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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1934-12-01 · 9 (1.12.1934) · p. Seite 2

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
12 (1934)
Issue
9 (1.12.1934)
Date
1934-12-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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in diesem Schlamassel den Mut zu solch zuversichtlicher Stimmung? — Woher nehmen wir den Mut in unserem „Schlamasel“? — Leid ist über uns gekommen, schlimmer noch als Kriegsleid. Noch stehen wir, die wir geblieben sind, auf unserem Posten. Aber ist nicht für uns ringsum Nacht? Sind wir nicht einsam, ist nicht Liebe und Freundschaft für uns in weite Ferne gerückt? Verlieren nicht viele den Mut, den Glauben an die Zukunft? Fast kann man die gleichen Worte wiederholen: eine dunkle Gestalt kommt, streckt die Hand nach uns aus und flüstert: wie lange wirst du es noch ertragen? Die Sorge kommt wie ein Gespenst und flüstert: Dein Erwerb geht zugrunde, was wird aus dir und deiner Familie? Ein Schatten schwebt an uns vorbei, wir hören ihn sprechen: was wird aus den Alten, wenn niemand für sie sorgen kann? was wird aus den Kindern, wenn sie keinen Platz im Leben finden? Gegen die dunklen Schatten muß man Lichter beschwören, gegen die flüsternden Geisterstimmen herzwärmende Bilder, Worte und Melodien. Einen Lichtkreis muß man um sich ziehen, den die bösen Geister nicht überschreiten können: einen Lichtkreis des Glaubens, in dem man sich geborgen fühlt. Erzählt nicht Chanukah und das Festlied von verzweifelten Stunden, in denen alles verloren schien und doch alles gerettet wurde? Am Schilfmeer, als vor den Juden die Fluten waren und hinter ihnen das feindliche Heer. In Babylon, als Jerusalem in Trümmern lag und die Reste des Volkes in die Ferne verschleppt waren. Im Perserreich, als der Befehl zur Tötung aller Juden vom König schon gegeben war. Unter der Herrschaft der Syrer, als das Götzenbild im Tempel zu Jerusalem stand, die jüdische Religion ausgerottet werden sollte. Es weckt das Chanukah- Fest in uns das Bewußtsein, nicht Pharao, nicht Nebukadnezar, kein Haman noch ein Antiochus konnten uns vernichten. Es weckt aber auch in jedem Einzelnen das Gefühl: Du gehst nicht zugrunde, wenn du nicht willst; du brauchst nicht im Dunklen zu stehen, wenn du Lichter rufen kannst. Wirklichkeit ist das, was auf uns wirkt. Für den Landsturmmann waren in den nächtlichen Stunden nicht das Feindesland und einsame Wache die Wirklichkeit, sondern die Lichter,* die Melodien, die Bilder, die er in den Lichtern schaute. Sie füllten sein Innenleben, sie gaben ihm die Kraft, den Krieg zu überdauern. Die Religion muß Wirklichkeit sein und wirken; dann verblaßt in ihrem Schein die vergängliche Wirklichkeit der Dinge. — Wir stehen in diesen Tagen im Lichtkreis des Chanukah-Festes. Wir sehen seine Lichter, wir hören seine Lieder, die Nacht weicht zurück, das Herz wird uns warm, wir fürchten uns nicht, wir glauben an den Gott Israels. .„Schirm und Schutz in Sturm und Graus, Dir erschallt mein Jubellied.“ Gemeinschaftsarbeit der Jüdischen Jugend Von Dr. Bruno Sommerfeld. I. Die Vielzahl der jüdischen Jugendbünde hat dazu geführt, daß ein Außenstehender sich in der jüdischen Jugendarbeit nicht mehr auskennt. Die jüdische Jugendbewegung ist auch in dieser Beziehung Nachfahre der deutschen Jugendbewegung, die freilich in jüngster Zeit zum größten Teil in der Hitler-Jugend geeint ist. — Als die Reichsjugendführung im Jahre 1933 die Neuanmeldung sämtlicher jüdischer Jugendvereine verlangte, trugen sich nicht weniger als 97 Bünde in die Listen ein. Von den 97 würde man zumindest 80 Vereinen keinen geistigen Zwang antun, wenn man sie an einen größeren Bund anschließen würde. Persönlicher Ehrgeiz gepaart mit Eigenbrödelei siegen über alle sachlichen Beweisgründe, und so werden die 97 noch weiter die Listen zieren... Im Folgenden wird nur über die geistig eigenständigen Jugendbünde ein Ueberblick gegeben. Voraus geschickt sei, daß die geistigen Zielsetzungen nicht starr, sondern beweglich sind und daher eine systematische genaue Einteilung erschweren. Nach jüdisch-weltanschaulichen Gesichtspunkten unterschieden, stehen sich zunächst die zionistischen und deutsch-jüdischen Gruppen gegenüber. Die nationaljüdischen Bünde kann, man unterscheiden in gesellschaflserneuernde (chaluzische Bünde): Habonim (die Bauleute)-. Hechaluz (der Pionier), Haschomer Hazair (Junge Wächter); in religiös-chaluzische Bünde: Brith-chaluzim datiiin (Bund religiöser Pioniere), Brith Hanoar schel Zeire Misrachi (Jugendbund des Misrachi), Werkleute. Die letztgenannten Bünde haben den gesetzestreuen Aufbau Palästinas zum Ziel. Pfadfinderbünde: Jüdischer Pfadfinderbund Deutschlands und Makkabi Hazair. Nachwuchsorganisationen: Junggruppen der Berliner Zionistischen Ver einigung und Nationale Jugend „Herzlia“ (Revisionisten). Die deutsch-jüdischen Bünde: Ili (jüdisch-liberaler Jugendbund), Deutsch-jüdische Jugendgemeinschaft, Ring, Jugend- und Kinderscharen haben sich zu einem großen Bund deutsch-jüdischer Jugend zusammengeschlossen. Daneben bestehen noch „Schwarzes Fähnlein“ und Jugendgemeinschaft der jüdischen Reformgemeinde. Weder zu der einen noch zu der anderen Gruppe gehört der Verband der jüdischen Jugendvereine Deutschlands, dessen „gesamtjüdische“ Haltung alles Jüdische zu umfassen strebt. Ebenso wenig lassen sich die gesetzestreuen Bünde Aguda und Esra in dieses Schema einfügen. Im Mittelpunkt ihrer Jugenderziehung steht das Religionsgesetz, die Unterscheidung Nationaljudentum oder Diasporajudentum hat für sie nur sekundäre Bedeutung. II. Sämtliche jüdischen Jugendbünde sind im Reichsausschuß der jüdischen Jugendverbände zusammengeschlossen. Insgesamt sind heute zirka 60.000 Jugendliche organisiert. Bereits im Jahre 1924 schufen sich die Bünde zwecks gemeinsamer sozialer Arbeit diesen organisatorischen Halt und gingen damit einen Weg, den die Erwachsenen-Organisationen erst neun Jahre später unter dem Eindruck des außergewöhnlichen Geschichtsereignisses bc schritten. So hatte der Reichsausschuß eine langjährige a Erfahrung hinter sich, als er am 2. November 1933 von der Reichsjugendfühlung „als die alleinige verantwortliche Zentralorganisation der jüdischen Jugend“ anerkannt wurde. Die grundstürzende Wandlung, die durch das Jahr 1933 in unserem gesellschaftlichen Dasein einsetzte, stellte besonders die Jugendbünde vor verantwortungsschwere Aufgaben. Die Jugendlichen, die sich plötzlich von der Schule, der Universität oder dem Beruf ausgeschlossen sahen, mußten aufgefangen werden. Es galt, den Betroffenen für die Unterbrechung ihrer bisherigen Lebensführung neue Lebensinhalte zu vermitteln. Angesichts der prakti- 2

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