Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 12 (1934)
- Issue
- 6 (1.9.1934)
- Date
- 1934-09-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Wir bitten alle unsere Mitgliedsgemeinden, entweder im Rahmen des morgigen Sabbathgottesdienstes oder in einer besonderen Feierstunde des heimgegangenen Reichspräsidenten zu gedenken. * Bei Gelegenheit seines Amtsantritts in Jahre 1925 empfing der verewigte Herr Reichspräsident die Vertreter der Konfessionen. Unter den empfangenen Vertretern befand sich auch der damalige Vorsitzende der Gemeinde, Kammergerichtsrat Leo Wolff, Präsident des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden. Reichspräsident von Hindenburg betonte, daß er alle Bekenntnisse mit gleicher Gewissenhaftigkeit achten werde. * Von der Reichsvertretung der deutschen Juden wurde an das Büro des Herrn Reichspräsidenten folgende Depesche gerichtet: Tiefe innige Trauer um den Heimgang des Reichspräsidenten erfüllt die deutschen Juden. Als ein Mann, dessen Persönlichkeit dem Gedanken der tapferen Pflicht seine Wirklichkeit gab, als ein Mann, der dem Alter, das die Bewährung eines Lebens erwarb, seine Größe verlieh, als ein Mann, der das gemeinsame Ganze immer sah, immer auf das Vaterland, das alle umschließt, den Blick richtete, als ein Mann der Geschichte standtaindenburg vor der Welt. In der Treue der deutschen Juden wird sein Bild alle Zeit bleiben. Die Reichsvertretung der deutschen Juden Baeck Hirsch JÜDISCHE CHRONIK ln New-York starb der belgische Gesandte in den Vereinigten Staaten, Paul May, der aus einer alteingesessenen belgisch-jüdjschen Gelehrtenfamilie stammte. In Mailand starb 54jährig der bekannte italienischjüdische Alpinist Maurizio Monselini, der Generalsekretär des „Club Alpino Italiano" war und zu dem engeren Bekanntenkreis des jetzigen Papstes Pius XI. gehörte. Papst Pius, früher selbst ein hervorragender Alpinist und Verfasser alpiner Bücher, hat mit Monselini eine Reihe schwieriger Hochtouren unternommen. Der Verstorbene war auch Leiter mehrerer jüdischer Wohlfahrtseinrichtungen. Der Berliner Rechtsanwalt Dr. Ernst Frankenstein wurde für wissenschaftliche Leistungen durch Ernennung zum Kommandeur des Ordens der italienischen Krone ausgezeichnet. Der junge Frankfurter Physiker Dr. Manfred Mannheimer, dessen wissenschaftliche Arbeiten Aufsehen erregten, wurde an die Yale-Universität in Amerika als Leiter des dortigen Instituts für Experimentalphysik berufen. In Lodz starb 83jährig der polnisch-jüdische Großindustrielle Stanislaw Jaroczinski, der Leiter einer der größten Webereien des Landes. In Paris starb 75jährig der berühmte Bildhauer Emanuel Hannaux; mehr als zwölf große Denkmäler von der Hand des Künstlers stehen auf öffentlichen Plötzen in Paris. Im Aufträge der französisen Regierung schuf er 1922 für die Rue de Ta Victoire das Nationaldenkmal für die im Weltkriege Gefallenen. Der Künstler, Professor an der Kunsthochschule, Mitglied der Akademie und Ritter der Ehrenlegion, war überzeugungstreuer Jude, der sich in vielen jüdischen Organisationen betätigte. Das bedeutendste amerikanische Literaturblatt, die New-Yorker „L i t e r a r y World", brachte als Juliheft 1934 eine eigene Gedenknummer für den vor zehn Jahren in Prag verstorbenen deutsch-jüdischen Dichter Franz Kafka heraus. Die Festschrift enthält Würdigungen dieses seltsamen Gottsuchers aus der Feder erster amerikanischer und französischer Literaturhistoriker, ferner von Max Brod und Thomas Mann, auch interessante Uebersetzungen Kafka'scher Kunst ins Englische. In Wien starb der tschechisch-jüdische Großindustrielle und Bankier Dr. Otto Petschek. Die gesamte Presse der Tschechoslowakei würdigte die Verdienste des Verstorbenen, der seinen großen Einfluß und Reichtum stets zum Wohle der Gesamtheit benutzt und viele Wohlfahrtsorganisationen unterhalten hat. In der Türkei kam es im Dardanellendjstrikt und in Thrazien zu überaus schweren, pogromartigen Ausschreitungen, bei denen Hunderte von jüdischen Familien, etwa 1700 Menschen, flüchten mußten und nur das nackte Leben retten konnten. In Rom starb 73iährig der hervorragende italienischiüdische Gelehrte und Ordinarius an der Universität Prof. Salvatore Ottolenghi, der Begründer der anthropologisch-biologischen Schule in der Kriminologie. Verschiedene Werke Ottolenghis sind in andere Sprachen übersetzt. In Settignano bei Florenz wurde im Beisein der Führer der Faschistischen Partei und der Spitzen der Behörden ein Denkmal für den italienisch-jüdischen Studenten Gino Bolaffi enthüllt, der 1920 im Kampf für den Faschismus fiel. Der amerikanisch-jüdische Bürgermeister von Windsor in Ontario, David A. C r ol I, ein bekannter Philanthrop, wurde zum Wohlfahrtsminister von Kanada ernannt; damit wurde zum ersten Male in Kanada ein Jude Minister. Der bekannte Botaniker, früher Professor an der Berliner Universität, Dr. Otto Warburg, feierte seinen 75. Geburtstag; er ist seit vielen Jahren Leiter des botanischen Forschungsinstituts in Palästina. Der jüdische Bildhauer Professor Henryk Glicenstein vollendete eine Statue des amerikanischen Präsidenten Roosevelt, die das New-Yorker Magistratskollegium in Auftrag gegeben hatte; maßgebende amerikanische Zeitungen rühmten den künstlerischen Wert des Standbildes. In Berlin starb 71 jährig der Leiter des Berliner Rabbinerseminars, Dr. Meier Hildesheimer, eine jüdische Persönlichkeit großen Formats, dessenr charitative Tätigkeit viel Segen gestiftet hat. In Wallenstedt in der Schweiz starb im 71. Lebensjahr der Baseler Ordinarius der Philosophie, Professor Dr. Karl Joel, Sproß einer alten schlesischen Rabbinerfamilie, einer der bedeutendsten Philosophen der Gegenwart, ein Gelehrter von Weltruf, dessen Hauptwerke in alle Kultursprachen übersetzt wurden. Bei den großen Ueberschwemmungen in Polen wurden auch verschiedene Dörfer, in denen viel Juden wohnten, stark in Mitleidenschaft gezogen; etwa 50 jüdische Todesopfer sind zu beklagen. Bei heldenmütiaen Rettungsversuchen ertrank der polnisch-jüdische Reserveoffizier Josef Neugasser, der bei Rabka mehrere Einwohner aus den Fluten rettete. Er wurde unter allgemeiner Teilnahme in einem Ehrengrabe beigesetzt. Wie die englische Regierung bekanntgab, übertrifft der Verwaltungsüberschuß und die Zolleinnahme der Palästinaregierung verhältnismäßig die aller anderen von England verwalteten oder regierten Länder. In Sofia erschien der vierte Band der groß angelegten ..Geschichte der Juden im Orient und der Türkei" von Dr. S. A. Rozanes in hebräischer Sprache; die ersten drei Bände dieses Standardwerks, dem der Verfasser seine Lebensarbeit gewidmet hat, erschienen bereits vor dem Weltkrieg. / '* ”! I Im Rahmen einer Gedenkfeier, an der mehr als 3000 Personen teilnahmen, fand am 8. Juli auf dem jüdischen Friedhof in Köln die Enthüllung eines Gefallenendenkmals statt. Am 19. August veranstaltete der Reichsausschuß der Jüdischen Jugendverbände Deutschlands auf dem Sportplatz der Jüdischen Gemeinde zu Berlin sein erstes Sportfest, an dem die jüdischen Sportverbände aller Richtungen teilnahmen. Der Preußische Landesverband hatte einen Wanderpreis für die sportlichen Wettbewerbe gestiftet. 13