Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 13 (1935)
- Issue
- 3 (1.3.1935)
- Date
- 1935-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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"jppppi P9 Pf VW",""- r FÜR DIE JÜDISCHEN GEMEINDEN PREUSSENS VERWALTUNGSBtATT DES PREUSSISCHEN LANDESVERBANDES JÜDISCHER GEMEINDEN AU« Zuschriften sind tu Hehlen an das Verwaltung»- and Gemeind eblatt des Preafltscben Landesverbandes indischer Gemeinden, Bln.-Charlottenbarg2, Kantrtr.158, ILStock Der Bexusspreis Iftr dl« Einzelnummer betragt 19 Pfennig. Verantwortlicher Leiter des InaeratentelU: Joseph Jastrow, Berlin S 4% Ritterstrafte 36 13. Jahrgang Berlin, den 1. März 1935 Nr. 3 Enkel sind wir ... Es gehört zu den großen Erlebnissen dieser Zeit, daß wir mitansehen dürfen, wie unter dem Eindruck umwälzenden Geschehens altgewohnte Einrichtungen einen gänzlich neuen Sinn erhalten. Oft genug geschieht das in der Form, daß nicht eigentlich eine „Erneuerung“ eintritt, sondern vielmehr eine „Erweiterung“; das heißt: die Gedanken, die wir bisher an eine traditionelle Einrichtung geknüpft hatten, bleiben unverändert in Gültigkeit, werden aber durch neue, erst aus dem heutigen Zeitgeschehen geborene Erkenntnisse derartig ergänzt, daß wir meinen, nun erst den vollen Zusammenhang zu begreifen. Der jetzt beginnende Kalendermonat steht für uns Judein im Zeichen des Purimfestes. Fragen wir uns, was dieses Fest uns modernen Juden bis zum Jahre 1933 bedeutet hat, so bleibt die Ausbeute wertvoll genug, und es gibt nichts, was nicht nach wie vor geeignet ist, uns mit Stolz auf unsere jüdische Ethik und Geschichte zu erfüllen; nichts, was nicht auch heute als Mahnung und Antrieb im Herzen eines jeden von uns wirksam gemacht werden muß, gemäß dieser Ethik und Geschichte sein eigenes Leben zu gestalten; nichts, was nicht unvermindert, aus der Erinnerung an die Vergangenheit, auch für die Zukunft die Hoffnung auf Gottes Hilfe in uns wachruft. Da ist zunächst die schlichte Erzählung des Esther-Buches. Nur Böswilligkeit kann in ihr die Schilderung „schwüler Haremsszenen“ entdecken; dem objektiven Leser bietet sich lediglich die Feststellung der längstbekannten und historischen Tatsache, daß die Herrscher des alten Orients Frauenhäuser gehabt haben. Das Wenige, was hierüber — weil zum äußeren Rahmen der Erzählung gehörig — im Esther-Buche erwähnt wird, ist nach Umfang und Inhalt so gering, daß an Ausmalung irgendwelcher Einzelheiten noch nicht einmal gedacht werden konnte. Und was insbesondere diejenige „Harems - Insassin“' anlangt, auf die das Hauptinteresse der Erzählung (dch konzentriert, Esther, so ist ihr Verhalten als Frau so keusch und zurückhaltend, ihr Verhalten als Fürstin so königlich, daß es uns ebenso als Vorbild dienen darf wie ihr Verhalten als Jüdin, von dem weiterhin noch gesprochen werden soll. — Die hohe Ethik des Esther-Buches zeigt sich aber noch in einer andern Hinsicht, und zwar in einem Punkte, der ebenfalls von Gegnern des Judentums stark verkannt wird. Das Buch berichtet, die Juden hätten in der Hauptstadt Susa 800 und im übrigen Reiche 75 000 ihrer Widersacher erschlagen.- Nun sind diese Angaben an und für sich schon nicht glaubhaft; denn es ist, worauf neuerdings auch Dubnow in seinem monumentalen Geschichtswerk wieder hingewiesen hat, von vornherein unglaubhaft, daß König Xerxes — um diesen handelt es sich bei dem biblischen Achaschverosch — den Juden die Erlaubnis zur Tötung so vieler Untertanen seines eigenen Volkes gegeben haben soll. Aber immerhin könnte man aus der bloßen Tatsache, daß das Esther-Buch eine derartige Zahlenangabe bringt, auf Rachsucht und Grausamkeit des Verfassers und auch des Volkes schließen, das dieses Buch bei seinem Erscheinen als nationales Epos wertete und späterhin in den Kanon der heiligen Schriften auf nahm. Allen derartigen Betrachtungen ist zunächst entgegenzuhalten, daß uns aus dem Altertum von andern Völkern noch ganz andere, oft obendrein historisch beglaubigte Berichte vorliegen. Es ist ferner zu erwägen, daß (nach Graetz und änderen Geschichtsforschern) das Esther-Buch während der Makkabäerkriege niedergeschrieben wurde, zu einer Zeit also,'als unter den Juden durch den von den Syrern mit unerhörter Grausamkeit gegen sie geführten mehrjährigen Krieg alle Leidenschaften des heiligen Verteidigungskampfes aufgestachelt waren. Dieser Geist der Abwehr und Selbstverteidigung ist es schließlich auch, der aus dem Buche selber spricht —: nur das war der Zweck ihrer bürgerkriegähnlichen Maßnahmen, daß „an dem Tag, an dem die Feinde der Juden gehofft, nach Willkür über sie zu schalten, es nun umgekehrt er-