Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 12 (1934)
- Issue
- 9 (1.12.1934)
- Date
- 1934-12-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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»tina einen Beruf ergreifen und sich hierfür umschichten wollen, ist die Bearbeitung durch un3 verhältnismäßig einfach. Aber die Beratung von Personen, die in Deutschland bleiben wollen und mit ihrer Stellung nicht nur ihre wirtschaftliche Basis, sondern oft auch ihren Lebensinhalt verloren, bietet große und oft noch ungelöste Schwierigkeiten. Durch Austausch zwischen Provinzialverband und zentralen Stellen und ferner zwischen anderen Provinzialverbänden müssen Wege zur Auffindung neuer Berufsmöglichkeiten unermüdlich gesucht werden. Vor allem unterstützt uns die Jüdische Berufsberatungsstelle in Hamburg. Lehrerfortbildung Von Dr. Fritz ßamberger. Es gibt kaum eine Berufsausbildung, die so wenig abgeschlossen werden kann wie die des Lehrers. Denn aus allen Gebieten erweiterter Erkenntnis und veränderter Einsichten rückt das Neue in die Sphäre des Unterrichts hinein. Und es zwingt sich dabei oft mit solcher Eindringlichkeit und unmittelbarer Gewalt auf, daß es nicht nur das, was gelehrt wird, berichtigt und verwandelt, sondern zu grundlegender Umgestaltung des Unterrichts führt. Das gilt in einem ganz besonderen Sinn, der bekannt ist und auf den deshalb hier nur hingewiesen zu werden braucht, für die jüdische Schule. Auf diesem Grunde erhob sich dann die Forderung nach Lehrerfortbildung in einem neuen Sinn. Schon früher hatten zwar die Organisationen der jüdischen Lehrer die wissenschaftliche Fortbildung im eigenen Kreise organisiert, aber jetzt wurde stärker noch die Notwendigkeit empfunden, die veränderte Stellung und Aufgabe der jüdischen Schule mit allen ihren Konsequenzen für die Unterrichtsziele und die Unterrichtsgestaltung in den Bereich einer aufs Praktische ausgerichteten und dabei theoretisch fundierten Lehrerfortbildung zu stellen. Ein weiteres kam vielerorts hinzu, um das Verlangen nach einer organisierten Lehrerfortbildung besonders dringlich zu machen. Viele unserer heute an jüdischen Schulen beschäftigten Lehrkräfte sind aus dem allgemeinen, und meist aus dem höheren Schuldienst übernommen worden. Hier besteht in sehr starkem Maße das Bedürfnis nach einer zusätzlichen Ausbildung oder Vertiefung in all den Volksschulfächern, die dem auf Spezialisierung hin ausgebiideten Lehrer der höheren Schule ferngelegen haben, ihrer Methodik und der Methodik des Volksschulunterrichts überhaupt. Für Lehrkräfte solcher Art war in den meisten Fällen auch eine Unterweisung in den jüdischen Fächern notwendig. Der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden hatte bereits im Sommer 1933 in Berlin eine Institution der Lehrerfortbildung, allerdings in engerem Sinn, begründet. Damals wurden auf Veranlassung des Dezernenten für Lehrerbildung, Rabbiner Dr. Galliner, Kurse eingerichtet, deren Absolvierung nach bestandenem Examen akademisch ausgebildeten Lehrern in einer Zusatzfacultas die Berechtigung geben, den Religionsunterricht in Volksschulen zu erteilen. Die Organisation der Lehrerfortbildung, die jetzt in die Wege geleitet ist, ist umfassenderer Art. Zu ihrem Beruf haben sich der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden und die Reichsvertretung der deutschen Juden zusammengetan, um unter Federführung des Preußischen Landesverbands d i e Einrichtungen für Lehrerfortbildung zu schaffen, die den oben mitgeteiiten Notwendigkeiten genügen. Es leuchtet ein, daß dort, wo die Zahl der in Frage kommenden Lehrer groß ist (in Berlin also und wenigen anderen Gemeinden), die Lehrerfortbildung in anderer Form geschehen kann als in der Provinz sonst. In den Großgemeinden sind fortlaufende Kurse möglich. In Berlin sind sie, im Einvernehmen mit den berufenen Instanzen so eingerichtet worden, daß drei Sektionen gebildet worden sind: eine jüdische, eine allgemein-pädagogische und eine für die durchgehende Behandlung des Jüdischen im allgemeinen Unterricht. Jede Sektion bringt vier Kurse zu je einer Doppelstunde; die jüdische: Das jüdische Jahr (Institutionen und Zeremonien), Grundzüge des Judentums nach Bibel und späterem Schrifttum, Hauptepochen der jüdischen Geschichte und Literatur, Soziologie des heutigen Judentums; die allgemein-pädagogische: Psychologie des Lernens im Volksschulunterricht, Methodik' des Volksschulunterrichts mit Proben: I. Grundschule, II. Oberstufe, Die naturkundlichen Fächer; die dritteSektion lehrt die Behandlung des Judentums sozusagen als „Konzentrationsthema“: im Deutschunterricht (Unter- und Oberstufe), im Geschichtsunterricht und Palästinakunde als Fach- und Konzentrationsthema. Im allgemeinen soll eine ganze Sektion belegt werden, wenigstens bei den Lehrkräften, die aus dem allgemeinen Schuldienst übernommen yturden. Jeder Lehrgang läuft zunächst ein halbes Jahr, um dann neu zu beginnen und einen Wechsel zu ermöglichen. Nach lVt Jahren wäre damit das „Sofortprogramm“, das mit der Einrichtung dieser Kurse beabsichtigt ist, durchgeführt. Es darf erwartet werden, daß bis dahin eine weiterführende Lehrerfortbildung die heute noch vorhandenen und bemerkbaren Unterschiede der Ausbildung nicht mehr zu berücksichtigen braucht. Schon jetzt aber sollen in einer Vortragsreihe, die unabhängig von diesen Kursen läuft, pädagogisch relevante Fragen aus allen Gebieten und Probleme der neueren Pädagogik selbst in zusammenfassender Sicht behandelt werden. In ähnlicher, wenn auch nicht so ausgebreiteter Form, werden in den dafür in Frage kommenden Großgemeinden (Breslau usw.) Fortbildungskurse eingerichtet. In den Teilen Preußens aber, wo Schulen und Lehrer sich auf größeren Raum verteilen, werden zunächst in den Ferien pädagogische Arbeitstagungen sattfinden, ln arbeitsgemeinschaftsmäßiger Form sollen dabei beispielhafte Themen in der intensivsten Form der Durcharbeitung gemeinsam behandelt werden. Der Vortrag wird dabei als eine Art der Wissensvermittlung, die nicht durchgreift und selten formende Kraft hat, zurückzutreten haben. Das Ziel einer solchen Tagung soll sein, an prägnanten Einzelthemen ein Unterrichtsbild zu geben, das für Aufbau und Gestaltung des Unterrichts vorbildlich und dessen pädagogischer Sinn allgemeingültig und deswegen anwendbar und übertragbar ist. Solche Tagungen sind zunächst in Aussicht genommen in Ostpreußen, Schlesien, Pommern. Hannover, Sachsen, Hessen-Nassau und im Rheinisch-Westfälischen Industriegebiet. In Vorbereitung ist schließlich ein Mittel der Lehrerfortbildung, dem größte Wichtigkeit innewohnt. Ein Mitteilungsblatt soll nämlich an alle Lehrer herausgehen, das festhält, was in Kursen und Tagungen erarbeitet worden ist, und dies in Hinsicht auf den systematisch aufgebauten Unterricht erweitert. Der Lehrer, der es bekommt, soll darin Musterlektionen finden und Unterrichtsaufrisse, die über eine gewisse Zeit reichen, also etwa Vorschläge für ' den Deutschunterricht in irgendeiner Klasse der Oberstufe oder Hinweise, ein Thema (ein jüdisches Fest etwa) konzentrisch durch den gefächerten Unterricht zu behandeln. Es soll dabei die Literatur angegeben, aber nicht vergessen werden, daß dem Lehrer in der kleinen Stadt eine Bibliothek kaum zur Verfügung steht. Man darf hoffen, daß damit den Folgen des absoluten Mangels an Handbüchern für den jüdischen Unterricht, den man in seinem ganzen Ernst so. recht empfindet, wenn man an die entsprechenden Werke des allgemeinen Unterrichts denkt, ein wenig entgegengearbeitet wird. Immer aber soll bei dem Werk der Lehrerfortbildung nichts Zerstückeltes und nur Gelegentliches gegeben werden. Das einheitlich^ Gesamtziel jüdischer Bildung soll auch hier richtunggebend sein. 7