Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 13 (1935)
- Issue
- 3 (1.3.1935)
- Date
- 1935-03-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
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Mose ben Maimon Zum 800. Geburtstagldes Religionsphilosophen Von Samuel Meiseis, Wien. t Damals im Mittelalter, als noch über Europa tiefes Dunkel lag, erglänzte im Ostreiche der Abbasiden das Licht einer hohen und edlen Geisteskultur. Ueberall im Reiche des Islam erblühte Kunst und Wissenschaft, die Poesie entfaltete sich herrlich und die altgriechischfe Weisheit trieb von neuem Blüte und Frucht. Die Geistesschätze der Antike, wie ein kostbarer Besitz gehütet und in ihrem Bestand durch Abschriften, Wiedergaben und Uebersetzungen gesichert, wurden unablässig durch eigene Geisteserzeugnisse vermehrt. So entstand, auf dem Boden nachschaffender und eigenschöpferischer Leistungen, die arabische Kultur — ein weithin sichtbares Wahrzeichen des nach Schönheit dürstenden und nach Erkenntnis ringenden Menschengeistes. Durch ein halbes Jahrtausend und länger entwickelte sich die arabische Kultur fortschreitend aufwärts. Ihren Höhepunkt aber und ihre schönste Blüte erlangte sie im spanischen Kalifat Cordova, wo die Letzten der Omejjaden mit Macht und Weisheit herrschten. Die Juden in den islamischen Ländern, zumal auf der pyrenäischen Halbinsel, standen den mannigfachen Kulturbestrebungen der Araber teilnehmend und fördernd gegenüber. Sie genossen willig die Segnungen der arabischen Kultur und waren zudem bestrebt, zu deren Ausbau und Ausbreitung ihr redlich Teil beizutragen. Mit heißem Bemühen suchten sie das Bildungsstreben der Zeit auf alten Geleisen in neue Bahnen zu lenken. Gemeinsam mit den Arabern und auch gesondert von ihnen beackerten die Juden den fruchtbaren Boden, auf dem die edelsten Pflanzungen der Menschheit, Gesittung und Geistesbildung, lichtvoll gediehen. Mit außerordentlichem Fleiß und in weitem Umfange betrieben sie das Studium der Heilkunde, der Mathematik, der Astronomie, der Geographie und anderer Wissenschaften. Es gab damals fast kein einziges Wissensgebiet, auf dem nicht auch die Juden wertvolle Arbeit geleistet hätten. Und eben in jenen Zeiten und an jenen Orten, wo die arabische Kultur in höchster Blüte stand, da war den Mohammedanern der Koran, .den Juden die Bibel und beiden die Philosophie das edelste Gut, das sie geistig bewirtschafteten. Araber und Juden wetteiferten miteinander, die zwei Mächte Glauben und Wissen zu einer einzigen geistesbeherrschenden Macht zu vereinen. Sie waren bestrebt, die Religion durch die Philosophie zu stützen, die Philosophie durch die Religion zu rechtfertigen, und brachten so als Schößling ihrer wissenschaftlichen Triebe die Religionsphilosophie hervor. Der Zweck der Religionsphilosophie war nicht, wie man es öfter bildlich darzustellen beliebt, Religion und Philosophie in ein Verhältnis von Herrin und Magd zu bringen; ihr Zweck war vielmehr, jeglichen Schriftwortes ersten Sinn an der Weisheit letzten Schluß zu ketten und solcherart Beweis auf Beweis zu türmen, daß Glauben und Wissen, Offenbarung und Vernunft wohl nicht gleichermaßen, aber doch gleichweise Quellen des Göttlichen erschließen. Es ist klac, daß dergleichen Bindungen nicht ganz ohne Gewaltsamkeit vor sich gehen können. Geistige Gewaltsamkeiten aber erzeugen vielfach Irrungen und Wirrungen, verursachen gar oft ein Schwanken und Schüttern der Seele. So gab es denn auch unter den Juden jener Zeit der Schwankenden und Irrenden gar viele, denen ein sicherer Führer nottat. Ein solcher Führer und Seelenarzt erstand in — Mose ben Maimon. * Maimonides, auch Maimuni, hebräisch Rabbi Mose ben Maimon (abgekürzt „RaMBaM“), arabisch Abu Imram Musa ben Maimun Obeid Allah geheißen, erblickte am Vorabend des Peßachfestes, am 14. Nissan 4895 (30. März 1135} in Cordova das Licht der Welt. Sein Vater, Maimon ben Joseph, war Dajan in Cordova, das heißt, Mitglied des dortigen Rabbinerkollegiums. Er war ein bedeutender Talmudgelehrter, der auch über ein ansehnliches Maß an profanem Wissen verfügte. Unter seiner Leitung erhielt der junge Maimuni seine erste Ausbildung in Bibel und Talmud, sowie in einigen profanen Fächern. Doch bald genügte dem jungen Maimuni in seinem Bildungsdrange der väterliche Unterricht nicht mehr; da er keine Schule, kein Lehrhaus besuchte, so war er emsig bemüht, sich durch Selbstunterricht den Weg zu einem höheren Ziele zu bahnen. Er setzte selbstlernend seine^ biblischen und talmudischen Studien fort, trieb daneben Mathematik und Astronomie, las fleißig die Werke der arabischen Philosophen und widmete sich mit besonderer Hingebung dem Studium der Heilkunde. Die solcherart erworbenen Kenntnisse suchte er überdies durch Umgang mit jüdischen und arabischen Geiehrten sowie durch freundschaftlichen Verkehr mit Jüngern der Philosophie zu erweitern. Es war dem jungen Maimuni nicht vergönnt, die Jahre seiner Entwicklung in Frieden zu verleben. Als 1148 die Almohaden Cordova eroberten' und in ihrem blindwütigen Glaubenseifer die Juden zwangen, entweder sich zum Islam zu bekennen oder auszuwandern, da verließ Maimon mit den Seinen Cordova, um dem Glaubenszwang zu entgehen. Die Familie Maimon wandte sich zunächst nach Almeria, dann nach andern Städten des christlichen Spanien, ohne sich indessen irgendwo^ dauernd niederzulassen. Der junge Maimuni mußte mehrere Jahre alle Mühsal eines unsteten Lebens ertragen. Aber auch in seinen unfreiwilligen Wanderjahren blieb er sich seiner reiigionsphilosophischen Sendung bewußt. Er verdoppelte seinen Fleiß, mit dem er seinen Studien oblag, und schritt wacker vorwärts auf der Bahn, die er sich selbst vorgezeichnet hatte. Im Jahre 1159 kam Maimuni nach Fes in Marokko. Fes war damals die Hauptstadt des Almohadenreiches, wo unter der Regierung Abdulmumens die Unduldsamkeit und der Giaubenszwang am .stärksten wirksam waren. Ein großer Teil der in Nordafrika lebenden Juden unterwarf sich dem Glaubenszwang zum Schein, bekannte sich äußerlich zum Islam, blieb jedoch innerlich dem angestammten Glauben treu.’ Die Rabbinen verurteilen streng jeden Gedankenrückhalt in Glaubenssachen; lieber solle man den Märtyrertod erleiden, als öffentlich, und sei es -auch nur zum Scheine, sich zu einem fremden Glauben bekennen. Die Juden befanden sich also in einem qualvollen Gewissenskonflikt. Hier ließ nun Mose ben Maimon zum erstenmal seine Stimme vernehmen. Nachdem bereits sein Vater in einer Schrift die nordafrikanischen Juden getröstet und zum Ausharren im Väterglauben ermuntert hatte, verfaßte auch Maimuni ein Sendschreiben über den Giaubenszwang „Iggereth-ha-Schemad“. Entgegen der Ansicht der Ueberfrommen erklärte Maimonides, daß ein Jude, der unter schwerster Bedrohung Scheinmoslem geworden ist, nicht aufhöre, Jude zu sein, solange er im Herzen den Väterglauben bewahrt und im Verborgenen das jüdische Gesetz erfüllt. Dem erzwungenen Nachsprechen eines fremden Bekenntnisses käme keine entscheidende Bedeutung zu; in der Glaubenssache entscheide einzig der Glaube, den man im Herzen trägt. Maimonides ermahnte seine Glaubensbrüder, in Treue auszuharren und gottergeben auf die Tage zu warten, wo sie der Allmächtige vom Joche der Mächtigen erlöst. 13