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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1934-10-01 · 7 (1.10.1934) · p. Seite 8

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
12 (1934)
Issue
7 (1.10.1934)
Date
1934-10-01
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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wirtschaftliche Zukunftsgestaitung noch nicht übersehbar, und bei den jüdischen Gemeinden und Organisationen gilt das. wohl im besonderen Maße. Aber ganz abgesehen davon, daß in dem Abkommen eine Meistbegünstigungsklausel zu Gunsten des Preußischen Landesverbandes enthalten ist, durch die veränderten wirtschaftlichen Verhältnissen Rechnung getragen werden kann, wäre nichts verfehlter als das Warten auf eine Stabilisierung aller Verhältnisse. Die Beseitigung von Notständen erfordert neben Ueberlegung auch Entschlossenheit und Wagemut. Und es ist gewiß kein Zufall, daß nunmehr das Abkommen vom Preußischen Landesverband in verhältnismäßig kurzer Zeit herbeigeführt werden konnte, nachdem es in früheren Jahren in verschiedenartigsten Beratungen hin und her gezerrt wurde und nicht verabschiedet werden konnte. An den jüdischen Gemeinden, den jüdischen Organisationen und Beamten wird es sein, den Sinn des getroffenen Abkommens zu erfüllen. Was gewollt ist, ist klar: D e n jüdischen Gemeinden und ihren Organisationen bei der Durchführung ihrer moralischen Verpflichtung gegenüber ihren Beamten und Angestellten zu helfen, die jüdischen Beamten und Angestellten von der Degradierung zum Beihilfenempfänger zu befreien und somit beizutragen zur würdigeren Gest a 11 u n1 des jüdischen Lebens. JÜDISCHE CHRONIK Der italienische „Staatspreis für wissenschaftliche Leistungen für das Jahr 1933" wurde dem italienisch-jüdischen Gelehrten, dem Sanskritforscher Professor Dr. Umberto Norsa, Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in Mantua, zuerkannt. Nach der badischen Volkszählung von 1933 ist in Baden ein Rückgang der jüdischen Bevölkerung gegen- * über der Zählung von 1925 um 14,3 Prozent eingetreten. Franz Werfel hat ein biblisches Drama vollendet; Max Reinhardt wird das Stück im kommenden Winter in der Londoner Albert Hall inszenieren. Der bekannte Berliner Röntgenologe Dr. M a x Cohn, der frühere Leiter der Röntgenabteilung des Berliner Horst- Wessel-Krankenhauses, wurde als Professor an die Chikagoer Universität berufen; gleichzeitig wurde ihm die Leitung der Röntgenabteilung des städtischen Krankenhauses in Chikago anvertraut. Auf dem Internationalen Kongreß für Anthropologie und Ethnologie in London hielt der »berühmte englische Anthropologe Professor Elliot Smith eine Rede über die Wissenschaftlichkeit der Rassenbegriffe. Jüdisches Kulturgut bezeichnete der Gelehrte als für die europäische Zivilisation grundlegend. Der österreichisch-jüdische Augenarzt Dr. Israel Brecher erfand ein neues Heilverfahren zur Behandlung der Trachom krankheit; führende österreichische, französische und englische medizinische Zeitschriften bezeichneten das neue Verfahren als eine wertvolle Bereicherung der Wissenschaft. Der englische Major H. L Nathan, Ehrenmitglied der Londoner jüdischen Gemeinde und Mitglied des englischen Unterhauses wurde zum stellvertretenden Grafschafts- Statthalter von London ernannt. In Amsterdam wurde das 40jährige Bestehen des Verbandes der jüdischen Religionslehrer Hollands gefeiert; der Leiter des Verbandes, AA Mendels, der sein Amt seit der Gründung des Verbandes innehat, wurde von der Königin Wilhelmine von Holland zum Ritter des Ordens Oranien-Nassau ernannt. Der bisherige Chefarzt der Röntgenabteilung am Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde in Frankfurt a. M., Dr. med. Albert Oppenheimer, erhielt einen Ruf als Professor der Röntgenologie an die Amerikanische Universität Beirut (Syrien). Louis Gradner, ein Führer der südafrikanischen Juden und Bürgermeister von Kapstadt, wurde in dieser Eigenschaft wiedergewählt. Der in Prag tagende 8. Internationale Philosophenkongreß wählte den franösisch-jüdischen Philosophen Henri Bergs o n zum Ehrenpräsidenten des 9. Internationalen Philosophenkongresses, der in Paris stattfinden wird. In_ K ü s t r i n fand im Beisein zahlreicher auswärtiger Ehrengäste die Einweihung derneuerbauten Synagoge statt. Es war seit geraumer Zeit die erste Synagogeneinweihung, die in Deutschland stattgefunden hat. Etie ewige lampe wurde von dem Vorsitzenden des Berliner Rabbinerverbandes, Herrn Rabbiner Dr. Martin Salomonski entzündet, der zugleich als Vertreter des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden an der Feier teilnahm. Der Bund deutsch-jüdischer Jugend ist in der Zeit seines Bestehens seit Dezember 1933 von 35 Ortsgruppen mit 3000 Mitgliedern auf 105 Ortsgruppen mit 9000 Mitgliedern angewachsen. Der bisherige Bundesfuhrer Martin Sobotker trat aus beruflichen Gründen zurück; zu seinem Nachfolger wurde der bekannte jüdische Jugendführer Heinz Kellermann gewählt. Aus einer in Warschau veröffentlichten Statistik über Eheschließungen in Polen geht hervor, daß die jüdische Bevölkerung unter allen Konfessionen die geringste Zahl von Mischehen aufweist (0,1 Prozent). Anläßlich des diesjährigen Rosch-Haschanah-Festes haben — einem alten Brauche folgend — der Präsident der Vereinigten Staaten, Franklin D. Roosevelt, und eine Reihe anderer amerikanischer Staatsmänner Grußbotschaften und Glückwünsche an die jüdische Bevölkerung Amerikas gerichtet. Justizrat Dr. Arnold Seligsohn, Berlin, vollendete am 13. September sein 80. Lebensjahr. Der Jubilar ist Verfasser mehrerer Standardwerke auf dem Gebiete des Patentrechts. Er war lange Jahre Schriftführer der Juristischen Gesellschaft in Berlin; von der Berliner Universität wurde ihm vor Jahren die Würde des Ehrendoktors verliehen. Justizrat Seligsohn war lange Zeit Vorsitzender des Kuratoriums der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums. Rechtsanwalt Dr. Willy Katzenstein, der Vorsitzende der Synagogengemeinde Bielefeld und des Provinzialverbandes westfalischer Synagogengemeinden, beging am 12. September seinen 50. Geburtstag. Der Jubilar gehört u. a. auch dem Großen Rat des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden an und nimmt an all den Arbeiten des Landesverbandes hervorragenden Anteil. Oscar Wassermann, der langjährige Direktor der Deutschen Bank und Führer des Keren Hajjessod für Deutschland, erlag am 8. September im Alter von 66 Jahren einem langwierigen Leiden. Alle' jüdischen Organisationen widmen ihm Nachrufe und würdigen ihn als eine der repräsentativsten Persönlichkeiten der deutschen Judenheit. Bei dem staatlichen Volksbildungamt in Oesterreich wurde ein eigenes, jüdisches Dezernat errichtet, mit dessen Leitung der österreichisch-jüdische Pädagoge Professor Dr. K. Kupfer betraut wurde. Nach der jetzt erschienenen amtlichen Statistik der tschechoslowakischen Republik hat die Zahl der tschechischen Juden in den letzten vier Jahren wiederum absolut und relativ um etwa 5 Prozent abgenommen. Das ganze geistige Itailen feierte den neunzigsten Geburtstag des bekannten Hebraisten und Semitologen der Universität Rom. des Senators Ignazio Guidis. Der Gelehrte, der durch seine vielen Werke weit über die Grenzen Italiens hinaus berühmt wurde, ist auch Ehrenmitglied der jüdischen Gemeinde in Rom. In eingehenden Erörterungen, die in Jerusalem und Züridi stattfanden, wurde eine Neuorganisation der hebräischen Universität in Jerusalem beschlossen. Verschiedene wissenschaftliche Anstalten in Jerusalem, wie z. B. das neue Institut für Krebsforschung, wurden der Universität angegliedert, Salman Schocken wurde zum Schatzkanzler gewählt. Das Jahresbudget der Universität wurde in Bezug auf Gehälterzahlungen auf 48000 Pfund festgesetzt, eine Reihe neuer Lehrstühle wurden errichtet und mit z. T. aus Deutschland stammenden Gelehrten besetzt. 8

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