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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1935-03-01 · 3 (1.3.1935) · p. Seite 6

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
13 (1935)
Issue
3 (1.3.1935)
Date
1935-03-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Neben der Ausbildung neuer jüdischer Volksschullehrer hat sich der Landesverband auch der Frage der Lehrerfortbildung angenommen. Die Bearbeitung der hier erwachsenden Aufgaben erfolgt im engsten Zusammenhänge mit der zuständigen Abteilung der Reichsvertretung unter Federführung des Landesverbandes. Unter der Einwirkung der Vorgänge im Jahre 1933 hatte es sich zunächst darum gehandelt, die auf Grund der Beamtengesetze entlassenen oder vorzeitig pensionierten jüdischen akademischen Lehrkräfte mit demjenigen Maß jüdischen Wissens vertraut zu machen, das als Vorbedingung für ihre künftige Beschäftigung, im jüdischen Schuldienst gefordert werden mußte. Bereits aus dem vorjährigen Bericht ist ersichtlich, daß der Landesverband für diesen Zweck einen besonderen Kursus eingerichtet hat, durch dessen Besuch zugleich die Befähigung zur Erteilung jüdischen Religionsunterrichtes erworben werden konnte. Inzwischen ist nun im jetzt abgelaufenen Berichtsjahr die erste Abschlußprüfung erfolgt, an der sich 12 Damen und Herren beteiligten, von denen 10 die Abschlußprüfung bestanden haben. Es sind ferner neue Kurse der gleichen Art eingerichtet worden, deren Dauer sich auf zwei Jahre erstreckt und deren Ziel ebenfalls die Abschlußprüfung ist. Es konnte indessen nicht genügen, die entlassenen oder vorzeitig pensionierten Philologen zur Erteilung jüdischen Religionsunterrichtes geeignet zu machen, sondern es wurde nötig, für den allgemeinen Volksschuldienst einen großen Teil unserer jüdischen Lehrer allgemeinpädagogiseh weiterzuhilden: außerdem erwuchs, als drittes Erfordernis, die Aufgabe, unsere aus dem allgemeinen Schuldienst kommenden Lehrer für die Behandlung des Judentums sozusagen als ..Konzentrationsthema" zu befähigen: im Deutschunterrieht. im Geschichtsunterricht und Palästinakunde. Dieser erweiterten Lehrerfortbilduug im eigentlichen Sinne dienen Kurse, die in Berlin und Frankfurt am Main eröffnet worden sind. Für die Lehrerschaft in den Provinzen kommen fortlaufende Kurse nicht in Betracht: liier erfolgt die Unterweisung der Lehrer während der Schulferien auf Tagungen in arbeitsgemeinschaftlicher Form. So fand vom 1. bis 4. Januar 1935 die erste ..Pädagogische Arbeitstagung'* in Essen für den rheinlündisch-westfälischen Industriebezirk statt, über die in der diesjährigen Februarnummer des Verwaltungsblattes ausführlich berichtet worden ist. Weitere solche Arbeitstagungen in anderen Bezirken sind geplant. Die Uebernahme aller dieser Aufgaben zeigt, daß der Landesverband seine Mission darin erblickt, nicht nur in finanzieller Hinsicht für einen Lastenausgleich zu sorgen, sondern auch kulturelle Arbeit im weitesten Umfang zu leisten. Diese hat — abgesehen von der für die Allgemeinheit bestimmten Lehrerbildungs- und -fortbildungsarbeit — bei den heutigen Verhältnissen in erster Linie den Kleingemeinden zugutezukommen. Nach wie vor werden zu den Hauptfesten und zu den Hohen Feiertagen an die predigerloscn Gemeinden Predigten verschickt, damit sie von einem der Vorsteher oder einer sonst geeigneten Persönlichkeit verlesen werden können. Außerdem aber hat der Landesverband bereits bei Beginn des jetzt allgelaufenen Berichtsjahres, d. h. zu Pessach 1934, eine Aktion unternommen, die darauf abzielt, überall im Lande den Glaubensgenossen in den kleinsten Gemeinden und auf den Dörfern und ebenso den in der Stadt lebenden alleinstehenden Juden die Teilnahme an Sederabend e n zu ermöglichen. Die Forderung lautet, daß kein einziger Jude sich am Sederabend allein fühlen darf, sondern daß im 'Gegenteil jeder durch Teilnahme an Sederfeiern im Kreise von Glaubensgenossen den Trost der Religion und die Stärkung durch die Gemeinschaft erfährt, deren viele gerade heute so sehr bedürfen. — In ähnlicher Weise wurde im Herbst verfahren: jeder Jude sollte die Weihe der Rosch Haschanafeiern, den Zauber unserer Laubhütte und die Freude unseres Simchat Thorafestes erleben, damit ihm die lebendige Kraft des Judentums und der jüdischen Gemeinschaft fühlbar werde. Der Segen dieser Arbeit liegt auch keineswegs nur in der seelischen Aufrichtung. Indem man auf diese Weise bisher isolierte Menschen mit anderen Glaubensgenossen zusammenführte, ist auch viel praktischer Nutzen gestiftet worden. Die Maßnahmen sollen deshalb im nächsten Arbeitsjahr des Landesverbandes wiederholt werden, und zum bevorstehenden Pessachfeste ist das Erforderliche bereits vorbereitet worden. Es wird dadurch die allgemein erstrebte Intensivierung des jüdischen Lebens in außerordentlicher Weise gefördert. Diesem Zwecke dient auch die den soeben geschilderten ähnliche Maßnahme, die der Landesverband aus Anlaß des jetzt beginnenden M a i m o n i d e s j a h r e s durchgeführt hat. Die Gemeinden sind durch Rundschreiben nachdrücklich angehalten worden, nicht'nur die üblichen repräsentativen, aber doch oft im Aeußerlichen steckenbleibenden Maimonidesfeiern abzuhalten, sondern durch Einrichtung von Lehrkursen und Arbeitsgemeinschaften die Persönlichkeit des Maimonides allen nahezubringen, damit das Wirken eines der größten Denker aller Zeiten in derjenigen Gemeinschaft lebendig bleibt, aus der er hervorgegangen ist. Nicht nur die Jugend, sondern ebenso die Erwachsenen sollen in die Lage versetzt werden, die hier bestehende große Bildungslücke auszügleichen, und der Landesverband hat deshalb den Rabbinern und Lehrern alle erforderlichen Anweisungen für die Beschaffung des wissenschaftlichen Materials zum Zwecke derartiger Jugend- und Erwaclisenen-Vorträge über Maimonides erteilt. Der Landesverband hat sich jedoch nicht darauf beschränkt, kulturelle Maßnahmen von seiner Berliner Zentrale aus zu organisieren, sondern er hat geglaubt, daß die -völlig neuartigen Verhältnisse auch das Beschreiten völlig neuer Wege geboten erscheinen lassen. Es galt, ein doppeltes Ziel zu erreichen. Während früher die Juden an den allgemeinen kulturellen Einrichtungen leilnahmen und so in den kleinen und mittleren Orten das Fehlen entsprechender jüdischer Einrichtungen, wie sie ja. in den Großgemeinden schon früher zahlreich bestanden haben, nicht empfanden, hat sich hier in den letzten zwei Jahren ein grundlegender Wandel vollzogen. Die Juden in den kleinen Städten befinden sich gerade in kultureller und gesellschaftlicher Beziehung in einer Isolierung, die sie seelisch neben ihrer ernsten wirtschaftlichen Gefährdung aufs tiefste bedrücken muß, - wenn es nicht gelingt, ihnen im Bereich jüdischer Kultur und Geistesleistung einen lebendigen Ersatz zu schaffen. Die Erreichung dieses Zieles war aber nur möglich, wenn der Landesverband sich zugleich noch ein zweites Ziel steckte. Wohl ist seine segensreiche Arbeit zur Erhaltung und Belebung des Gemeindelebens allerorten bekannt; aber doch ist es bisher so gewesen, daß nicht nur die wirtschaftliche, sondern sogar auch die kulturelle Arbeit nur von der Berliner Geschäftsstelle aus organisiert wurde, sodaß zwar wohl, die Arbeit als solche, nicht aber der Landesverband selber an die einzelnen Menschen herankam. So konkret die Wirkungen des Landesverbandes waren, er selber blieb ein abstrakter Begriff. Das mußte anders werden. „D e r Landesverband kommt zu Euch!“ — das wurde das Motto zu einer völlig neuartigen Arbeitsmethode, die bisher in vier neugeschaffenen Einrichtungen zur Auswirkung gekommen ist. An erster Stelle sind hier die Kulturfahrten zu nennen. In die verschiedensten Ländesteile, aber auch über Preußen hinaus nach Thüringen, Mecklenburg und Oldenburg wurden Redner und Künstler entsandt; die Redner, um durch Vorträge über das jüdische Aufhauwerk oder über geistige Dinge des^ Judentums die Menschen in lebendigste Beziehung zu jüdischer Arbeit, jüdischem Schicksal und jüdi- 6

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