Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 12 (1934)
- Issue
- 9 (1.12.1934)
- Date
- 1934-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/10279732-10279737-10021665--102-3980859- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
äOEMEINDEBIAH FÜR DIE JÜDISCHEN GEMEINDEN PREUSSENS VERWALTU N G S B LATT DES PREUSSISCHEN LANDESVERBANDES JÜDISCHER GEMEINDEN Alle Zaxhriften »Ind tu rldilen an d ««Verwaltung»- und Gemelndeblatt de«PrrußUdien Landetveibande« (Adltdier Gemeinden, Bin.-Charlottenburg 2, Kanutr.lJS, Ü.Stodc Der Bexufpprels für die Einzelnuraer betrtgt 10 Pfennig. VerantwoHlldier Leiter de« Inseratenteil«: Joseph Jaitrow, Berlin S 42, Bltterstrafie 36 12. Jahrgang Berlin, den 1. Dezember 1934 Nr. 9 Die Lichter zum Chanukahfest Von Rabbiner Dr. Wilde, Magdeburg. Es war im dritten Kriegsjahr. In dunkler Nacht, in Feindesland, steht ein Landsturmmann Wache. Seit Wochen, seit Monaten, seit Jahren. Immer abwechselnd: Wachtdienst, Schlaf, Bereitschaft und dann wieder Wachtdienst. Wache am Tage, Wache in der Nacht. Wünscht, es käme schon ein Feind, käme jemand, der den Bahndamm bedroht. Niemand kommt. Und doch — dunkle Gestalten kommen immer häufiger, schließlich in jeder Nacht. Eine dunkle Gestalt kommt, streckt die Hand nach ihm aus und flüstert: 3 Jahre führst du schon dieses Leben, kein Ende ist zu sehen, wie lange wirst du es noch ertragen? und ihm ist’s, als wäre es der Wahnsinn selbst, der die Hand nach ihm ausstreckt. Die Sorge kommt wie ein Gespenst und flüstert: Dein Geschäft geht zugrunde, deine Frau kann es nicht erhalten, was wird aus dir, wenn du doch heimkommst? Ein Schatten schwebt an ihm vorbei, er hört ihn sprechen: Deine Kinder verwahrlosen ohne den Vater, wer wird sie erziehen? So steht er in jeder Nacht, bald im Dunklen, bald im Mondesschein; aber immer kommen die Schatten, die Gespenster. Da fürchtet er den Zusammenbruch, den körperlichen, den seelischen. Er will sich aber nicht unterkriegen lassen von den bösen Geistern, von Sorge und Stumpfsinn, von Wut und Verzweiflung. Er will heimkehren, er will wieder aufbauen, er will für Frau und Kinder weiterleben, er will die bösen Geister vertreiben. Gegen die dunklen Schatten beginnt er helle Lichter zu beschwören, gegen die flüsternden Geisterstimmen warmherzige Melodien. Er sieht einzelne Lichter am Bahndamm, auf fernen Höfen, dort unten im Dorf. Das sind aber nicht Lichter im Feindesland, am Bahndamm, im Dorf. — Die 2 Lichter in dem einen Haus, das sind Freitagabend-Lichter, und er beginnt alle-Gebete für den Sabbateingang zu singen und zu sagen. Wie gut, daß er noch soviel auswendig weiß. Er singt l’cho daudi, summt immer wieder die Melodie. An einem anderen Abend sieht er viele Lichter unten im Dorf, sie leuchten wie aus einem einzigen großen Kaum. Das ist die Synagoge, heute ist Neujahr. Alle Gebete und Melodien sucht er aus seinem Gedächtnis.. In seinen freien Stunden blättert er jetzt immer-in einem kleinen Taschengebetbuch, um sein Gedächtnis für die Nacht aufzufrischen. In einer anderen Nacht sieht er ein einziges großes Licht; das ist ein Jaum- Kippur-Licht. Von Kol-Nidre bis Neila, wieviel Gebete und Melodien! Oft in später Nacht sieht er von seiner Postenstelle aus nur ein einziges kleines Licht: das ist das Jahrzeitslicht für den seligen Vater. Es weckt keine trüben Erinnerungen, es ruft den Sederabend im Elternhaus herbei. Er sieht sich wieder als Kind, er sagt mah nischtaneh; der Vater beginnt: awodim hojinu. Das Herz wird dem einsamen Manne warm. Jede Nacht wird zu einer behüteten Nacht „lei schemurim“. Er betet, er singt, er spricht; wie schön weit ist der Weg von mah nischtaneh bis chad gadjoh! Wenn er gar kein Licht sieht, dann ist Tischo b’aw und er singt alle Lieder in Trauermelodien. — Das liebste und häufigste Fest für ihn ist aber Chanukah. Er zählt die einzelnen Lichter im weiten Umkreis und soviel es auch sind, immer ist Chanukah. Es ist der erste Tag oder es ist der achte Tag; es brennt nur sein Leuchter oder auch einer für seine Frau und für jedes der Kinder; sind es noch .mehr Lichter, dann sieht er die .Leuchter der befreubdeten Familien. Je mehr Chanukah-Lichter er zählt, desto wohler fühlt er sich, desto fröhlicher singt er moaus zur jschuossi. Jede Nacht, wenn seine Zeit zu Ende geht, fliegt ein Licht auf ihn zu; das ist ein Chanukah-Licht, das ihn abholen Aind nach der Heimat führen will. Er weiß: es ist die Ablösung mit einer Laterne in der Hand; nein, es ist doch das Chanukah-Licht! Es wird ihn nach Haus führen zu friedlich-sinnvollem, zu fröhlich-arbeitsreichem Leben und mutig summt er das alte Siegeslied. Verwundert sagt die Ablösung: Woher nimmst du noch