Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 12 (1934)
- Issue
- 8 (1.11.1934)
- Date
- 1934-11-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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„Verlag der Juden iRnd Judengenossen“ nannte ihn Professor Bartels. Ein Blick auf die Verlagsverzeichnisse und Einsichtnahme in die Verkaufsstatistik zeigt hingegen, daß es noch nie einen Vejrlag in Deutschland gegeben hat, der mit solcher fanatischen Liebe gerade deutsche und nordische Literatur gepflegt und propagiert hat. Er entdeckte zuerst, vor Jahrzehnten, die urdeutschen, heute mit Recht so gerühmten Dichter Stehr, Emil Strauß, Schaffner, Hartleben,j Dehmel, Flake, Hauser, Hausmann, Schickele und viele, viele andere, — als es noch schwierig war, sie durchzusetzen und mit dem Vertrieb ihrer Werke wirtschaftlicher Nutzen nicht zu erzielen war! Die Dichter Hesse, Dehmel, Hartleben schrieben in ihren Selbstbiographien, daß sie ihnen Aufstieg Samuel Fischer zu verdanken hätten. Der Verlag verbreitete in Massenauflagen die deutsch-patriotischen Bücher von Requadt. Alfred Weber, Scheffler, voti Wiese, Ernst Troeltsch usw. usw Er druckte die gesamte neuere dänische und skandinavische Literatur — njur Strindberg ausgenommen! — soweit sie von europäischer Bedeutung war, und zwar in musterhaften Ausgaben und Uebersetzungen. Er erinnerte in entzückenden buchtechnisch auf bis dahin noch nicht gekannter Höhe stehendenden, dabei billigen Neuausgaben an Novalis, Hölderlin, Brentano, Schubart usw. Er hat die besten modernen deutschen Lyriker tatkräftig gefördert. Sein Verlagsprogramm war mit Bezug auf schöne Literatur das reichhaltigste und kulturell interessanteste des letzten halben Jahrhunderts in Deutschland. Das Werk dieses Mannes wird weiterleben und für ihn zeugen! Anläßlich seines Todes hat sogar die Standeskorporation der deutschen Buchhändler eine offizielle Trauerkundgebung veröffentlicht und allen ihren Mitgliedern zugesandt. Damit kam zum Ausdruck, daß man sich im Kreise von Sachverständigen über die Bedeutung dieses Mannes wohl im klaren ist. Stefan Zweigs „Jeremias” Zur Aufführung des Bühnenwerkes in Berlin Von George Ebenso, wie vor ieinem Jahre die in Berlin erfolgte Gründung des „Kulturbundes deutscher Juden“ und die Eröffnung seines Theöters mit Lessings immer noch gegenwartsnahem „Nathan“ ein Ereignis gewesen ist, dessen Bedeutung weit über [die Grenzen Berlins hinausging, so geht auch die nunmehrige Eröffnung des zweiten Spieljahres mit Stefan jZweigs „Jeremias“ die gesamte deutsche Judenheit aü. Oft und oft ist in den letzten Jahren der Buf nach Religiöser Erneuerung erklungen; oft und oft wurde gesagt,' daß wir es erreichen müssen, den ewigen Geist des Judentums nicht nur aus dem Gotteshause und dem Lehrjiause zu uns sprechen zu lassen. Aber so oft solche Forderungen auch ertönten, so berechtigt sie waren, so ehijlich diejenigen es meinten, die für ihre Erfüllung eintraten, es blieb etwas Mißliches dabei, daß immer nur die Notwendigkeit dargelegt, das Ziel gezeigt wurde, daß aber Raum je Werke geschaffen wurden, die als Erfüllung solther Forderung (angesehen werden konnten. Als dann deR „Kulturbund deutscher Juden“ ins Leben trat, ahnten wphl manche, daß er die berufene Stelle sei, diese überall schlummernden Sehnsüchte endlich zu befriedigen. Es; mag richtig-sein, daß ursprünglich ganz andere Motive zifr Gründung des Kulturbundes geführt hatten. Darstellende Künstler jeder Kategorie waren von den deutschen Bühnen nahezu völlig ausgeschlossen, vielfach hatte man uns Juden wissen lassen, daß wir auch als Publikum nicht willkommen seien. Unsere Künstler mußten ihrer Kunst erhalten bleiben, es mußten ihnen Existenzmüglichheiten geschaffen werden, und die große Masse der deutschen Juden wollte sich von der deutschen Kunst, mit der sie ausgewachsen, in der sie verwurzelt wär, nicht trennen. Jüdische Künstler und jüdisches Publikum blieben auch in der Isolierung Deutsche, zumindest ihrem Wollen nach- In dieser Verbundenheit mit der deutschen Kunst liegt auch der Grund und die Berechtigung dafür, daß der Kulturbund vorwiegend Schauspiele und Opern spielte, die man auch sonst gemeinhin auf deutschen Bühnen sieht; und die oft mit mehr Leidenschaft als Sachkenntnis verfochtene These, der Kulturbund dürfe nur jüdische Stücke bringen, geht an der Situation, in d« r wir deutschen Juden uns befinden und aus der sich auch die Wirkensnotwendigkeiten des Kulturbundes ergeben, völlig vorüber. Dennoch schwingt in allen diesen Bestrebungen etwas Richtiges mit: das Fühlen eben jener eingangs erwähnten allgemeinen Sehnsucht nach jüdischer Erneuerung und der überall spürbare Wunsch, den ewigen Geist des Judentums auch aus anderen Quellen in uns einströmen zu lassen, als nur aus Gotteshaus und Lelirhaus. Was ein Schriftsteller unserer Tage die „Kunst,; als Jude zu leben“ nannte, das will wieder gelernt sein, in der Familie, im Berufsleben, G o e t z. in der sozialen Gemeinschaft und nicht zuletzt auch in unsenn Kunstleben. Neben der Pflege der uns von Vätern und Großvätern überkommenen deutschen Kunst wurde daher solche Pflege neujüdischen Kunstlebens die Aufgabe aller kulturellen Organisationen, und dieser Umstand ist es wohl auch gewesen, der den in Berlin gegründeten „Kulturbund deutscher Juden“ derart populär gemacht hat, daß in kurzer Zeit überall im Reiche Parallel-Organisationen geschaffen wurden. Aber dies nun blieb die bis gestern unbewältigte Schwierigkeit: die Aufgabe war da, riesengroß; die Organisation, ihr technischer Apparat, ihre künstlerischen Kräfte standen da, jederzeit zum Einsatz ihrer letzten Kraft bereit, aber was zu fehlen schien, war wiederum das Kunstwerk selbst, an dem die Aufgabe erfüllt werden konnte. Freilich, Eingeweihte, und zu ihnen gehören selbstverständlich die leitenden Persönlichkeiten des Kulturbundes, wußten, daß dieses Werk längst vorhanden war. Anderthalb Jahrzehnte sind es her, seitdem Stefan Zweig sein Jeremias-Drama geschrieben hat, in deutscher Sprache, formvollendet, oft anklingend an die Sprechweise des deutschen Sprachschöpfers und christlichen Reformators Martin Luther; aber getragen von jüdisch-religiösem Geiste und von jüdischem Ethos, erfüllt auch von der ganzen Problematik des vieltausendjährigen und des heutigen Schicksals unserer jüdischen Gemeinschaft; zeigend Israels Sendung unter den Nationen, sein Leiden um dieser Sendung willen, weil die Welt nicht will wie Gott, und seine inuere Zerrissenheit, weil auch innerhalb der Gemeinschaft Israels nur wenige dieser hohen Sendung gewachsen sind. Dieses Werk war da, aber ein Wall von Hindernissen türmte sich, bis es aus dem Staub der Bibliotheken unter das farbigte Scheinwerferlicht der Rampe gebracht werden und von da seinen Weg in die Herzen und Hirne der jüdischen Kunstgemeinde nehmen konnte. Es ist das große Verdienst des Kulturbunds, daß diese Hindernisse bewältigt wurden, und ehrlich zu bewundern ist schon die rein organisatorische Riesenleistung, die hier eine Vielzahl von Einzeldarstellern, Sprechkomparsen, Chorsängern, Statisten und Musikern sowohl auf als hinter einer Bühne vereinigte, deren räumliche und technische Verhältnisse weit eher Hindernis als Plattform einer solchen Leistung waren! Künstlerischer Gestaltungswille hat all dies be wältigt: Heinz C o n d e 11 hat mit einfachsten Mitteln Bühnenbilder geschaffen, die alles erfüllten, was Dichter und Publikum fordern konnten; der Regisseur aber, Fritz Jessner, hat sich als ein Meister der Massenbewegung erwiesen, und an die höchsten Berliner Theatererlebnisse wurde man erinnert, als man dieses „Volk“ sah, auf- und abwogend, hier und dort hinlaufend, bald in gemeinsamer Aufwallung oder Niedergeschlagenheit, bald im 6