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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1935-03-01 · 3 (1.3.1935) · p. Seite 2

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
13 (1935)
Issue
3 (1.3.1935)
Date
1935-03-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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ging“ und daß die Juden „Hand anlegten an Die, so ihr Verderben gewollt“. Nur darauf ja, daß es sich um Abwehr und Notwehr handelte, ist die Erlaubnis des Königs zurückzuführen; und wie sehr die Heiligkeit dieses Abwehrkampfes respektiert wurde, erkennt man aus der Tatsache, daß der König den Juden ausdrücklich gestattet hatte, sich gegen alle, die sich gegen sie zusammenrotten, zur Wehr zu setzen und „ihre Güter sich anzueignen“, daß aber das Esther-Buch nicht weniger als drei Mal nachdrücklich berichtet: „Nach Beute streckten sie ihre Hand nicht aus“ (Esther Kap. 9, Vers 10, 15 u. 16). Da sind ferner die edlen Gestalten Mardochais und Esthers. Mardochai, der sich vor menschlicher Macht und Würde nicht verneigen will, weil nur Gott allein soLche Ehrung zukoinmt. Es ist charakteristisch für das Esther-Buch, daß dieser Zusammen hang nur angedeutet, aber nicht ausgesprochen wird; das ganze Buch redet von Gott, läßt ihn aber ledig lieh im Treiben der Menschen und im Ablauf der Geschehnisse sichtbar werden, ohne daß Gott selber eingreift oder auch nur erwähnt wird. Und eine diesseitsnahe Frömmigkeit ist es auch, die aus der von Mardochai an Esther gerichteten Botschaft spricht: ..Bilde dir nicht ein, daß du in deinem königlichen Palaste allein von den Juden der Gefahr entgehen wirst" — eine Botschaft, die man Vielen unter uns hätte zurufen mögen, die geglaubt hatten, infolge äußeren Wohlstandes die Judenfrage für sich privatim lösen zu können, und die nun erfahren mußten, was Esther nicht zu erfahren brauchte: „Denn wenn du dich jetzt zurückziehst, so wird den Juden von einer andern Seite her Rettung kommen, du aber wirst mit deinem Hause zugrunde gehen. Wer weiß denn, ob es nicht um dieser schweren Zeit willen geschehen ist, daß du zu königlicher Würde gelangtest!" Das 'haben, in der Tat, viele unter uns nicht bedacht und nicht gewußt, und so bleibt Esther eines der edelsten Vorbilder mit ihrer ebenso großen wie schlichten Antwort, daß sie das Rettungswagnis unternehmen wird und: „Bin ich dann verloren, so bin ich verloren.“ Wer so denkt und handelt, der ist in Wahrheit nicht verloren. Deshalb ist die letzte seelische Ausbeute des Esther-Buches die Zuversicht, daß wir nicht untergehen werden, daß Gottes Geist siegreich bleibt. Diese Hoffnung haben, so wurde schon oben gesagt, die Makkabäerhelden in alten Tagen aus dem Buche geschöpft; sie blieb der Grundgedanke des Puriinlestes in allen Leiden des Mittelalters und bis an die Schwelle dieser heutigen Zeit, und sie wird auch künftig seinen unveränderten Inhalt ausmachen. Erhellend die Gedanken, adlig die Menschen, zukunftskräftig die Deutung dieses Buches — und von großer Herzensunmittelbarkeit daher auch das Brauchtum des Festes, das an dieses Buch sich knüplt. ..Brauchtum“? Vielleicht klingt der Ausdruck seltsam, denn im jüdischen Zusammenhänge spricht man sonst von „Ritual“. Aber im Gegensatz zu fast allen andern Festen hat Purim kein Ritual; die Verlesung des Esther-Buches und die kleine Einschaltung im täglichen Achtzehngebet sind zu anspruchslos, um als „Ritual“ bezeichnet zu w,erden, und so bleibt, statt der sonst gewohnten, bis ins einzelne kodifizierten Bestimmungen, das ganz freie Sich-Beschenken („Schlach monauß“) und Fröhlich- Sein! — Menschlich wie das Buch sind auch die Züge des Festes. Man hat es den „jüdischen Karneval“ genannt. Als solches werden wir es in diesem Jahre nicht begehen. Einmal, weil Purim in diesem Jahre fast unmittelbar mit dem deutschen Volkstrauertag (17. März) z u s a m m e n f ä 111, an dem ja auch wir unserer 12 000 für das Vaterland gefallenen Helden und aller Opfer des schrecklichen Krieges gedenken; und zum andern, weil die Zeit überhaupt für ein lautes Feiern uns Juden wenig geeignet erscheint. Um so größeres Gewicht aber sollten wir deshalb auf die soziale Seite des Festes legen; es gibt ein Fröhlich-werden durch Fröhlich-machen. Mit diesen letzten Betrachtungen aber sind wir bereits bei der Frage, was Esther-Buch und Purimfest uns heute, unter den so gänzlich geänderten Umständen bedeuten. All die hohen Werte, von denen wir bisher gesprochen haben, waren ja auch in früheren Zeiten bekannt, und es war ja geradezu der Sinn des alljährlich wiederkehrenden Festes, auf sie hinzuweisen. In der Zeit aber, die wir jetzt leben, kommt etwas Neues hinzu. Denn —-: all das bisher Gezeigte wird gewissermaßen nur dem Einzelmenschen in unsern Reihen gezeigt. Ein literarisch und ethisch hochstehendes Buch — es ist das Buch deiner Gemeinschaft, deiner Religion. Mardochai und Esther Vorbilder — bemühe also du dich, ihrer wert zu werden. Gott wird, wie damals, so auch fernerhin Israel erretten — so werden, mit deiner Gemeinschaft, auch du und die Deinen leben. Ein soziales Fest — so gib auch du! Immer erfolgt die Anwendung auf den Einzelnen. Wo aber kommen die Einzelnen her, und welches ist der gemeinsame Ort, auf dem die vielen einzelnen Juden sich finden? Immer noch, immer wieder: die jüdische Gemeinde! Und das ist’s, was man noch nicht gesehen hatte: wie von Mardochai und Esther eine Kette zu jedem einzelnen Juden und jeder einzelnen Jüdin führt — „durch sie wurdest du errettet“ — so führt eine Kette von allen jüdischen Gemeinden zurück nach Susa. Denn —: wer war eigentlich Mardochai, der Onkel Esthers, wann lebte er, und wie kam er nach Susa? Buch Esther, Kapitel 2, Vers 5—6: „Es lebte ein jüdischer Mann in der Residenzstadt Susa, der hieß Mardochai; war ein Sohn Jairs, des Sohnes Simeis, des Sohns des Kisch, des Benjaminiters, Welcher mit weggeführt worden war aus Jerusalem unter denen, die Nebukadnezar, König von Babel, zugleich mit Jechonja, derii König von Juda, in die Gefangenschaft geführt hatte.“ Und nun lebt alles wieder auf: 597 hatte Nebukadnezar zum ersten Mal Jerusalem erobert upd mit dem König Jechonja 13 000 Juden nach Babylon verschleppt; 586 erfolgte die zweite Eroberung und, diesmal, Zerstörung Jerusalems, 16 000 Juden, darunter der geblendete König Zidkija, kamen nach Babel; nachher folgte, nach der Ermordung des Gedalja, noch die dritte Deportation: 1000 jüdische Seelen. „Abgesehen von der ägyptischen Kolonie, den Versprengten im judäischen Gebiet und den durch Sklavenhandel in die Welt Gejagten ist das der gesamte derzeitige Bestand des jüdischen Volkes“, schreibt ein moderner Geschichtsschreiber: 30 000 Juden! Sie hatten sich in Babylon angesiedelt. Und nun lesen wir bei Dubnow: „Der aus den Familienältesten (Sekenim) gebildete Rat verwaltete die Gemeindeangelegenheiten in den Grenzen der den Gefangenen gewährten Autonomie ... In den religiösen Versammlungen der Exilzeit lag bereits der Keim zu der künftigen Synagoge ...“ Und dann, 539, wurde Babylon von Kyros, dem Perser, erobert; die babylonischen Juden lebten nun, ohne den Wohnort gewechselt zu haben, in Persien. 2

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