Größe entsprach auch das Aufsehen, das sein Erscheinen bei den Juden in der ganzen Welt hervorrief. Es hat nicht nur auf das geistige, sondern auch *auf das 3