Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 13 (1935)
- Issue
- 2 (1.2.1935)
- Date
- 1935-02-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Unsere Zeit hat uns freigegeben für unser Judenschicksal. Wie war es noch vor kurzem? Daß wir uns Deutsche nannten, das gab uns Selbstbewußtsein. Wir hatten das Gefühl, zu den andern zu gehören. Daß wir als Bürger der Wirtschaft unseres Landes mit unserm Fleiß und unserer kaufmännischen Ehrbarkeit unentbehrlich scheinende Mitarbeiter waren, gab uns Sicherheit. Wir hatten die Ansicht, man brauche uns. Daß wir als Vertreter des Geistes der europäischen Zivilisation, ihrer Wissenschaft, Kunst und Literatur Leistungen schenkten, von denen die Geschichte ruhmvoll Zeugnis ablegt und weiter ablegen wird, machte uns stolz. Wir hatten die Hoffnung, daß das anerkannt werden würde. Da traf uns der Schlag, der uns als deutsche Juden traf. Wir sind ganz frei geworden für unser Judentum. Das Judenschicksal ist als leidvolles Schicksal vielen offenbar geworden. Um so dringender ist es, daß uns allen offenbar wird, was das Judenschicksal jenseits des Leides ist. Täglich sprechen wir im Morgengebet: „Gelobt seist Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der Du Israel krönst mit Herrlichkeit.“ Was ist die Herrlichkeit des Jude-Seins? Daß die Ewigkeit Gottes ins menschliche Leben und Sterben eindringt und schon hier in der Zeit Tatsache ist, das ist die Herrlichkeit. Von solcher Herrlichkeit ist die jüdische Existenz verklärt. Wer die jüdische Geschichte kennt, weiß es. Wer noch persönliche Erinnerungen und persönlichen Zusammenhang mit dem von der Auflösung noch unberührten Leben unserer Großväter besitzt, weiß es. Aber jetzt ist es dazu gekommen, daß unsere eigene Stunde es uns selbst zeigen kann. In unserm seelischen Leid, in unserer materiellen Not, in unserer politischen Situation macht Eines, daß wir alles in beseeligenderVerklärung tragen können: dies geschieht uns um unseres Gottes willen. Wir leiden, weil wir Juden sind, das ist unsere Situation. Wenn uns also dies um unseres Gottes willen geschieht, so wollen wir viel mehr als früher, viel tiefer als früher, nach unserem Gott, dem Gott unserer Väter, fragen. Wir und unsere Kinder sollen mit dem hebräischen Wort, mit dem jüdischen Buch, sei es deutsch oder hebräisch geschrieben, mit dem jüdischen Gotteshaus und der jüdischen Gemeinschaft verbunden sein. Wir sind frei geworden für unser jüdisches Schicksal, und das soll nun heißen, frei geworden nicht nur für all das Leid, das uns getroffen hat, sondern ledig geworden alles dessen, was uns die Größe und Herrlichkeit des Judenschicksals vergehen ließ, weil wir gebannt und gebunden waren dureh kleine Wünsche, die den Tag betrafen und vor der Ewigkeit gleichgültig sind. Wir sind frei geworden für unser Judenschicksal und für den großen Ernst des Segensspruches: „Gelobt seist Du Ewiger, unser Gott, der Du Israel krönst mit Herrlichkeit.“ Das Wort Herrlichkeit (tifara, tiferet) finden wir in der Bibel in einem Zusammenhang, der die ganz irdische Freude des Menschen und das ganz überirdische Wesen Gottes bezeichnet. In der Drohrede Jesajas gegen die eitlen Töchter Jerusalems heißt es: „An jenem Tage wird mein Herr entfernen die Herrlichkeit.“ (Jes. 3, 18). Es handelt sich hier um den Schmuck, den die Frauen und Mädchen stolz tragen. Aber auch dort steht das Wort, wo von politischer Entfaltung die Rede ist. „Ich ahnde... die Herrlichkeit seiner stolzen Augen.“ (Jes, 10, 12). Schließlich ist von Herrlichkeit als einer Eigenschaft Gottes die Rede, und hier ist auf das Gebet Davids zu verweisen: „Dein, o Herr, ist... die Herrlichkeit und der Ruhm und die Hoheit...“ (I. Chron. 29, 11). Dort, wo es sich um das handelt, was der Mensch in seinen irdisehen, ganz ungeschminkten Wünschen und Trieben haben will, steht also dasselbe Wort, das auch die übermenschliche Wesenheit Gottes kennzeichnet. Die leidenschaftlichsten Wünsche unseres Herzens sollen nicht verstummen, wo wir nach Gott fragen. Gerade sie sollen befriedigt werden. Unser Herz will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit. Darum pocht es ruhelos in allen Wünschen und Hoffnungen, Trieben und Sehnsüchten. Das Judentum ist dadurch charakterisiert, daß es den ganzen Menschen, den Menschen in seiner Wirklichkeit, mit seinen Trieben, mit seiner Freude und Opferfähigkeit für Gott haben will: „Dü sollst lieben den Ewigen, Deinen Gott mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit dei- Werdeft Mitglied der J. B. V. (Jüdische Buch-Vereinigung)' Neue Bibelübersetzung Bancll: Pentateuch veranlaßt von der Jüdischen Gemeinde Berlin herausgegeben von Professor T O R C Z Y N E.R ist erschienen. Neu eintretenden Mitgliedern wird Hermann .Eine Zeit stirbt“ gegen Zahlung von RM 3.23 nachgeliefert. 1935 erscheinen u. a. Prof. Elbogen .Geschichte der Juden in Deutschland* und ein Palfistina-Bilderband Karl Jacob Hirsch .Hochzeitsmarscb in Moll*, Roman Mitgliedsbeitrag viertelj. 3.- RM + 25 Pfg. Jüdische Buch -Vereinigung Berlin W15, Pariser Str. 7e nem ganzen Vermögen.“ Gewiß, eine andere Freude, als die, die der Wahn uns vorspiegelt, eröffnet die Glaubenswelt. Aber eine Freude. „Du mehrtest den Jubel, machtest groß die Freude. Sie freuen sich vor Dir wie bei der Freude in der Ernte...“ (Jes. 9, 2). Das Judentum haben wir von der Seite des Leides in der ganzen Schicksalstiefe kennen gelernt. Wir müssen es auch kennen lernen als tiefe Freude, als Herrlichkeit. Jüdisches Leben jenseits des Leides, jüdisches Leben, dort, wo es mit der Schrift, der Synagoge, der Gemeinde verbunden ist, ist Freude, ist Herrlichkeit. Um unsere Kinder glücklich zu machen, müssen wir ihnen das Judentum lebendig machen. Sie müssen einmal den Segensspruch begreifen und bejahen lernen, der lautet: „Gelobt seist Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der Du Israel krönst mit Herrlichkeit. Das Gebet Davids, „Dein o Herr, ist die Herrlichkeit und der Ruhm und die Hoheit" sprechen wir im Gottesdienst — beim Ausheben der Tora. Wir haben die Lehre, und weil wir die Lehre haben, ist die Herrlichkeit Gottes mit unserm Leben verbunden. - Abonnieren Sie das Gemeindeblott bai Ihrem Briefträger oder Postamt oder überweisen Sie RM 075 für V» Jahr-Abonnement auf das Konto »Gemeindeblatt der jüdischen Gemeinden Preußens Joseph Jastrow, Berlin S42« Postscheck-Konto Berlin 52682.