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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1934-10-01 · 7 (1.10.1934) · p. Seite 3

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
12 (1934)
Issue
7 (1.10.1934)
Date
1934-10-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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gen Gottesgottheit, die Kunst ist Menschenmittel, das Singen Gottesmittel, die Kunst ist Abbild uni die Wonne, das Singen selbst die Wonne.“ Ich müBte alles wiederholen, was ich an anderer Stelle einmal über Religion und Musik geschrieben hal>e, um dieses Wort zu erläutern. Genug, auch Wort und Lied künden wie das Bild noch heute: durch Religion zur Kunst. Aber weshalb ist dieser Weg gegangen worden? Eine Antwort haben wir gegeben. Aber sie bedarf der Ergänzung, und diese liegt in den Worten: durch Kunst zur Religion. Ja diese Menschen alle, die Meister, die Schüler, die Anhänger und Verehrer, bei Griechen, bei Christen, bei Juden, sie müssen es wohl erlebt und empfunden haben, daß ihnen die Kunst tausendfach zurückgibt, was sie ihr geben, ihre Seele, ihre Religiosität, ihren Gott, ihren Jubel, ihr Seufzen, ihr Sehnen und Hinausstreben aus Zeit zur Ewigkeit, ihr Verlangen nach Reinheit, Schönheit, Wahrheit, Güte; müssen gefühlt und es erlebt haben, wie ihnen aus der Kunst ungeheure, immer neue Kraft zuströmte zum Wollen, Wirken. Vollbringen. „Uebe die Kunst nicht nur, dringe in ihr Inneres“, ruft Beethoven. „Durch sie allein kommst du zur Gottheit“, „ich kann die Liebe nicht anders erfassen, als durch das Reich der Musik“, Richard Wagner; und: „Durch schöne Kunst wird die Natur bemeistert, wenn stets der Mensch sich ernst um sie bemüht, die er vom Himmel durfte mit sich raffen“, Michelangelo. Ist es nicht beinahe selbstverständlich, daß die großen Meister nicht selten das Schicksal der Großen im Reich der Religion erfuhren? Nicht nur, daß sie ihnen in der Berufung, Auserwählung, Gnade nahe stehen, auch im Leiden und Entbehren, im Kämpfen, in der Enttäuschung, im Stolz auf ihr Schaffen, auf ihr Schaffenmüssen und Nichtanderskönnen, im Glauben an sich, ihr Werk, ihre Kunst, ihren Gott. 26 Jahre war Feuerbach alt, als er in Venedig schrieb: „Ich bin zu Großem berufen. Das weiß ich jetzt. Mein Leben wird erst zur Ruhe kommen, wenn ich tot bin. Leiden'werde ich immer haben, aber meine Werke werden ewig leben.“ Wen erinnert das nicht an hundert Propbetenwortel Oder Beethoven im Heiligenstädter Testament: „Es fehlte wenig, und ich endete selbst mein Leben, nur sie, die Kunst, hielt mich zurück. Ach. es dünkte mir unmöglich, die Welt eher zu verlassen, bis ich das alles hervorgebracht, wozu ich mich aufgelegt fühlte.“ Man kann nicht von Religion und Kunst sprechen, ohne an das Goethewort zu erinnern: „Wer Wissenschaft und Kunst besitzt...“ Wie falsch man das Wort beurteilt, wenn man es in einen Gegensatz zur Religion der Menge bringt, eine Minderbewertung heraushört, die Entbehrlichkeit für den Künstler und Wissenschaftler, dürfte der weniger bekannte Satz Goethes beweisen: „Die Menschen sind nur solange produktiv in Religion und Kunst, als sie noch religiös sind.“ Im Lichte dieses einschneidenden Satzes, der Religion und Religiosität unterscheidet, jene von dieser geradezu abhängig macht, liest sich der obige ganz neu. Kunst ist kein Gegensatz zur Religion, denn Kunst ist ohne sie oder besser nun, ohne Religiosität, wertlos, zur Unfruchtbarkeit verurteilt. Oder im Sinne unseres Themas: nur der Künstler, der durch Kunst Religion, Religiosität, erlebt, von jener zu dieser kommen kann und will — ist der Wahre, der Berufene und Gottbegnadete. Aber, so wird eingewendet, was ist denn Kunst? Ist sie nicht dauernd wandelbar, hat sie sich nicht dauernd gewandelt, und ist Religion nicht ewig dieselbe wie Gott selbst? Wie darf man sie vergleichen? Hat man nicht Rembrandt früher barbarisch genannt? Gab es nicht Kunst der Gotik, der Niederländer, des Barock? Was ist denn Kunst? ~ Aber was ist Religion? Kann man nicht ebenso fragen? Ist sie Judentum? Christentum? Islam? Haben die Naturvölker sie? Hat China und Japan sie? Was ist Religion? Wo ist das bleibende? Aber beide Fragen sind ja falsch. Gerade die mannigfachen Stile in Kunst und Religion weisen auf das ihnen Gemeinsame hin: Versuche sind beide, die Welt zu deuten, die tausend Widersprüche des Daseins in Harmonie aufzulösen. Und diese Deutung kann nur, weil durch Menschen erfolgend, eine zeit- und seelenbedingte sein. Wie einer ist, so ist sein Gott und so seine Kunst. Und deshalb hat auch die Kunst des Häßlichen, haben Naturalismus und das Atonale ihre volle Berechtigung, ganz abgesehen davon, daß ja die Tat des Plato gerade darin bestand, Kunst von äußerer Schönheit zu trennen, den Glauben an ihre unbedingte Zusammengehörigkeit zu zerstören. „Nicht nur für die Griechen, für die ganze Welt“, sagt Eduard Spranger zutreffend, „kam mit Sokrates dieses Unerhörte in die Menschheit, daß es ein Seelenschönes, ein Werterfülltes gibt, ohne formenschön vor dem sinnlichen Auge zu stehen.“ Ganz abgesehen davon — sind die Bilder einer Käte Kollwitz nicht eine aufstürmende soziale Predigt? Darf der Künstler nicht seinen Seelenakzent dahin verlegen, wohin er will? Und ist das Leben denn immer „schön“? Gibt es nicht wirklich die Hinterhöfe und Mietskasernen? Und gibt es etwas „Schöneres“, als die Wahrheit, im Bild, auf der Bühne? Ja, vielleicht wird gerade durch derartige Darstellungen die Behauptung am meisten entkräftet, mit der man, nicht zuletzt bei uns, einem Eindringen der Kunst in die religiöse Sphäre, nicht bloß im Gotteshaus, wenn auch in dieses freilich, so gern wahren möchte: „Kunst gibt keine Antriebe, sie erweckt Stimmungen, aber keine Willensregungen, sie erzeugt Schwärmer, Phantasten, unwirkliche Menschen. Kunst soll ja auch nur um ihrer selbst willen da sein und für nichts mehr.“ Hören wir Jakob Wassermann im „-Lebensdienst“: „Man spricht immer davon, daß die Kunst keine Tendenzen habe, keine Nützlichkeitsziele verfolgen solL Aber in einem anderen höheren Sinn muß doch mit jedem Kunstwerk etwas bewirkt werden, wenn es nicht dem Fluch, des Spielerischen verfallen soll. Gewiß -muß es um -seiner selbst willen hervorgebracht werden. Akts es darf wie das leben- Jocob Steinhardt: Simchath Tora out dem Kalender der Jüdischen KünstlerhNfe 3

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