Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 12 (1934)
- Issue
- 8 (1.11.1934)
- Date
- 1934-11-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Arbeitgeber wie Arbeitnehmer haben zu beachten, daß die Zustimmung des Arbeitsamts vor der tatsächlichen Einstellung des Arbeitnehmers beantragt und erteilt sein muß. Unter Einstellung wird nicht der Abschluß des Dienstvertruges, sondern die tatsächliche Aufnahme in den Betrieb, also der Arbeitsbeginn, verstanden. Dienstverträge, die ohne Zustimmung des Arbeitsamts abgeschlossen werden, gelten als von Anfang an nichtig, wenn nicht später die Zustimmung des Arbeitsamts erfolgt. D. Verstöße gegen die Verordnung: Der Führer des Betriebes ist verpflichtet, alle vorgeschriebenen Mitteilungen und Erklärungen rechtzeitig und vollständig abzugeben. Er darf weder Personen unter 25 Jahren ohne die erforderliche Zustimmung des Arbeitsamts einstellen, noch vorsätzlich den Austausch von Arbeitskräften verzögern, wenn er endgültig angeordnet ist. Verstößt ein Betriebsführer gegen diese Pflichten, so kann er mit Geldstrafe bis zu RM 150.— oder mit Gefängnis bis zu 3 Monaten bestraft werden. Die vorstehend erläuterte Verordnung hat mannigfache Probleme sozialpolitischer Art für das deutsche Judentum iin Gefolge. Insbesondere die Tatsache, daß jüdischen Jugendlichen der Eintritt in den freiwilligen Arbeitsdienst und in die Landhilfe verwehrt wird, läßt Befürchtungen aufkommen, die sich aus einer beschränkten Vermittlungsfähigkeit jüdischer Arbeitnehmer unter 25 Jahren ergeben. Die zuständigen Zentralstellen haben jedoch bereits die notwendigen Schritte bei dem Herrn Präsidenten der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung unternommen. Es ist zu hoffen, daß gegenüber jüdischen Arbeitgebern von einschränkenden Bestimmungen für die Einstellung jüdischer Jugendlicher abgesehen wird. Auch die Frage, ob es möglich sein wird, Ersatzeinrichtungen zu schaffen, die jüdischen Jugendlichen ähnliche Berechtigungen wie die Tätigkeit in der Landhilfe und in dem freiwilligen Arbeitsdienst gewähren, wird zur Zeit geprüft. Abonnieren Sie das Gemeindeblatt bei Ihrem Briefträger oder Postamt oder überweisen Sie RM 0.75 * für 7tJahr*Abonnement auf das Konto »Gemeindeblatt der jüdischen Gemeinden Preußens Joseph Jastrow, Berlin S 42 < Postscheck-Konto Berlin 52682 Zwei bedeutende Zeitgenossen Zum Tode von Alexander Moszkowski und S. Fischer Von Dr. Ludwig Davidsohn - Berlin. Im letzten Monat starben in Berlin in hohem Alter zwei in Deutschland aufgewachsene Ostjuden, die beide ganz Außerordentliches geleistet haben und deren Verdienst um die deutsche Kultur zu anderer Zeit allgemein gewürdigt worden wäre. Alexander Moszkowski wurde von seinem wenigglücklichen Alter — er war seit langem erblindet — im 85. Lebensjahr durch den Tod erlöst. Er stammte aus Pilika in Polen, wuchs in Breslau aut, und schon in sehr jugendlichem Alter zeigten sich seine vielfältigen Begabungen. Er war sehr musikalisch (sein Bruder war der bekannte Pianist und Komponist Moritz Moszkowski) und begann als 24jähriger mit ganz neuartigen, künstlerischen Gebilden der heiteren Muse mit — musikalischen Humoresken, den „Erlebnissen Anton Notenquetschers“, voji denen kein Geringerer als Brahms schrieb, daß er Tränen darüber gelacht und daß diese übermütigen Scherze ihm viel frohe Stunden geschenkt hätten. Als noch blutjunger Mensch trat Moszkowski in die Redaktion der „Wespen“, der Berliner humoristischen Zeitschrift, ein, die damals Julius Stettenheim herausgab. 1886 wurde er Chefredakteur der „Lustigen Blätter“, die er bis 1928 leitete. Die meisten und besten Beiträge für diese Zeitschrift schrieb der Humorist viele Jahrzehnte hindurch allwöchentlich selbst, und unter seiner Führung wurden die Berliner „Lustigen Blätter“ vor dem Kriege das verbreitetste Witzblatt Deutschlands, dabei immer liebenswürdig und gutmütig, niemals irgendjemanderf verletzend und mit den Behörden in Konflikt geratend (wie bald darauf der „Münchener „Simplizissimus“). Moszkowski war auch länger als ein Menschenalter Lektor eines großen humoristischen Verlages und seine berufliche Tätigkeit hätte die Arbeitskraft jedes normalen Menschen absorbiert. Aber der Fleiß, die Arbeitskraft, die Geistesschärfe und intellektuelle Beweglichkeit dieses Mannes hatten ein geradezu phantastisches Ausmaß: jeden Tag saß er von 4 Uhr morgens bis 11 Uhr vormittags— dann fuhr er in die Redaktion — an seinem Schreibtisch, grübelte und schrieb. Fast fünfzig Bücher hat der Unermüdliche verfaßt! Abgesehen von seinen Lustspielen und Humoresken schrieb er umfangreiche Werke über Kunstphilosophie, die „Zukunft der Künste“, über die Beziehungen zwischen Philosophie und Physik, über die Einsteinsche Relativitätstheorie, über die griechische Philosophie, über Pythagoras, Sokrates, den „Begriff der Unendlichkeit in der Erkenntnistheorie“, über die „Philosophie der Sprache“ usw. Alle diese Werke sind jedoch trotz ihrer Allgemeinverständlichkeit keine billigen Popularisierungen, sondern gewichtige Leistungen, die auch von den betreffenden Spezialwissenschaften — zum Teil sogar begeistert -— anerkannt wurden. Vielleicht war Moszkowski der letzte große Polyhistor Deutschlands! Zu seinem 70. Geburtstag 1920 gratulierten ihm offiziell Magistrat und Oberbürgermeister von Berlin und in der Ehrenurkunde heißt es: „Sie haben nicht nur als witziger Beobachter an der Spree seit Jahrzehnten dafür zu sorgen verstanden, daß Ihre Zeitgenossen selbst in schlimmen Zeiten nicht die gute Laune verloren, sondern Sie schufen auch philosophische und wissenschaftliche Werke, die, mit heiterer Anmut geformt, neue Wege der menschlichen Erkenntnis suchen und weit über unsere Zeit hinaus noch 'wirken werden!“ An seinem Judentum hing Moszkowski Zeit seines Lebens mit zärtlicher Liebe und schrieb eine großangelegte: „Philosophie'des jüdischen Humors“, von der bisher nur Teile gedruckt sind. Weniger als Jude in die Oeffentlichkeit getreten ist Samuel Fischer, in Lipto geboren, der als Fünfundsiebzigjähriger starb, der vor 49 Jahren seinen Verlag begründete und ihn zum größten und einflußreichsten literarischen Verlag Deutschlands ausbaute. Welche Bedeutung dieser Verlag für die gesamte moderne Literatur seit etwa 1890 gehabt hat, ist zu bekannt, als daß es hier geschildert zu werden brauchte. Aber selbst der Tote mußte sich in verschiedenen deutschen Zeitungen noch den Vorwurf gefallen lassen, daß er, weil er Jude war, „den Belangen der wahren deutschen Kunst nicht genügend gedient hätte“. Den 5