Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 13 (1935)
- Issue
- 2 (1.2.1935)
- Date
- 1935-02-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/10279732-10021717-10021668--137-3980890- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Fasebistenführer Jan Mota erwiderte, die Judenfrage sei eine innere Frage der einzelnen Linder, in die der Internationale Faschistenkongreß sich nicht einzumischen habe, zumal z. B. in Griechenland, dessen faschistische Partei der Redner vertrete, die Juden allezeit ein patriotisches Element seien und sich voller Gleichberechtigung erfreuen. — Häufiger freilich als auf politischem liegt der Beitrag der Juden zum Gemeinwohl auf kulturellem Gebiet. Das kommt jetzt am stärksten zum Ausdruck in Spanien, dessen Regierung in einem umfangreichen Erlaß die Bedeutung des „außerordentlichen Gelehrten“ Moses Maimonides für die Kultur Spaniens hervorhebt. Durch seine Arbeit, „die sich nicht nur mit dem Judentum befaßt, sondern auch mit der humanistischen Philosophie des Mittelalters, und die dem menschlichen Denken auf den Gebieten der Medizin, der Astronomie, der Mathematik und der orientalischen Sprachen neue Horizonte eröffnete“, habe Maimonides „den Namen Spaniens erhöht und über die Grenzen des Landes hinausgetragen“; alle Veranstaltungen, die mit der bevorstehenden Feier seines 800. Geburtstages Zusammenhängen, tragen daher, wie der Regierungserlaß bestimmt, offiziellen Charakter. — Da hier Maimonides u. a. auch als Mathematiker erwähnt wird, so mag, mit einem leichten Gedankensprung allerdings, daran erinnert werden, daß ein bedeutender jüdischer Mathematiker soeben sein 60. Lebensjahr vollendet hat: der Ordinarius der Berliner Universität Professor Isay Schur. Er ist ordentliches Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften, der Leipziger Akademie, sowie der Göttinger Gesellschaft der Wissenschaften. Nach dem politischen Umschwung in Deutschland wurde er zunächst beurlaubt, bald aber wiedergeholt und doziert nach wie vor an der Berliner Universität. — Für die kulturelle Wertigkeit der Juden, — in diesem Falle freilich nur eines Stammesjuden — legt unbewußt auch der Verlag Brockhaus Zeugnis ab, der einen Aufruf aus Anlaß von Sven Hedins 70. Geburtstag veröffentlicht und darin hervorhebt, daß Sven Hedin in einer Zeit, als die ganze Welt Deutschland feindlich gesinnt war, für Deutschland und deutsche Kultur einjfetreten ist. Sven Hedin ist mütterlicherseits jüdischer Abstammung, also Nichtarier; einer seiner Vorfahren war Abraham Brody, ein nach Schweden eingewanderter deutscher Jude. — Bei der Erwähnung von Forschern und Professoren erinnern wir uns mit leichtem Schmerz daran, daß nach der zu Beginn des neuen Jahres erlassenen neuen Habilitationsordnung für die Hochschulen in Deutschland jüdische Bewerber nicht mehr habilitierte Doktoren an einer Universität werden und auch die Lehrberechtigung an einer Hochschule nicht erhalten können. — Erfreulich erscheint der von der Hauptversammlung der Berliner Krankenversicherungsanstalt gefaßte Beschluß, durch den u. a. die jüdischen Aerzte, Zahnärzte und Dentisten berechtigt sind, Mitglieder der Berliner Krankenversicherungsanstalt zu behandeln. — Bei dieser Gelegenheit sei bemerkt, daß das „Deutsche Aerzteblatt“ kürzlich ausführliche und detaillierte Angaben über die Zahl der jüdischen Aerzte gebracht hat; an dieser Stelle sei von dem veröffentlichten Material nur wiedergegeben, daß es bei Beginn der nationalsozialistischen Revolution 6488 jüdische Aerzte gegeben hat, d. s. 13 */# der Gesamtzahl, während jetzt, wie das genannte * Blatt schreibt, in Deutschland 5900 nichtarische Aerzte leben und der Durchschnittsanteil der nichtarischen Kassenärzte an der Gesamtzahl 11,4*/* beträgt. — Wie sich endgültig und in allen Einzelheiten die Sonderstellung der Juden in Deutschland gestalten wird, läßt sich heute noch nicht erkennen. Ein gewisses Aufsehen erregte eine Bemerkung des Präsidenten des Reichsschrifttums-Kammer Blunck, der in einem Aufsatz von „Bestrebungen gerade des deutschen Schrifttums“ sprach, „zwischen der im Reich verbliebenen jüdischen Bevölkerung und der Regierung ein Konkordat zu erzielen“. Derartige Bestrebungen, über die man vorher auf jüdischer Seite nicht unterrichtet gewesen war, dürften sicherlich von den verantwortlichen jüdischen Stellen begrüßt werden. — Mindestens ebenso bemerkenswert sind die Aeußerungen, die Reichsminister Dr. Frick in einem Interview gegenüber einem Vertreter der Hearst- Presse getan hat und in denen er über die künftige staatsrechtliche Stellung des nichtarischen Bevölkerungsteils in Deutschland, insbesondere auch über das Wahlrecht, sprach. Die jüdische Presse hat dieses Interview lebhaft kommentiert und darauf hingewiesen, daß die Juden ihre im Verlauf der Emanzipation erworbenen Rechte nicht nur aus praktischen Erwägungen für wichtig halten, sondern vor allem auch deshalb, weil sich die deutschen Juden — wie u. a. auch jetzt wieder aus den Kundgebungen der offiziellen jüdischen Stellen und der jüdischen Presse zur Saarabstimmung hervorgeht — sich als volle Staatsbürger des Reiches fühlen. — Sicherlich wird allen Vorgängen, die mit der staatsbürgerlichen Stellung der deutschen Juden Zusammenhängen, besondere Aufmerksamkeit zugewandt von der Reichsvertretung der deutschen Juden, die Anfang Januar auf einer bedeutungsvollen Sitzung ihres Haushaltsausschusses unter Beteiligung der Synagogenteppich, Geschenk König Friedrich Wilhelms I an die Synagoge Heidereuter Gasse zur Einweihung Fof. Sonnanfold führenden Persönlichkeiten der Gemeinden und Landesverbände zur Zentralinstanz für alle jüdische Hilfs- und Aufbauarbeit erklärt worden ist. (Der verdienstvolle geschäftsführende Vorsitzende der Reichsvertretung, Ministerialrat a. D. Dr. Otto Hirsch, beging wenige Tage zuvor unter allgemeiner Anteilnahme seinen 50. Geburtstag.) — Die Mittel, deren die Reichsvertretung bedarf, sollen durch eine Umlage von RM 1,50 auf den Kopf der jüdischen Bevölkerung aufgebracht und von den Landesverbänden erhoben werden; die Berliner Gemeinde zahlt einen Kopfbeitrag von RM 2,—Auf das engste verbunden mit der Arbeit der Reichsvertretung ist diejenige des Zentralausschusses der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau, aus dessen Tätigkeit des letzten Monats als besonders bemer- 1