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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1935-02-01 · 2 (1.2.1935) · p. Seite 8

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
13 (1935)
Issue
2 (1.2.1935)
Date
1935-02-01
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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kenswert die Richtlinien zur Frage des kaufmännischen Nachwuchses erwähnt seien; wie früher für das Akademikertum, so bestehe jetzt für die handwerkerlichen Berufe ein einseitiger Hang, der den kaufmännischen Nachwuchs und damit die auf eine gesunde Verteilung zielende jüdische Berufspolitik gefährdet. — Im übrigen sind ja auch Fragen des Handwerkerstandes gerade jetzt neu geregelt worden, deren Auswirkung auf das jüdische Handwerk hoffentlich rechtzeitig genug erkennbar werden, um im nächsten Monat hier mitgeteilt werden zu können. — Leider haben sich in letzter Zeit auch wieder einige bedauerliche Vorfälle ereignet: in der Synagoge Freudenhurg (Kreis Saarburg) wurden die Fenster durchschossen, im benachbarten Kirf wurden die Fenster des jüdischen Gemeindehauses zertrümmert. Auch in Essen-Steele wurden in der Nacht zum Sonntag vor Weihnachten die Synagogenfenster eingeworfen, und in Oevelgönne (Oldenburg) sind auf dem jüdischen Friedhof 15 Grabsteine abgebrochen worden. Im letztgenannten Falle konnten die Täter inzwischen gefaßt werden —: es handelt sich um einen zwölf- und einen vierzehnjährigen Jungen; der ältere ist in Haft genommen worden, und beide Täter gehören keiner Formation der NSDAP an. Die „Oldenburgische Staatszeitung“ schreibt, daß „die Juden sowohl als jeder Deutsche vor Verstössen gegen das sittliche Gefühl geschützt werden“. — Ueberhaupt darf gesagt werden, daß die Behörden derartige Exzesse nicht dulden; so hat z. B. die Polizeiverwaltung in Homburg v. d. H. neuerdings wieder einen Aufruf an die Bevölkerung gerichtet, der der Ermittlung jener Friedhofsschänder dient, die am 28. Oktober v. J. auf dem Homburger jüdischen Friedhof zahlreiche Grabsteine beschädigt haben. — Andrerseits ist die kürzlich von der „Münchener Sonntag-Morgen-Post“ veröffentlichte Sammlung von zwölf- bis vierzehnjährigen Schülern'auf die Frage „Was denkt ihr über die Juden?“ — doch leider geeignet, größte Besorgnis zu erregen, weil sie zeigt, daß die Schüler eine Vorstellung von uns Juden haben, die in ihrer Verallgemeinerung unserer Wirklichkeit so gar nicht entspricht. — Anlaß zu Besorgnis bietet ferner auch manches, was in der letzten Zeit über die Lage der Juden in Oesterreich berichtet wird. Die Vorgänge können hier nicht einzeln aufgezählt werden; aber es ist bekannt, daß aus vielen Stellen die Juden entfernt werden und daß in den offiziellen Erklärungen neuerdings nicht mehr von Gleichberechtigung, sondern nur noch von Rechts- und Kulturschutz der Juden gesprochen wird. Auch auf innerjüdischem Gebiet brachten die letzten Wochen einige Ereignisse. — Das bedeutsame Jubiläum der jüdischen Handwerker ist an anderer Stelle dieses Blattes erwähnt. — Der Reichsverband der jüdischen Lehrervereine und der Jüdische Lehrerverband in Preußen hielten gemeinsam eine Tagung ab, deren Hauptgegenslände Fortbildung und wirtschaftliche Lage der jüdischen Lehrer sowie ferner einige Unterrichtsprobleme bildeten. — Nach längerer Pause trat auch die Vereinigung für das religiös-liberale Judentum zu einer gut besuchten Hauptversammlung zusammen. Bemerkenswert war an ihr, daß sowohl die Referate (Dieriemann-Offenbach, Baeck und Seligsohn-Berlin, Fabian-Breslau) als auch die Diskussion eine starke Tendenz nach, wenn auch nicht gesetzmäßiger, so doch auf Gemeinschaftsgefühl beruhender religiöser Bindung und Bejahung der Formen aufwiesen. Das gleiche kann auch von der Schrift „Ernst machen!“ gesagt werden, die der Versammlung von ihrem Vorsitzenden, Rechtsanwalt Heinrich Stern, übergeben wurde., — Die zionistische Bewegung steht zurzeit noch immer unter dem Zeichen des zwischen den innerzionistischen Parteien geschlossenen Friedens. Die in Krakau tagende VI. Revisionistische Weltkonferenz hat unter Jabotinskys Leitung das Befriedungsabkommen mit der Zionistischen Exekutive ratifiziert. — Unzufriedenheit besteht freilich vielfach noch immer über die englische Einwanderungspolitik und bezüglich Transjordaniens. — Indessen auch der große Gegenspieler des Zionismus ist mit England unzufrieden: die arabische Exekutive will gegen England beim. Völkerbund und im Haag Klage führen. — Inzwischen haben die Nichtzionisten einen Versuch gemacht, stärkeren Einfluß auf die Jewish Agency zu erlangen; die diesbezüglichen Londoner Verhandlungen waren aber vertraulich. — Nicht uninteressant ist, daß Jabotinsky (auf der oben erwähnten Revisionisten-Konferenz) die Einführung eines „New Deal“ 8 nach Rooseveltschem Muster für Palästina forderte. — Die Gesamtzahl der Juden in Palästina beträgt jetzt 307.312 Seelen, d. s. 26 '/• der Gesamtbevölkerung. — Die Chronik des jüdischen Lebens mag für heute mit der Nachricht schließen, daß zum ersten Mal in der modernen Geschichte der deutschen Juden ein Rabbiner zum Gemeindevorsitzenden gewählt worden ist; es handelt sich um den Stadtrabbiner Dr. Grünwald in Mannheim . Alfred Klee ÖO Jahre Zum 60. Geburtstag des Vizepräsidenten des Landesverbandes, Dr. Alfred Klee, hat der Präsident des Landesverbandes, Kammergericbtsrat i. R. Leo Wolff, die Verdienste des Jubilars in den nachfolgenden Zeilen gewürdigt. Die von Alfred Klee in mehr als einem Jahrzehnt an verantwortlichster Stelle des Landesverbandes vollbrachte Leistung läßt sich im Rahmen eines kurzen Artikels nicht darstellen, kanm andenten. Mehrere Jahre hindurch hat er die Snbventionskommfssion geleitet und seit deren Auflösung im Jahre 1931 das Dezernat für die gesamten Gemeinde--und Beamtenbeihilfen übernommen. Sein warmes Gefühl für die Nöte der jüdischen Beamten und der leistungsschwachen kleinen Gemeinden hat seine Arbeit stets über das rein Verwaltungsmäßige hinaus in die Sphäre Iebendigs'en Menschentums erhoben. Ain 25. Januar 1935 vollendet Dr. Alfred Klee sein 60. Lebensjahr, und das gesamte deutsche Judentum glaubt ein Anrecht zu haben, an der Feier dieses Tages teilzunehmen. Wenn Alfred Klee auch gemäß seiner weltanschaulichen Ueberzeugung und als Parteimann, wie er sich selbst gern bezeichnet, die Juden aller Länder nicht nur als durch Religion und Abstammung, sondern auch durch ein in Jahrhunderten zwar gelockertes, aber niemals zerstörtes nationales Band umschlungen ansieht, so kann und will er doch nicht in Abrede stellen, daß die Arbeit seines Lebens in erster Linie dem deutschen Judentum gegolten hat. Er hat nicht allein der von ihm vertretenen Richtung gedient und nicht nur von ihrer Zinne aus öffentlich gewirkt. Deshalb wird auch derjenige Teil der deutschen Juden, dessen Ueberzeugungen von denen jener Richtung abweichen, seine Dankespflicht gegenüber diesem, seinem hervorragenden Vertreter freudig erfüllen. Wir erblicken in Alfred Klee, der schon als Jüngling die Sache des Judentums zu der seinigen gemacht und sie seitdem mit nie erloschener jugendlicher Begeisterung durch das Wort und die Tat, durch Leistung und Kampf in guten und in bösen Zeiten verfochten hat, auch jetzt den Mann, der berufen ist, mit an führender Stelle zu stehen. Die Kraft seines scharfen, kritischen Geistes, die Entschlossenheit seines Willens und die verstehende Güte seines Herzens haben ihn, vereint mit seiner großen Aufnahmefähigkeit und -Willigkeit zum Wortführer großer Kreise des deutschen Judentums gemacht. Seine wundervolle Rednergabe, die ihm jederzeit zur Verfügung steht und wohl noch niemals versagt hat, trug ihn nicht nur in seinem Beruf als Verteidiger vor den Schranken des Gerichts rasch empor, sondern gewann auch sonst stets die Geister und die Herzen. Das Gebiet seines jüdischen Wissens ist weit. Mit ihm verbindet sich eine durch den Verkehr mit zahlreichen,' seine Bekanntschaft suchenden Personen und auf vielen Reisen erworbene Kenntnis der Verhältnisse in den einzelnen jüdischen Gemeinden und der in ihnen maßgebenden Köpfe. Seine gemeinnützige Tätigkeit konnte daher außerordentlich große Bezirke umfassen. Seit der Begründung des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden gehört Dr. Alfred Klee als stellvertretender Präsident seinem Rate an. Seit dem Jahre 1920 ist er Mitglied der Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, die ihn neuerdings in den Gemeindevorstand gewählt hat. Besondere Anerkennung verdient, daß er in den letzten zwei Jahren sich der Not des deutschen Judentums mit seiner ganzen Person angenommen und keine Mühe gescheut hat, um ihm im Auslande wie in der Heimat dienlich zu sein. Es ist unser aller Wunsch und Hoffnung, daß Dr. Alfred Klee noch lange in ungebrochener Kraft und zu seiner eigenen Befriedigung an jeder Stelle wirksam sein möge, auf die seine Begabung und sein inniges Verhältnis zu allen jüdischen Dingen ihn verweisen.

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