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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1935-02-01 · 2 (1.2.1935) · p. Seite 4

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
13 (1935)
Issue
2 (1.2.1935)
Date
1935-02-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Das jüdische Bildungsproblem Von Dr. Ludwig L „Das jüdische Bildungsproblem auf allen Stufen und in allen Formen ist die jüdische Lebensfrage des Augenblicks“. Mit diesen Worten schloß Franz Rosenzweig 1917 einen Aufruf zur Neuformung des jüdischen Bildungswesens. Drei Jahre später schrieb er in einem Aufsatze „Bildung — und kein Ende“ im Hinblick auf jene Mahnung: „Der Augenblick ist verstrichen. Das Problem ist geblieben. Die Not fordert die Tat, so gebieterisch wie je.“ _ Seitdem sind neue Aufgaben dem deutschen Judentum gestellt, Aufgaben, die zunächst die physische Existenz und Erhaltung seiner Träger betreffen. Jene Forderung Roseuzweigs aber hat ihren gebieterischen Charakter nicht nur nicht verloren, sondern ihre Kompromißlosigkeit, ihre Unbedingtheit verschärft. Der deutsche Jude kann nur sein inneres Schicksal, seine innere Freiheit und Ganzheit formen. Wie er sich in dieser Wende jüdischer Geschichte umgießt und umformt, wird einmal im Urteil kommender Generationen seine jüdische Leistung oder, wenn er versagt, seine Schuld sein. Diese innere Welt kann er aber in der aus solchem Bewußtsein entspringenden sittlichen Grundhaltung nur dann selbst gestalten, wenn er — Bildung besitzt. Diese Bildung ist nicht Gelehrsamkeit, nicht Wissen, nicht Anhäufung von Kenntnissen, sondern ist jüdische Lebensform und Haltung, lebendig wirkende Kraft, die im ganzen menschlichen Bereiche tätig ist. Als Gebildeter soll der Jude kein Wissender, sondern ein Weiser werden. Die Schwierigkeiten des jüdischen Bildungsproblems sind seit Rosenzweigs Aufruf erschreckend gewachsen. Das allgemeine wirtschaftliche und das besondere jüdische Schicksal haben im Zusammenwirken unsem Mittelstand stark aufgelockert, die Proletarisierung des Lebensmilieus ist in unsern Reihen, besonders in der Großstadt keine seltene Erscheinung. Die Ereignisse seit dem Vorjahre haben den jüdischen Gesellschaftsbau stark erschüttert. Familien zerstreuen sich über die Erdteile, Auswanderung und Binnenwanderung verlagern die Kristallisationspunkte jüdischen Gemeinschaftsdaseins. Viele Gemeinden schrumpfen zusammen, Schulen gehen ein. Wertvolle Der Torasdireiber INodi dem Gemälde von Josef Isroelsl Menschen verlassen ihren bisherigen Wirkungsort. Oeffentliche Bildungsmöglichkeiten verschließen sich uns fast ganz. Gesteigerte Wohlfahrtsanforderungen verkürzen die für jüdische Erziehungs- und Bildungsaufgaben verfügungsbereiten Mittel. Der jüdische Akademiker verschwindet immer mehr, die künftige Kulturarbeit wird vorwiegend vom jüdischen Kaufmann und Handwerker getragen werden müssen. Oekonomische und seelische Bedrängnis überantworten manchen einer ganz unjüdischen Resignation, die ihn unfähig zum „Lernen“ macht, das ja immer jüdische Aufgabe war. Die Notwendigkeit, sich einem praktischen Berufe zu widmen, hat im Jugendndau, Frankfurt a. O. liehen zuweilen eine Geringschätzung der Bildungsnotwendigkeiten geweckt. Die Gefahr gerade dieses letzten Symptomes und damit eines Absinkens des künftigen durchschnittlichen Bildungsniveaus der deutschen Juden ist in keinem Falle zu übersehen. Sie bedarf der näheren Verdeutlichung. Der handwerkliche und kaufmännische Lehrling verläßt grundsätzlich mit vierzehn Jahren die Volksschule. Er tritt dann gewöhnlich in einen der jüdischen Bünde ein. Die Jugendlichen, die die Reife oder mittlere Reife erworben haben, werden in den Bünden zahlenmäßig geringer. Wer mit vierzehn Jahren in die Lehre kommt, ist körperlich durch die Arbeit voll in Anspruch genommen. Er hat wenig Zeit zur Förderung seiner Allgemeinbildung. Die Berufs-, die Sonderausbildung stellt an ihn schwere geistige und körperliche Anforderungen. Die Aelteren in den zionistischen Bünden führen ein unseßhaftes Hachscharah-Leben, haben mit eigener Arbeit oder mit eigenem Lernen zu tun und erleben in sich auch infolge der Auswanderungsabsicht nicht mehr die in Deutschland entstandene jüdische Bildungsproblematik. Sie aber wie die Aelteren in nichtzionistischen Bünden werden immer mehr nur Volksschulbildung oder doch nur eine verringerte Durchschnittsbildung mitbringen, also weniger literarische, sprachliche, historische, geistesgeschichtliche Kenntnisse aufweisen, die sie zu Jugendführern im Bunde wesentlich weniger als bisher geeignet machen. Unter solchen Umständen schwindet das Bildungsstreben, praktisch gesprochen der Wille zum Lernen immer mehr. Es müßte eine Phrase werden, von jüdischer Geistigkeit und Kultur zu reden, wenn die Juden rein bildungsmäßig zu unfertig sind, um mit dem Geist zu ringen und aus dem Geist Leben zu gestalten. Eine Gemeinschaft ohne Geist ist picht Gemeinschaft, sondern Masse. Masse hat keine Zukunft. Die junge und jüngere Generation übersieht vielfach die Gefahr, die ihr, nicht uns Aelteren droht, nämlich die Gefahr des Absinkens in Ungeistigkeit, in ein Sein ohne Sinn, in ein Leben, das nur zweckerfüllt-alltäglich ist. Die Bildungsnotwendigkeit ist unabhängig von der Berufsentscheidung. Ob Arzt oder Handwerker, ob Schneiderin oder Lehrerin — wer sein Leben für sich in allen Lagen und an allen Orten sinnvoll gestalten, ihm Inhalt und Gehalt geben will, muß ein Chachäm, ein Gebildeter sein, kann kein Am haarez, kein Bildungsheide bleiben. Man wird nicht nur Schlosser, man wird ein Erwachsener, ein Mensch, man will ein vollkommener Mensch werden, eine Persönlichkeit, ein Mensch von Bildung. Und deshalb muß man so lange als möglich lernen. Alle jüdischen Eltern, die ihrem, auch für den handwerklichen Beruf bestimmten Kinde weiterhin eine bessere Schulbildung ermöglichen können, sind des Kindes wegen hierzu verpflichtet, wenn nicht ausnahmsweise erziehungsmäßige Bedenken die Entfernung von der höheren Schuk erfordern. Und alle Jugendlichen, die sich allgemeine höhere Bildung noch erringen können, sind hierzu verpflichtet, um des Judentums und um ihrer selbst willen. In den zwei Jahren, die sie etwa länger die Schule besuchen können, lernen sie allgemeines europäisches Wissen, schulen die geistigen Fähigkeiten, werden reifer, können als Schüler in der Freizeit, die Lehrlinge eben nicht haben, ihre jüdische Bildung fördern und sind für den Lebenskampf auch im handwerklichen Beruf stärker vorbereitet. Die jüdische Bildungspflege steht vor einer mehrfach erschwerten Situation. Ihr Aufgabengebiet ist umfangreicher geworden. Sie hat ergänzend allgemeines Geistesgut zu pflegen und vor allem jüdischen Wert in jeder Beziehung und für alle Generationen. Die Zahl der Bildner ist gering. Die zu bildenden Menschen sind als Bildungsempfänger weniger vorgeschult als früher. Der örtliche Wirkungsbereich erstreckt sich auf * weite, mit Juden dünn bevölkerte Räume. Die anzuwendenden Bildungsmethoden sind kompliziert und unerprobt. Die Gefahr eines Absinkens des jüdischen Bildungsniveaus in Deutschland, die auf den unvermeidbar ge- 4

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