Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 12 (1934)
- Issue
- 9 (1.12.1934)
- Date
- 1934-12-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Lorenzo da Ponte, Mozarts jüdischer Textdichter 0 Von Ludwig Altmann. In einer Zeit, in der die Frage der Abstammung auch im kulturellen Leben als so bedeutend angesehen wird, gedenken wir Lorenzo da Pontes, eines Textdichters jüdischer Herkunft, der vor etwa 150 Jahren gemeinsam mit dem ersten Genius der deutschen Oper, W. A. Mozart „Figaros Hochzeit“, „Don Giovanni“ und „Cosi fan tutte“ schrieb. Es ist heute besonders reizvoll, diese Zusammenarbeit kennenzulernen, weil sich in unseren Tagen in seltsamer Duplizität der Fälle der gleiche Vorgang wiederholt hat: Richard Strauß, der Repräsentant der deutschen Oper, hat seine schönsten Operntexte, darunter die zur „Elektra“ und zum „Rosenkavalier“ aus der Hand des nichtarischen Wiener Dichters Hugo von Hofmannsthal empfangen, und als ihm der Tod den treuen Freund und Mitarbeiter hinwegnahm, da ist es wieder ein Jude — Stefan Zweig —, der ihm ein neues Textbuch schreibt. Vor wenigen Wochen erst hörten wir von einigen Zeitungen, die eben deshalb die Absetzung der für Dresden geplanten Uraufführung verlangten. Richard Strauß zog dann das Werk zurück. Heute nun wollen wir in dem Rttche blättern, in dem da Ponte seine Denkwürdigkeiten aufgezeichnet hat. Er wollte sich damit vor seinen Bekannten und der Nachwelt rechtfertigen, wollte dartun, daß bei den zahllosen Intrigen, in die er verwickelt war, er stets der unschuldig Geprellte war. Ein intelligenter, lebhafter, aufgeschlossener Geist gibt mit seiner Lebensgeschichte zugleich ein Kultur- und Sittenbild seiner Zeit, und wahrlich, da Ponte hat an vielen Zipfeln des Weltganzen viel und Sonderbares erlebt! Hier kurz seine Lebensdaten: Er wurde 1749 in Oberitalien geboren, hieß eigentlich Emanuele Conegliano, erst 1763. als die Familie aus Not sich taufen ließ, erhielt er den Namen des Bischofs Lorenzo da Ponte, der seine Taufe vollzog. Nach mehrjährigem Studium im Priesterseminar geriet er in Venedig in die Kreise von Literaten, in ein buntes und nicht immer einwandfreies Milieu. Als vagabundierender Freigeist steht er mehr als einmal vor einem seelischen und wirtschaftlichen Bankrott. Er geht dann nach Deutschland, kommt über Dresden nach Wien, wo er in Kaiser Joseph seinen größten Gönner und in Mozart seinen größten Partner findet. Nach dem Tode des Kaisers zieht es ihn nach Paris, der Ausbruch der Revolution treibt ihn aber nach London, wo er schließlich an der italienischen Oper ankommt. Fortgesetzte Intrigen, Unsicherheit der Stellung, nicht eingehaltene Versprechungen veranlassen ihn, seiner schon früher nach Amerika abgereisten Frau, einer Engländerin, dorthin zu folgen. Aber auch hier muß der einst hochgefeierte Dichter mit den elementarsten Sorgen kämpfen, muß als italienischer Sprachlehrer, als Buchhändler, Drogist, Kaufmann sein Brot verdienen. 1838 starb er 88jährig. Uns interessiert heute vor allem zweierlei: Was sagt da Ponte über sein Judentum und was über Mozart und seine Zusammenarbeit mit ihm? Jedenfalls hat er Mozarts Genie erkannt und schreibt sich an seiner „Entdeckung“ ein nicht geringes Verdienst zu; auch auf das Mißverhältnis zwischen überragendem inneren Reichtum und äußerer Stellung Mozarts hat er hingewiesen: „Wolfgang Mozart hatte, obschon von der Natur mit einem musikalischen Genie begabt, das vielleicht alle Komponisten der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft weit überstrahlt, in Folge der Kabbalen seiner Feinde noch keine Gelegenheit gehabt, sein göttliches Genie in Wien kund zu geben; er lebte hier obskur und verkannt, ähnlich einem Edelsteine, der, in der inneren Erde vergraben, das Geheimnis seines Glanzes verbirgt.“ Der erste Operntext für Mozart war bekanntlich „Le nozze di Figaro“. Das Buch zu „Don Giovanni“ schrieb da Ponte zugleich mit zwei Libretti für die damaligen Mode- und Hofkomponisten Martini und Salieri. Mit entzückender Schelmerei, aufrichtig und treuherzig beschreibt er. wie er an die Arbeit ging und mit welchen Mitteln er immer wieder die enteilende Muse beschwor: „Gegen Mitternacht setzte ich mich an meinen Arbeitstisch; eine Flasche vortrefflicher Tokayer-Wein stand rechts von mir, mein Schreibzeug links, eine Tabakdose voll Tabak vor mir. Um jene Zeit wohnte ein junges und -schönes Mädchen von sechzehn Jahren, die ich nur hätte wie ein Vater lieben mögen, mit ihrer Mutter in meinem Hause; sie kam stets in mein Zimmer zur Verrichtung kleiner Dienste, sobald ich mit der Klingel schellte; ich mißbrauchte etwas diese Klingel, zumal wenn ich meine Wärme schwinden und ein Erkalten fühlte. Dieses reizende Mädchen brachte mir dann bald etwas ßisquit, bald eine Tasse Schokolade, bald nur ihr stets heiteres, stets lächelndes Antlitz, das eigens geschaffen war, den ermüdeten Geist wieder zu erheitern und die poetische Begeisterung neu zu wecken“ - In Prag fand die mit Jubel aufgenommene Uraufführung des „Don Giovanni“ statt, in Wien aber fiel das Stück durch, das erste unter der langen Reihe zeitüberdauernder Meisterwerke, die dasselbe Schicksal in Wien erlitten. Anschaulich und treffend schreibt er: „Der Kaiser ließ mich rufen . . . wobei er äußerte, er brenne vor Verlangen, den Don Juan zu hören. Die bevorstehende Abreise des Kaisers Joseph beschleunigte die Mise en scene, und was soll ich sagen? Don Juan gefiel nicht! Alle Welt, Mozart ausgenommen, war der Ansicht, das Stück müsse umgearbeitet werden. Wir machten Zusätze dazu, änderten mehrere Stücke und zum zweiten Male: Don Juan gefiel nicht! Dies hinderte den Kaiser aber nicht, sich zu äußern: Dieses Werk ist himmlisch; es ist noch schöner, als die Hochzeit des Figaro; aber es ist kein „Bissen“ für meine Wiener. Ich erzählte Mozart diese Worte, der mir, ohne sich irre machen zu lassen, antwortete: Laßt ihnen nur Zeit, ihn zu kosten! Er irrte sich nicht... Nach und nach gewöhnten sich die Wiener daran, diesen Bissen schmackhaft zu finden und seinen Wert einzusehen, endlich schmeckte er ihnen so wohl, daß sie den Don Juan zu dem Rang dramatischer Meisterwerke erhoben“. Was sagt uns da Ponte über seine Beziehungen zum Judentum? Es ist als sicher anzunehmen, daß er als Knabe Hebräisch gelernt hat, zumal er erst als 14jähriger zum Katholizismus übertrat. Darauf weist die Bemerkung: „Seit einiger Zeit hatte ich mir in den Köpf gesetzt, mich in dem Studium des Hebräischen zu vervollkommnen, das ich schon kannte.“ Gleich darauf zitiert er als Ausspruch eines „gelehrten Rabbiners“, den er nicht näher bezeichnet; U 1 m i s s a 1 m i d a i rabadi miculam. Es ist ein Wort aus dem Talmud: Am meisten (lernte ich) von meinen Schülern. Das ist alles; der Heranwachsende und der Erwachsene kommt nicht mehr auf sein Judentum zu sprechen. Die Erinnerung an die Abstammung, an den Glauben der Väter scheint ausgelöscht, da Ponte nimmt als Kind seiner Zeit in allem an den Erschütterungen der Epoche teil, an den Parolen Rousseaus, für die er als Lehrer am Seminar von Treviso eintritt; der französischen Revolution, die ihn in Mainz streift, geht er aus dem Wege; aber der mächtige Aufschwung, der verführerische Zauber Nordamerikas lockt auch ihn wie so viele zur Uebersiedlung. Noch auf den letzten Seiten seines Erinnerungsbuches spricht er in hochinteressanter 4