Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 13 (1935)
- Issue
- 3 (1.3.1935)
- Date
- 1935-03-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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und etwas Ehrfürchtiges stecke in seinen Werken. Solche Zeugnisse bedeuten uns heute mehr als früher; nicht, weil wir nötig hätten, uns auf sie zu berufen, sondern einfach: weil sie selten geworden sind. Wir selber haben immer gewußt, daß zum wahren Schaffen Ehrfurcht und Ethos gehören, und so wird uns Liebermann ..jüdischer“, als wenn er ohne diese hohen Eigenschaften jüdische Sujets gemalt hätte, und wie auch immer die nichtjüdische Umwelt zur Frage seines Deutschtums stehen mag, uns deutschen Juden ist sein Leben und Schaffen Bestätigung dessen, was wir unter deutschem Judentum begreifen und uns vorstellen.— In derselben Linie bewegen sich unsere Gedanken bei der Erinnerung an einen andern echten deutschen Juden, der uns in diesem Monat entrissen wurde. Fritz Engel, als Schriftsteller und Publizist nicht von so internationalem Ituhm wie Lieberinann als Maler, aber doch als Thealerkritiker und Redakteur (vor allem am ..Berliner Tageblatt“) von ffem gleichen hohen Verantwortungsgefühl getragen, von dem Bewußtsein seiner Zugehörigkeit zum Deutschtum durchseelt, den Fragen und der Gemeinschaft des Judentums jederzeit aktiv zugewandt. — Ihm zum Teil geistig verwandt war .1. E. Poritzky. der zwar in Polen geboren, aber seit seinem zehnten Lebensjahre, d. h. seit 40 Jahren in Deutschland heimisch war, ein feinsinniger Essayist, der auch spezifisch jüdische Stoffe behandelt hat („Keinen Kaddisch wird man sagen" — damit ist er uns Juden am nächsten gerückt) und der doch iin Geistesleben der Allgemeinheit so heimisch war. daß er während des Krieges Oberspielleiter und Dramaturg am Badischen Landestheater in Karlsruhe sein konnte. — Das Sterilen solcher Männer in solcher Anzahl läßt eine alte Frage schmerzhaft wieder wach werden: die Frage nach der Bewertung der Juden und ihrer Leistungen im Kreise derer, für die diese Leistungen vollbracht werden. Und schmerzend wie di^ Frage ist die Antwort, so geläufig sie uns auch leider schon geworden sein mag —daß wir eine positive Bewertung fast nur noch außerhalb unserer Heimat feststellen. So hat z. B. der ungarische reformierte Bischof und Mitglied des Oberhauses Dr. Desider Baltazar im Jubiläumsheft einer ungarisch-jüdischen Zeitschrift dem Geist des Judentums von hoher religiöser Warte aus gehuldigt. Und aus Dänemark. Belgien. Holland, Italien, der Tschechoslowakei hören wir, daß eine Anzahl unserer Glaubensgenossen teils in hohe politische oder wissenschaftliche Kalender für März Freitag März 1 Adar 26 Sonnabend M 2 ft 27 IijjifW; Sä. Vflaiia; llmntnt Sonntag ff 3 ft 28 Montag ff 4 ff 29 Dienstag ff 5 ff 30 i. Tag Neumond Mittwoch 6 Marstei 1 2. . Donnerstag ff 7 ff 2 Freitag ft 8 ff 3 Sonnabend ff 9 ff 4 P Wude Sonntag ff 10 ft 5 Montag 11 ff 6 Dienstag 12 7 Mittwoch 13 8 Donnerstag ff 14 ff 9 Freitag ff 15 10 Sonnabend « 16 ff 11 W»i|ilcro; Sch. Sochaur Sonntag fl 17 «f 12 Montag 18 13 Purim Vorabend Dienstag ff 19 ff 14 Purim Mittwodi 20 15 Schuschan Purim Donnerstag »f 21 ft 16 Freitag 22 17 Sonnabend ft 23 n 18 Zaw; Sch. Porqh Sonntag ff 24 19 Montag n 25 20 Dienstag 26 21 . Mittwodi 27 22 Donnerstag 28 23 Freitag 29 24 Sonnabend ff 30 n 25 Säwä: Sä. bäntoä: fcamtntät Sonntag >1 31 ff 26 Aeuiter berufen, teils mit hohen Auszeichnungen geehrt worden ist. Das sind Nachrichten, die uns keineswegs froh stimmen, wenn wir an die Stellung denken, die wir Juden in Deutschland heute einnehmen, und die wir nicht einmal allzu hoch veranschlagen dürfen, wenn wir an die Lage der Juden in den übrigen Ländern denken. Denn es ist leider vielfach so, daß selbst die Eingliederung als gleichberechtigte Staatsbürger, ja als Volksgenossen, unsere Glaubensbrüder nicht immer vor den Schäden bewahrt, die ihnen hierzulande und im benachbarten Oesterreich die Ausgliederung bringt. Ein Beispiel dafür bietet die Türkei. So wie dort die Mohammedaner ihre arabische Gebetssprache und ihre arabischen Namen zugunsten türkischer Gebete und Namen aufgegeben haben, so schaffen auch die Juden ihre hebräischen Namen und Gebete ab, nennen sich und beten türkisch und wollen „Türken jüdischen Glaubens“ sein. Sie werden darin von der Regierung unterstützt —: ebenso wie das neue türkische Parlament zum ersten Mal in der Geschichte Frauen als Abgeordnete einziehen und wirken sieht, so sieht es auch — dem Wunsche des Ghazi gemäß — den ersten Juden als türkischen Abgeordneten. Aber die gleiche nationale Politik Ghazi Kemal Paschas hat auch zur Folge, daß sogenannte Auslandstürken, vornehmlich aps Bulgarien und Rumänien, nach der Türkei einwandern und, wenn auch nicht in Istambul selber, so doch in der Provinz durch eine besonders geartete nalionaltürkische Wirtschaftspropaganda eine Art Handelsmonopol innehaben und das jüdische Geschäftsleben, das dadurch unter einem stillen Boykott steht, schwer gefährden. Kein Wunder also, daß wir in paradoxer Gleichzeitigkeit mit der Türkisierung der Juden auch von ihrem erheblich gesteigerten Auswanderungsbedürfnis hören, das zur Entsendung eines Delegierten aus Adrianopel nach Jerusalem geführt hat, um bei der Palästina-Exekutive der Jewish Agency Erleichterungen für die Einwanderung von Juden aus der Türkei zu erlangen. — Am stärksten zeigt sich der eigentümliche Schwebezustand, in dem wir Juden uns überall befinden, in Oesterreich. Auf der einen Seite stehen Tatsachen wie die, daß der Bundespräsident Miklas dem Violinvirtuosen Fritz Kreisler zu seinem 60. Geburtstag das Offizierskreuz des österreichischen Verdienstordens persönlich überreicht hat und daß ferner bei der Eröffnungsfeier des neuen Traktes des Jüdischen Versorgungshauses in Wien der Wiener Oberbürgermeister Dr. Schmitz elienfalls persönlich erschienen ist und sogar eine Ansprache gehalten hat; auf cjcr andern Seite stehen die bekannten Aeußerungen des Vizekanzlers F'ürsten Starhemberg, die allgemein als Ankündigung einer antijüdischen Gesetzgebung aufgefaßt werden und im Zusammenhang mit dem sozialreformerischen Aerztegesetz-Entwurf, mit der Verdrängung der Juden aus dem Wiener Schulwesen, und mit der erzwungenen Demission des Direktors Goldberg der Wiener Handelsakademie überall lebhafte Beunruhigung hervorgerufen haben, obwohl der Chef des österreichischen Bundespressedienstes, Minister F'duard Ludwig, eindeutig erklärt hat, „daß es nie die Absicht der österreichischen Regierung sein wird, die Juden ihrer Staatsbürgerschaft zu berauben“ und daß „die Regierung nie zulassen wird, daß der antisemitische Wind, der auch zu uns herweht, hier Erfolg habe“. — Vom Nachbarland im Osten richten wir unsern Blick auf das Nachbarland im Westen. Wir wollen hoffen, daß die Nachricht von dem Ueberfall, den Mitglieder der antisemitischen Organisation „Action Fran^aise“ auf eine jüdische Studentenversammlung in Nancy verübt haben, nicht als Symptom und noch weniger als Vorzeichen zu werten ist. Immerhin ist die soziologische Situation der französischen Juden heute, und schon seit langem, derart, daß die Gesellschaft für die landwirtschaftlichen Interessen der Juden „Le Renouveau“, an deren Spitze kein Geringerer als Albert Cr£mieux steht, eine große öffentliche Kundgebung für eine planvolle jüdische Berufsumschichtung in Frankreich abhielt; auch soll ein allgemeiner jüdischer Jugendtag nach Paris einberufen werden. — So hat die überall zunehmende Gefährdung überall eine Intensivierung des jüdischen Lebens im Gefolge; selbst in solchen Ländern, wo eine Gefährdung nicht besteht. Beispielsweise wird aus Dänemark von einer wahren jüdischen Renaissance berichtet; in der Jüdischen Gemeinde von Kopenhagen sind fast alle jüdischen Einwohner organisiert, und die gesamte jüdische Jugend hat sich 10