Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 13 (1935)
- Issue
- 2 (1.2.1935)
- Date
- 1935-02-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
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Pädagogische Arbeitstagung in Essen Im Rahmen der von dem Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden und der Reichsvertretung der deutschen Juden eingerichteten Lehrerfortbildung fand die erste der pädagogischen Arbeitstagungen vom 1.—4. Januar in Essen fiir die Lehrer der Rheinprovinz und Westfalens statt. Sie war von etwa 70 Teilnehmern besucht und nahm einen überaus günstigen Verlauf. Sicherlich trug der äußere Rahmen mit zu dem guten Gelingen der Arbeitstagung bei. Die Synagogengemeinde Essen, die die Unterbringung und Verpflegung der Gäste übernommen hatte, war in der glücklichen Lage, die schönen Räume des jüdischen Jugendheims der Versammlung zur Verfügung zu stellen. Auf diese Weise war es möglich, die Arbeitsgemeinschaft unter Ausschluß aller verwirrenden Eindrücke der Außenwelt in konzentriertester Form durchzuführen. Der Tag war. von einer kurzen Mittagspause abgesehen, von morgens 10 bis aiiends 7 Uhr mit intensivster Arbeit ausgefüllt. Der Abend war Besprechungen aktueller Themen in kleineren Zirkeln Vorbehalten. Eingeleitet wurde die Tagung durch eine Ansprache des I. Vorsitzenden der Synagogengemeinde Essen, Herrn Dr. Georg Hirschland, der unter dem Beifall der Anwesenden darauf hinwies, daß neben allen Sorgen der Berufsausbildung, der sozialen Fürsorge, die Verlebendigung des jüdischen Geistesgutes durch den Lehrer im Mittelpunkt der heutigen Gemeindearbeit stehen müsse. Nach Begrüßungsworten des Vorsitzenden des Rheinisch-Westfälischen Lehrerverbandes, Herrn Rektor Buchheim, Dortmund, der über die besondere Problematik der jüdischen Volksschule in dieser Zeit sprach, eröffnete Herr Dr. Fritz B a m b e r g e r - Berlin im Namen der veranstaltenden Zentralstellen die Tagung. In seinen einleitenden Ausführungen wies er auf den -Neuaufbau des jüdischen Bildungswesens in Deutschland hin und sprach die Hoffnung aus, daß auch die Essener Tagung sich in den Dienst dieser Aufgabe stellen werde. Die verschiedenen Arbeitsgemeinschaften versuchten, wesentliche Gegenstände des heutigen Unterrichts an prägnanten Beispielen darzustellen. So sprach Direktor Dr. Klibansky über den „Synoptischen Aufbau des Geschichtsunterrichts an der jüdischen Schule“. Seine Darlegungen gipfelten in der Forderung einer Beseitigung eines eigentlichen separierten jüdischen Geschichtsunterrichts. Der jüdische Geschichtsverlauf sei so im „synoptischen“ Zuj. sammenhang mit der allgemeinen Geschichte darzustellen. daß die Einheit der Geschichte nicht auseinandergerissen werde und ein ungebrochenes Geschichtsbild entstehe. Rabbiner Dr. Hahn - Essen hatte die Aufgabe übernommen, an einem markanten Beispiele, an der Gestalt Esras, die Tragfähigkeit der von Klibansky vörgetragenen Thesen für den Geschichtsunterricht zu erweisen. Er zeigte in seiner Charakteristik Esras die Verflochtenheit dieses großen Restaurators des Judentums mit dem Leben der Umwelt, arbeitete dann aber auch die Eigenständigkeit und jüdische Prägung seines großen Reformwerkes heraus. Dr. Fritz Bamberger behandelte die Gestalt des Maimonides und entwarf ein Bild, das dem Philosophen und dem Kodifikator des jüdischen Gesetzes gerecht wurde. Die besondere Absicht lag darin, in darauf hin ausgewählten Beispielen dem Lehrer Winke für die unterrichtliche Behandlung dieses eigenwilligen Gestalters jüdischen Lehens und jüdischer Lehre anläßlich der diesjährigen Maimonidesfeier zu geben. Studiendirektor Dr. Fritz S t e i n t h a 1 - Münster behandelte das Thema: „Jüdischer Stoff im Deutsch-Unterricht der Volksschule.“ Er vermittelte an Hand einer Fülle von Material einen Einblick in die auf diesem Gebiet vorhandene Literatur und gab aufschlußreiche Hinweise, wie unter Zuhilfenahme von Sprechchor, Theateraufführungen etc. der Deutsch-Unterricht in der Volksschule verlebendigt werden kann. Ueber methodische Fragen des hebräischen Sprachunterrichts sprach außerordentlich instruktiv Herr Dr. Kurt Levy-Köln. Seine Forderung, daß der hebräische Unterricht fern von allen Methoden des fremdsprachlichen Unterrichts, vor allem heraus aus dem hebräischen Sprachgeist der alten und neuen Literatur gestaltet werden müsse, fand besonderen Anklang l»ei den Teilnehmern der Arbeitsgemeinschaft. Die Nutzanwendung dieser Forderung brachte ein Kursus von Herrn Dr. Klibansky, der eine Analyse des Gedichtes von Bialik: „Segen des Volkes“ unter Zugrundelegung der vom Dichter benutzten biblischen und talmudischen Stellen gab. Es zeigte sich dabei, wie ohne Kenntnis des alten Hebräisch ein so moderner Dichter wie Bialik nicht zu verstehen ist. Ueber Besonderheiten der geistigen, seelischen und körperlichen Veranlagung des jüdischen Kindes sprach in zwei Abend-Vorlesungen Frau Professor Selma Meyer- Düsseldorf. Viele psychologische Probleme, die mit der Erziehung des jüdischen Kindes Zusammenhängen, wurden in der sehr lebhaft geführten Diskussion besprochen. Das erfreuliche der Tagung war das einmütige Zusammenarbeitei} der verschiedenen im Dienste der jüdischen Erziehung stehenden Lehrpersönlichkeiten. Der Wille zur Neugestaltung der Arbeit innerhalb des jüdischen Erziehungswerkes ging durch die ganze Tagung. Für das geistige Niveau, das alle Erörterungen beherrschte, spricht die Tatsache, daß sich im Verlauf der Arbeit gewisse Grundprobleme herausschälten, um deren Lösung während dieser Tage von allen Seiten gerungen wurde. So standen die Fragen des neuen jüdischen Geschichtsbildes, der Wiedergewinnung einer jüdischen Oeffentlichkeit, der Gestaltung jüdischer Traditionswerte usw. im Mittelpunkt des durch die ganze Tagung hindurchgehenden Gespräche zwischen den Lehrenden und den Lernenden. Es soll nicht behauptet werden, daß alle Fragen ihre Antwort gefunden hätten, aber die Teilnehmer waren darin einig, daß gerade die Form einer nur für Lehrer bestimmten Tagung ihnen eine Fülle von Anregungen für ihre eigene Fortbildung und für die Gestaltung des Unterrichts in der jüdischen Schule gegeben habe. Einführung des neuen Bezirksrabbiners der Grenzmark in Sdineidemühl Am Sonntag, den 2. Dezember, fand in Schneidemühl die feierliche Einführung des neuen Bezirksrabbiners Dr. Alfred Jospe aus Oppeln in Anwesenheit des Dezernenten des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden, Rabbiner Dr. Galliner, und der Vertreter der Provinzgemeinden statt. Der Rabbiner wurde durch den Gemeindevorstand vom Gemeindehaus nach der Synagoge geleitet, in der sich fast alle Mitglieder der Gemeinde Schneidemühl und zahlreiche auswärtige Gäste eingefunden hatten. Nach dem Gesang von Ma tauwo grüßte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Schneidemühl, Herr Lewin, den neuen Rabbiner namens der Gemeinde und wünschte ihm besten Erfolg bei der Erfüllung seiner umfangreichen Aufgaben und Pflichten. Dann führte Dr. Galliner namens des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden Dr. Jospe in das Amt des Bezirksrabbiners ein. Er dankte der Gemeinde Schneidemühl dafür, daß unter ihrer Leitung die Gemeinden der Grenzmark sich zu * einem Bezirksrabbinat zusammengeschlossen haben, und wies darauf hin, daß die Bezirksrabbinate in der Gegenwart von ganz besonderer Bedeutung seien, da nur durch diese Zusammenfassung die Aufrechterhaltung der Rabbinate noch möglich gemacht werde. Er betonte die besondere Bedeutung der seelsorgerischen Tätigkeit des Rabbiners, der in jedes jüdische Haus komme und ihm den Sinn des Lebens von neuem geben müsse, und der in Verbindung mit den großen Organisationen, die das deutsche Judentum geschaffen habe, den einzelnen Mitgliedern die Wege zu Hilfe und Aufbau weisen werde. Auch die Sorge für die Jugend und um die Jugend, die es schwerer habe als die vergangenen Generationen, der aber trotz allem der Frohsinn der Jugend erhalten und Wege in die Zukunft gewiesen werden müßten, sei eine der wichtigsten Aufgaben des neuen Rabbiners. Die Grundlage hierzu sei die jüdische Schule, die hoffentlich auch in der Grenzmark wieder eine Stätte finden werde. Daß Dr. Jospe noch selber in der Jugend stehe und die Jugendarbeit aus eigner Erfahrung kenne, werde ihm die Erfüllung seiner Aufgabe erleichtern. Er möge Kraft finden in dem Glauben an das Prophetenwort, das zum Wort des Chanukka- 10