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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1934-10-01 · 7 (1.10.1934) · p. Seite 2

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
12 (1934)
Issue
7 (1.10.1934)
Date
1934-10-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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schwäche ist sicher eine falsche Genügsamkeit. Aber muß denn alle Genügsamkeit ein Zeichen solcher Schwäche sein? Hier belehrt uns unser Fest, indem es uns einmal im Jahre den überrollen Becher der Freude reicht und uns einen tiefen Schluck tun läßt — mehr als genug. „Genug ist laicht genug!“ sollte dem Dichter gewißlich nicht als Lebensregel gelten, sondern wurde von ihm als die E&imaligkeit unerhörter Herbstesfreude empfunden and gelebt. Und so sagen auch wir: Im Gotteshaus am Feste der Gesetzesfreude gibt es keine Genügsamkeit und ist der „Ssomeach b’chelkau“ d. h. dert Mensch, der sich seines Anteils freut, nicht am Platte. Hier geht alles und soll alles gehen nach dem schönen Wort des Psalmisten: „Künde mir den Weg des Lebens: Ueberfülle der Freuden vor deinem! Angesichte, Lieblichkeit in deiner Rechten immertjar!“ Indem unser Fest uns auf einmal eine Art vermehrter Welt vorspielt inmitten der Sorge und der!jiot und des Kummers aller und eines jeden Einzeinejn, in diesen Tag heilig-irdischer Freude stellt, lehrt eis uns die unbegrenzten Möglich- Religion Von Itabbiner Dr. Lin Kunstfreund tind ein Kunstbanause wandern zur Zeit der untergehenden Sonne durch den feierlich stillen Wald. „Ist das nicht alles wunderbar schön?“ fragt der tine. Darauf der andere lachend: „Ja, sie sind Möbelhändler und berechnen schon den Wert dieser Fichten für ihr Geschäft.“ „Armer, armer Mensch,“ dachte der andere und erinnerte' sich der Erzählung, die sich an den Namen des Chirurgen Bergmann knüpft: wenn dieser am Tage eine schwere Operation vorgenommen hatte, so stellte er sich abends vor ein Gemälde Corinths in seinem Zimmer und entspannte sich durch eingehende Betrachtung. Kunstfreund und Kunstbanause — für welchen Typ entscheidet sich das Judentum? Die Antwort dürfte schon in der Charakteristik liegen, die der Erbauer des ersten jüdischen Tempels erfahrt: „Es erfüllte ihn göttlicher Geist“. Durch Religion zur Kunst, durch Kunst zur Religion — wird uns durch jenen Hinweis nahegelegt. Durch Religion zufc- Kunst. Die Wunder Asiens, die Wunder Aegyptens, die Herrlichkeiten der Griechen und die Leistungen der Juden beweisen es gleichermaßen. Das neue Interesse am jüdischen Museum, neue j literarische Veröffentlichungen — Galliner, Schwarz, Cohn-Wiener — können jeden Unkundigen aufklären. Kam doch vor einiger Zeit aus England die Nachricht von der großartigen Schenkung eines Mr. Salomon an die englische Regierung. Salomon besitzt eine Sammlung jüdischer Kunstgegenstände im Werte von 12 Millionen, die er an England weitergegeben hat. „Es herrscht heute der Glafibe“, sagt er, „daß die Juden keine eigene Kunst, keinen {eigenen Stil, keine monumentalen Kunstschätze haben, at|f die sie stolz sein können.“ Durch seine Sammlung will er den Juden „den ihnen zukommenden Platz unter den kunstschöpferischen Völkern eingeräumt“ sehen. ' Freilich, das ist bekannt, eine Grenze gab es für jüdische religiöse Kunst. Gut drückt es Cohn-Wiener aus: „Hellas hat in der Zeuj-Statue des Phidias einen religiösen Höhepunkt gesehen, einen Gipfel seiner religiösen Intensität. In Israel verabscheute gerade die religiöse Intensität die Gottesdarstelßing bis zum Ekel.“ Aber es gab Kunst, mußte sie gebeh, denn „weil wir das Judentum bekeilen, die in unserer alten Väter Brauch und Väter Glauben liegen. Wie sagte der Dulder Hiob zu seiner zweifelsüchtigen Frau? „Das Gute empfangen wir von Gott und sollen das Böse nicht empfangen?“ Warum soll man nicht auch umgekehrt sagen können und auch eine im Religiösen verkehrte Welt spielen! So mag es jeder Jude hören und Vertrauert daraus schöpfen: Das Böse empfangen wir von Gott und sollten nicht auch einmal trotz aller bösen Zeit in einer guten Stunde das Gute annehmen, wo es am besten, am heitersten, am ausgelassensten und am irdischsten ist? Nachdem wir die Erneuerung an unserem heiligsten Tage erlebt haben, schenkt uns jedes Jahr aufs neue unser Simchasthorafest eine zweite Erneuerung, indem es uns einmal in einer Stunde einen einzigen liefen Zug lun läßt aus dem Becher der unendlichen Freude, die aus Gottes Händen kommt. Tun wir diesen Zug und verjüngen wir uns, indem wir allen Gewalten zum Trolz uns erhalten und unserem ewigen Gotte das schenken, was allein er von uns haben will: Vertrauen, Vertrauen, Vertrauen. und Kunst Benno G o 11 s c h a 1 k. jähen, gibt es jüdische Kunst“, sie ist immer „Kunst einer Seele“, bemerkt Cohn-Wiener weiter und treffehtL Selzl man Judentum - Religiosität und Seele als ihren QufeH, so begreift man in der Tat. daß dieses Judentum neben Wort und Lied auch die Form der Kunst als zwingenden Ausdruck seines Seelenlebens ansah und verwertete. Dem .Höchsten“ konnte ja nur „das Höchste“, das Schönste' ebenbürtig sein, nur das seiner würdig, nur hier ein Schein " seiner „Schönheit“ und Pracht abgespiegelt und aufgefangen werden. „Schöne Geräte“ für Gott verlangt daher selbst der grübelnde Talmud. Freilich, es kann nicht verschwiegen werden, und'Lazarus erinnert in der „Erneuerung des Judentums“ daran, gerade der Talmud steckte die Grenzen künstlerischer Betätigung sehr eng ab. Und noch 1860 konnte es geschehen, daß der Leiter des Breslauer Rabbinerseminars auf Anfrage, ob man einem Philanthropen ein Denkmal errichten dürfe, im Namen „des Gesetzes“ die Auskunft gab: „Die Errichtung einer Statue ist verboten. nur Säulen und Obelisken sind gestattet. Statuen in Häusern darf man nur dann aufstellen, wenn Nasen oder Augen verstümmelt sind. Die Juden in Alexandrien haben selbst Malerei verboten.“ Und nun hören wir, was Max Liebermann sagt: „Nur, wer den Odem Gottes in der Natur spürt, wird in Wahrheit lebendig gestalten können.“ Und Chagall, der moderne Künstler: „Mir scheint aber, wenn ich nicht Jude wäre — welchen Gehalt lege ich in dieses Wort — so würde ich entweder überhaupt nicht Maler sein oder ein ganz anderer.“ Aber dürfen wir nur von der Kunst des Bildes reden, des Buches, des Kultgegenstandes? Welche Kunst des Wortes herrscht nicht in der Bibel vor, in Reden der Propheten, in mannigfachen Dichtungen, welche Schönheit, Würde, Kraft, Anmut, Innigkeit? Und erst die Kunst der Lieder, der Instrumente, auch wenn wir gerade hier mehr die Tatsache selber kennen als die Einzelheiten der Ausführung. Aber hat sich nicht auch diese Kunst bis heute erhalten, und haben wir nicht in Arno Nadel die seltene Vereinigung von Bild, Buch und Lied? Wägt nicht er selbst in seiner modernen Bibel, dem „Ton“, Kunst und Gesang so ab: „Die Kunst ist Menschengottheit, das Sin- 2

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