Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 12 (1934)
- Issue
- 8 (1.11.1934)
- Date
- 1934-11-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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Gegeneinander der Meinungen und Interessen, ganz so, wie auch der Dichter dies „Volk“ gezeichnet: wankelmütig» jedem Gerächt nachgebend, jedem Augenblicks^ interesse folgend, unbeständig und undankbar nun verfluchend, was es soeben noch angebetet hatte, schließlich aber von gemeinsamer Not und gemeinsamem Schicksal angefaßt und emporgehoben in die letzte große Ekstase. Diese letzte Szene freilich stand nicht mehr auf der vollen Höhe der voraufgegangenen Akte; aber es fragt sich, wieviel daran Schuld des Regisseurs, wieviel Schuld der dramaturgisch-musikalischen Bearbeitung ist. Denn gewiß: die sich durch das ganze Stück hinziehende Musik von Arno Nadel stand auf gleichem Niveau wie alles Musikschaffen dieses jüdischen Komponisten, aber: diese von Stefan Zweig gedichteten Sprechchöre des aus dem zerstörten Jerusalem auf tausendjährige Schicksalswanderung ziehenden Volkes fast schon oratorienmäßig singen zu lassen, das bedeutet den Verzicht auf jede dramatische Gestaltung und widerspricht vollends dem Stil dieser Bühnendichtung. Auch ist es vielleicht möglich, einmal vom Dialog in den Sprechchor und vom Sprechchor zum Chorgesang mit Instrumentalbegleitung überzugehen, aber dann zurückzubiegen in den Dialog und viermal die gleiche Stufenleiter bis zum ekstatischen Chorgesang dem Publikum vorzuführen, das geht doch wohl nun nicht an, und ein Regiemeister wie Jessner sollte sich mit dergleichen nicht abfinden. Ueber die Leistungen der Kinzeldarsteller wäre viel zu sagen, doch muß es in diesem nicht für Berliner Leser bestimmten Blatte unterbleiben. Nur soviel sei bemerkt, daß das Berliner Kulturbundtheater in einjähriger, zielbewußter und ernster Aufbauarbeit sich ein vorzüglich eingespieltes Ensemble herangebildet hat, mit hohen künstlerischen Kräften, aus deren Mitte die Gestalt und der hochbegabte Gestalter Fritz Wisten — Jeremias emporragt. Nicht letzte Vollendung, aber doch außerordentlich hohes künstlerisches Schaffen war es, was wir sahen, und wenn von diesen Gesehenen die Kunde zu unsern Glaubensgenossen außerhalb der Reichshauptstadt getragen wird, so deshalb, damit möglichst viele Gemeinden sich ein Gastspiel dieser wahrhaft jüdischen Theateraufführung sichern und damit ferner in möglichst viele Herzen ein Funke jenes Geistes fällt, von dem am Beginne des Premierenabends im Aufträge des „Zentralausschusses der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau“ Justizrat Dr. Julius Brodnitz (Central-Verein) und Dr. Siegfried Moses (Zionistische Vereinigung) sprachen: der Jeremias segnet König Zedekia Rho». Sonnenfeld aus Stefan Zweigs »Jeremias c gesamtjüdischen Verbundenheit, der opferwilligen Hilfsbereitschaft, des aktiven Aufbauwillens. Denn, so hörten wir, und so soll es werden: An jeglichem Orte, Wo euch Glaube inwohnet, Ueberwölbt euch hell seine mauerne Krone: Wer glüht,, sieht ewig Jerusalem! JÜDISCHE CHRONIK Der österreichische Bundeskanzler Schuschnigg erklärte in seiner vor der Genfer Völkerbundsversammlung gehaltenen großen Rede, daß die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz und die Gleichheit der staatsbürgerlichen Stellung aller Oesterreicher — ohne Ausnahme — ein absolut selbstverständlicher Grundsatz sei, an dem in Oesterreich niemals gerüttelt werden würde. In den Vorstand der Danziger Außenhandelskammer wurden auch einige angesehene jüdische Kaufleute gewählt. Anläßlich der 125-Jahr-Feier der Tiroler Freiheitskämpfe gegen die Franzosen in Innsbruck sangen über 100000 Festteilnehmer nach dem Gottesdienst zum Schluß entblößten Hauptes das Hofer-Lied «Zu Mantua in Banden" ... Die Wiener jüdische Zeitung „Gerechtigkeit" erinnerte daran, daß dieses Volkslied von dem 1803 geborenen deutsch-jüdischen Lyriker Julius Mosen (eigentlich Moses) stammt, und daß der einzige Jurist, der es seinerzeit — mit Lebensgefahr — gewagt hatte, für Hofer einzutreten und seine Verteidigung zu übernehmen, der österreichisch-iücKsche Advokat Moritz Bassen gewesen sei, der später durch seine Schriften gegen die Todesstrafe und über den Hofer-Prozeß berühmt wurde. Sämtliche jüdischen Sportverbände in Deutschland schlossen sich zu einem „Reichsausschuß jüdischer Sportverbände" zusammen. Auf dem Wiener Zentralfrsedhof wurde ein Denkmal für mehrere 1000 gefallene österreichisch —jüdische Soldaten enthüllt. Die österreichische Regierung beteiligte sich offiziell an der Feierlichkeit. Die Sy na goge in Buer (Westfalen) wurde nachts von unbekannten Tätern geschändet; die Fensterscheiben wurden zertrümmert, das Innere durch Steine und Unrat verunreinigt. Bei der Entbindung der italienischen Kronprinzessin Jose Maria wurde der bekannte italienischjüdische Arzt und Professor für Gynäkologie an der Universität Rom, Dr. Isaak Artom, zur medizinischen Hilfeleistung herangezogen. Nach offizieller amtlicher Mitteilung praktizieren gegenwärtig in China 47 deutschjüdische Aerzte, die in~ den letzten VA Jahren dort eingewandert sind. Zum Gouverneur des Staates New-York wurde der amerikanisch-jüdische Colonel Herbert H. Lehmann, ein bekannter Philantrop und Organisator gewählt. Die Leipziger jüdische Gemeinde wurde durch das Ableben ihres in weiten Kreisen hochgeschätzten Rabbiners - Dr. Felix Goldmann in tiefe Trauer versetzt. Die antisemitische Bewegung, die in den letzten zwei Monaten in der Türkei ausbrach, hatte zur Folge, daß 1800 türkische Juden auswanderten. In Berlin fand die Gründung einer „Gesellschaft der in Deutschland lebenden Juden zur Förderung der Erbpflege" statt; zum Leiter dieser Arbeitsgemeinschaft. die ihr Wirken über ganz Deutschland erstrecken soll, wurde Dr. W. Nußbaum gewählt. Der berühmte holländisch-jüdische Maler _ Isaak Israels kam bei einem Autounfall ums Leben. Bilder des Verstorbenen befinden sich in den ersten französischen und holländischen Museen. 7