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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1935-02-01 · 2 (1.2.1935) · p. Seite 2

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
13 (1935)
Issue
2 (1.2.1935)
Date
1935-02-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Humanität, dieses geistige Judentum hat, solange es eine jüdische Geschichte gibt, immer nur dadurch seinen Ausdruck gefunden und ist nur dadurch Lebenswirklichkeit geworden, daß die einzelnen Juden eines Ortes sich zusammenschlossen zu einer jüdischen Gemeinde. Das war in alten Tagen so und ist noch heute so; und wenn in der vorigen Nummer unseres Gemeindeblattes an dieser Stelle die Berechtigung des Totalitätsanspruchs der jüdischen Gemeinden über das gesamte jüdische Leben nachgewiesen wurde, so war dies im Grunde nichts weiter 'als die Bestätigung dessen, worin alle Zeiten und Gruppen des Judentums seit je einig waren —: ohne Gemeinden gibt es kein Judentum. Deshalb ist, neben der wirtschaftlichen Rettung der Einzelexistenzen, die Aufrechterhaltung der Gemeinden die andere, nicht minder wichtige Hälfte der den deutschen Juden dieser Zeit auferlegten geschichtlichen Aufgabe. Trotz aller Opfer die unsere Glaubensgenossen sich durch noch so hohe Kultussteuern auferlegen, trotz aller Einschränkungen, die die Rabbiner, Lehrer und sonstigen Beamten willig auf sich nehmen, trotz alledem wäre das Gemeindeleben vielerorts zum Erliegen gekommen, würde nicht an diesem allerwichtigsten Punkte jüdischer Not — die hier eine Judentums-Not ist —der Landesverband mit seiner Arbeit eingesetzt haben. Davon weiß der einzelne Glaubensgenosse nicht so deutlich wie von der Wirtschaftshilfe, die ihm persönlich zugute kommt; die eigene Existenz liegt den meisten näher als die Existenz der Gemeinde. Und doch —: ob einer materielle, ob er seelische Hilfe braucht, zuerst oder zuletzt geht doch sein Weg zur Gemeinde. Dieser Sachverhalt könnte manchen über manches belehren. Denn in der Tat —: für w a s leben wir?, um welches Zieles willen suchen wir unsere Einzelmenschen zu erhalten, wenn nicht um dessen willen, was in der jüdischen Lehre sich ausspricht und was in den allein sie verkündenden Gemeinden verkörpert wird?! In richtiger Erkenntnis dieses Sachverhalts haben unsere Alten für die Gemeinde die Bezeichnung ..Kehillah kedoschah. heilige Gemeinde“ geprägt, eine Bezeichnung, die noch heute unverändert die wahre Funktion unserer Gemeinden ausdrückt. Aus diesem Namen gewinnt man auch den rechten Begriff von der Arbeit des Landesverbandes, der mit seinen etwa 700 Gemeinden von insgesamt 345 000 Seelen 95 Prozent aller Juden Preußens auf sich vereinigt. Erfährt man. daß sein Etat mit der Gesamtsumme von 744 500 Reichsmark (für das Rechnungsjahr 1934/35) nur von ganz wenigen Großgemeinden und nur von den allergrößten jüdischen Gesamtorganisationen übertroffen wird; hört man, daß durch die Beihilfen des Landesverbandes, die zum Teil an die Gemeinden, zum Teil direkt an die Beamten (Rabbiner, Lehrer« Kantoren) gezahlt werden, ferner durch die Schaffung der Bezirksrabbinate und durch Bildung von Lehrerbezirken mehr als 500 Gemeinden mit Gottesdienst, Religionsunterricht, mit allen Trägern des jüdisch-geistigen Lebens und der jüdisch-wirtschaftlichen Hilfstätigkeit aufrecht erhalten worden sind, so erkennt man leicht: hier, in der Arbeit des Landesverbandes für die Erhaltung unseres geistigen Bestandes liegen die Quellen unserer Kraft. Von ihnen erst wird auch unser wirtschaftlicher Aufbauwille gespeist, der ohne sie nichts weiter wäre als bloßer, kreatürlicher Selbsterhaltungstrieb. Denn die Erhaltung des Geistes erst gibt dieser Selbsterhaltung Sinn und damit zugleich die Kraft der gläubigen Zuversicht oder, was dasselbe ist. die Gewißheit des Gelingens! Der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden hat lange genug im Hinblick auf alles das, was nach Propaganda aussehen könnte, sich Zurückhaltung auferlegt und es für würdiger und nützlicher gehalten, um so emsiger in der Stille zu arbeiten. Es scheint aber an der Zeit* doch einmal auszusprechen, worin die wahre Bedeutung der ebenso ausgedehnten wie unentbehrlichen Tätigkeit des Landesverbandes besteht. Durch diese Arbeit ist ein beträchtlicher Teil aller jüdischen Gemeinden vor dem Untergang bewahrt worden; diese Arbeit hat es ermöglicht, daß jede der vom Landesverband aufrecht erhaltenen Gemeinden auch ihren Kulturträger behielt, und der Landesverband hat — durch seine „Kulturfahrten“ und seine Wanderbibliothek — das jüdische Geistesgut in den Gemeinden auch direkt vermehrt. Auf diesen Geist des Judentums zielt jede jüdische Arbeit; ohne die Arbeit für den Geist des Judentums wäre die Arbeit für das körperliche Leben von Juden und Judenheit nur halb. „Im en kemach, en thora“ — wir können frei übersetzen: „Wenn die Juden nichts zu leben haben, dann gibt es auch keine jüdischen Gemeinden.“ Aber der Spruch geht weiter, und erst seine zweite Hälfte zeigt uns, warum wir jüdische Gemeinden brauchen: „Im en thora, en kemach“, das heißt wörtlich: „Wo keine Gotteslehre ist, da ist auch kein Brot.“ Der Weg des Juden jenseits des Leides Von Rabbiner Dr. Ignaz Maybaum, Frankfurt / Oder Ueber die Zukunft können wir nicht verfügen. Diese bittere Erfahrung kennzeichnet uns alle. Die Zukunft ist ganz anders als die Vergangenheit. Alle Sicherheit schwindet immer mehr, weil die Existenzgrundlagen von gestern nicht die Existenzgrundlagen von morgen sind. Je fragwürdiger unsere bürgerliche Sicherheit wird, je unbestimmter unsere Sicherheit in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht, um so deutlicher wird unser Judenschicksal, um so dringlicher wird es, als Jude um dieses Schicksal zu wissen. Um so dringlicher wird es, zu begreifen und daran festzuhalten, daß dieses Erdenleben mit seinem Leid und seinem Tod, mit seinem Chaos und seinem Bösen doch auch noch Raum gibt für die Größe und Herrlichkeit des Glaubens und für die Hoffnung, die Gott nicht aus den Augen verliert. Wir begreifen und halten daran fest, daß die Erde Gottes ist. Und Gott, der der Erste ist, ist auch der Letzte. Gott ist der Sieger. Alles Böse, alles Chaos und Ungerechte sinkt schließlich zusammen, und Gott, der sein Sechstagewerk, die Welt, betreut, führt seinen Sabbat herauf, der uns verheißen bleibt, führt voll Erbarmen den unausweichlichen Schlußakt herauf, in dem Er, der Gott der Gerechtigkeit und Liebe, Sieger bleibt. In dieser Zeit bleibt unsere Sicherheit Er, der, wie er unsere Väter durch die Wüste führte, ewig Israel durch die Nacht der Geschichte führen wird. 2

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