Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 13 (1935)
- Issue
- 4 (1.4.1935)
- Date
- 1935-04-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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setzmäßigkeit, die ihn im Kreise seiner Brüder und nach der Weisung Gottes glücklich werden läßt. In Krisenzeiten wächst dieser „Hunger“ des Juden; so können Zeiten, die nach außen den Eindruck von Krisenzeiten erweckep, nach innen sich zu Zeiten der Entscheidung entwickeln, in denen unsere Glaubensbrüder den wahren jüdischen Hunger empfinden und nun nach einer Stelle Umschau halten, wo sie ihn stillen können. „Jeder der hungrig ist, komme und esse!“ Jeder, der sich allein fühlt, der den wahren verbindenden Sinn des Peßachfestes noch nicht erfühlt hat, aber den frühlinghaften Gehalt des Festes verspüren möchte, kann dies nur inmitten seiner Gemeinschaft, deren kleiner Ausdruck für jeden von uns die Gemeinde ist. Viele von uns haben ihre Ausgehungertheit nach jüdischen Gütern erst durch den Zwang zum Bekennen entdeckt. nicht in freiwilliger Selbstanalyse. Was tut’s? Noch ist’s Zeit, wir wollen keine Steine werfen, nur weil wir etwas früher unseren Hunger empfanden und uns etwas zeitiger auf den Weg machten. Noch kann jeder, der das Ziel sucht, zu dem allgemein verbindenden Weg der Gemeinde stoßen, die es, als heiliges und ewiges Gut, zu erhalten gilt und die wir als kleinsten Ausdruck von jenem Gesamt-Israel betrachten, mit dem wir uns in der Stunde des geschichtlichen Rückblicks verbinden. Dieser Rückblick ist uns zugleich Umblick; und wir erwarten nicht nur. daß jeder nach jüdischem Gut Hungrige zu essen bekomme, sondern wir erwarten, daß der Hungrige komme, daß jeder den Weg finde, den „endlosen Weg“ des Juden, der ihn immer wieder — heiße der Feiertag, wie er will — zurückweist: auf die Gemeinde, auf die Gemeinschaft, auf „Ganz-Israel“. Wer sich mit uns an den Tisch setzt — es wird wohl keiner draußen stehen, denn es ist auch in organisatorischer Hinsicht Sorge getragen, daß jedem Gelegenheit gegeben werde, an dem Tisch der jüdischen Erinnerung und Verbrüderung mitzuessen — möge auch mit uns den Weg der Selbstbesinnung und der dadurch bedingten Selbstberuhigung gehen. Ein jeder ist willkommen, wenn er auch mit uns die Konsequenzen zieht und erst e r kennt und dann b e kennt. Die Gesinnung, die der rückblickende und doch aktuelle Sederabend uns aus der Ordnung unserer Geschichte lehrt, möge auch unsere Brüder beseelen, die Lehre der Vergangenheit aufzunehmen, denn immer zogen wir im Geist an diesem Abend in die freie jüdische Wirklichkeit! Und auch am Peßachfeste dieses Jahres, ziehen wir wieder in unser Eigentum, genau wie die Väter, voii denen wir lesen. Schon fragt der Jüngste, was wir denn da machen, und wir erklären ihm, in einfachen, einem Jedem verständlichen Worten, daß wir den Auszug aus Mizrajim feiern, aber nicht bloß Historie treiben, sondern uns selbst in persönlichste Beziehung setzen zu dem Vorgang, den wir erzählen. „Wehigadto lewincho“, denn erzählen sollst du deinem Sohn. Wohl dem Vater, der so erzählen kann, daß der Sohn erkennt; wir feiern ein Fest der Freiheit, das ihn im höchsten Maße angeht; zwar stehen bittere Kräuter auf dem Tische, aber doch ist es ein Freudenmahl! Dazu müssen wir die Söhne erziehen, zur Erkenntnis unserer Geschichte, dann erhält jene Antwort Sinn, die wir ihnen geben, jene Antwort, die Knechtschaft und Freiheit beieinander zeigt, aber doch dem Hungrigen den Weg weist, nach Erkenntnis und Selbstbestimmung, zu der Erinnerung, daß bereits einmal ein Geschlecht in schwerer Zeit zu sich selbst zurückgefunden hat. Zur Frage der jüdischen Schule Von Abraham Horovitz, Frankfurt a. M. Unter dem Stichwort „Unsere Jüdische Schule“ ist in der Januar-Nummer dieses Blattes ein Aufsatz erschienen. Es ist freudig zu begrüßen, daß auch Angehörige von Gruppen, die früher die Jüdische Schule fast durchweg abgelehnt haben, sich nun mit Wärme für die Jüdische Schule einsetzen. Noch bei der letzten Verbands Versammlung im April 1932 wies ich mehrfach auf die Notwendigkeit der Erhaltung und Errichtung der Jüdischen Schule hin und mahnte, vorzubauen und nicht abzubauen, zumal wir nicht wüßten, ob wir nicht dazu „gezwungen“ werden, jüdische Schulen zu haben. Damals noch wurde von anderer Seite geltend gemacht, die Verhältnisse seien gegen Erhaltung der Jüdischen Schule. Die Entwicklung hat uns ein anderes gelehrt. Nicht zu verstehen ist nun aber, wenn in dem oben erwähnten Aufsatz behauptet wird, es müßten Einheitsschulen errichtet werden und in diesen Einheitsschulen gebe es keine Abgrenzung nach der konservativen, liberalen oder zionistischen Richtung. Die Verfassung des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden weist einen anderen Weg. In dieser Verfassung ist festgelegt, daß für den Unterricht gesonderte Ausschüsse für jede religiöse Richtung einzurichten sind. So besteht denn auch im Landesverband ein liberaler und ein konservativer Unterrichtsausschuß; die Selbständigkeit dieser Ausschüsse ist durch besondere, Bestimmungen gesichert. Gerade vom Standpunkt des Landesverbandes her ergibt sich also, daß zumindest in Gemeinden, wo das Schülermaterial mehr als ausreichend vorhanden ist, getrennte Schulen je nach der religiösen Richtung aufzubauen und einzurichten sind. Die Reichsvertretung der deutschen Juden hat mit ihren Richtlinien sicher nicht zum Ausdruck bringen wollen, daß nur „Einheitsschulen“ gebildet und erhalten werden sollen. Das würde auch der gegebenen Sachlage durchaus widersprechen. Takt des Lehrers und Aufsicht der Gemeinde können, worauf der Verfasser jenes Artikels selbst hinwies, schließlich zuwege bringen, daß keine religiöse oder politische Richtung auf irgendeine Art ge' kränkt oder zurückgesetzt wird. Sie können aber nicht bewirken, daß ein wirklich lebendiges Schulgebilde, eine wirklich vom jüdischen Geist durchflutete Schulgemeinschaft entsteht. Es muß schon dabei bleiben, — und die Gemeinden, die dem Landesverband angehören, werden darüber zu wachen haben —, daß die örtliche Selbständigkeit auch in dieser Beziehung in jeder Weise gewahrt bleibt. Es gewinnt fast den Anschein, als seien in der Aeußerung, mit der ich mich hier befasse, Sonderverhältnisse in Berlin gestreift. So bedeutungsvoll die Entwicklung der Berliner Gemeinde auch ist, so kann doch eine Entschließung der dortigen Gemeindebehörden und die etwaige Stellungnahme der Berliner Mehrheitsgruppen weder als sachlich begründet noch gar als maßgeblich für das Leben anderer Gemeinden angesehen werden. Es ist jedenfalls eine untragbare Zumutung, daß auch,wenn in einer großen Gemeinde eine größere Zahl von Erziehungsberechtigten vorhanden ist, die für ihre Kinder eine jüdische Erziehung im Sinne der Thora für notwendig hält, allgemein gesagt wird, daß die Betreuung grundsätzlich Sache der bezüglichen Erziehungsberechtigten und nicht mehr Sache der Gemeinde selbst sein soll. Ganz einig gehe ich mit der Aufforderung des Mitarbeiters von der Januar-Nummer, daß Eltern, Lehrer und Jugend Zusammenwirken sollen und müssen, um aus allen bestehenden und zu gründenden Schulen wirklich. „Jüdische Schulen“ zu machen. Je mehr Kinder den Segen der vom Geist der Thora getragenen „Jüdischen Schule“ erleben, um so mehr wird unser Geschlecht für die Erhaltung des Judentums und die Belebung unserer Jugend getan haben. 2