Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 12 (1934)
- Issue
- 6 (1.9.1934)
- Date
- 1934-09-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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so ist man überrascht davon, in wie vielfacher Weise dieses Kunstgefühl sich geäußert hat. Fast alle diese Kunst ist mit dem Kultus verknüpft, und es fehlt das eigentlich weltliche Gebiet, auf dem das Geschichts- und Sittenbild, das Portrait und die Land- Innsres der fünfschiffigen Synagoge zu Toledo Schaft gedeihen. Aber da gerade deit jüdische Kultus tief in die Sphäre des Lebens hinabreiclit, so ist damit doch eine Fülle von Themen verbürgt, dile uns von repräsentativer Gestaltung zu privater Kleinkunst geleiten. Wenn man vom Ablauf des njenschlichen Daseins ausgeht, so beginnt es schon mit d^r Beschneidung des kaum geborenen Knaben, um in den dazu notwendigen Geräten oder in der Bank, auf der sie vor sich geht, Gegenstände zu schaffen, die über den praktischen Zweck hinauswachsen und sich mit schmückendem Zusatz bedecken. Wurde dann der erstgeborene Knabe 31 Tage nach der Geburt seinen Eltern als Geschenk Gottes durch den Priester zurückgegeben, so geschah das auf einer eigenen Schüssel, die aus Messing geformt und mit Ornamenten besetzt ist. Die Barmizwoh ließ eigene, als Geschenk verwandte, Gläser erscheinen; die Ehe kostbare Baldachine und das Geschenk des Bräutigams an die Braut: silberne Gürtel und Ringe. Und der Tod endlich ließ edelgeformte Krüge entstehen, die für die Waschung des Leichnams gebraucht wurden. Zu diesem von der Kunst begleiteten Rhythmus des Lebens kommt dann als zweiter Rhythmus der Ablauf der Feiertage. Hier gehört es zum Charakteristikum jüdischer Religiosität, nicht nur den Geist im Gebet zu Gott zu lenken, sondern zugleich eine Anzahl symbolischer Handlungen zu begehen, welche die Anfertigung gewisser Geräte erfordern. Wären die Juden wirklich so kunstlos gewesen, wie man sie lange Zeit ansah, ja, wie sie sich selber betrachteten, so hätten sich auch diese Gegenstände mit dem ritualen Zwecke begnügt und wären zu dem Gebiet des Handwerks, aber nicht der Kunst zu zählen. Aber gerade das Gegenteil ist der Fall. Überall ist .eine formende Hand dem Geräte zu Hilfe gekommen, hat die Phantasie einen Traum genährt und ihn mit dem Objekte vermählt. Am meisten bekannt und vielfach gesammelt sind jene Bessomim-Büchschen, die, mit wohlriechenden Gewürzen gefüllt, zur Feier des Sabbats dienen und in ihrer filigranartigen Zartheit, ihrem schlanken, turmartigen Aufbau unser Auge entzücken. Oder man vergegenwärtige sich die kultische Vielgestaltigkeit, in der der Seder-Abend verläuft, die schönen Sederschüsseln, die aus Metall, aber auch aus glasiertem Ton gefertigt werden, ferner jenes kleine Gefäß, das zur Aufnahme der Charoßet dient und einem Schubkarren gleicht, um uns an die Kärrnerarbeit in Aegypten zu mahnen. Das Laubhüttenfest erfordert die Ethrog-Dose, das Purimfest die schönen Purimteller, auf denen man seinen Freunden Geschenke ins Haus schickt, und so gibt es keinen Feiertag, der nicht sein eigenes Gerät beanspruchte. Eine bedeutende Rolle spielen dabei Lampen und Leuchter. Sie geben dem jüdischen Kult jenen Glanz, jene Verklärung, die uns verständlich werden, wenn wir sie als ein Rufen aus Nacht und Not zum Lichte, zur Befreiung, zur Erlösung verstehen. Da ist die große Stand- Menorah, die in den Synagogen steht, von deren Decken einst zahlreiche Kronleuchter herabhingen, deren Spindel schön profiliert, deren Arme reizvoll geschwungen waren. Da ist der neunarinige Chanukah-Leuchter, der entweder freistehend gebildet oder an die Wand gehängt wiM~üTrd diirch die lange Reihe seiner Lichter im Betrachter ein rhythmisches Behagen erzeugt. Da ist ferner der llabdalah-l.euchter, beim Scheiden des Sabbaths verwandt. dessen Kerzen zopfartig zusanimengeflochten werden und schon dadurch das Auge erfreuen. Dazu kommen die Wandblaker, kommt die ewige Lampe; überall, in Synagoge und Haus, hilft das Licht dein Tage Weihe zu geben und das Wort aus Jesaias; „Mit Lichtern ehret den Herrn“ zu erfüllen. Wenn diese ritualen Gegenstände ihren Schmuck einer meist üppig auftretenden Ornamentik verdanken, die sich des Pflanzen- und Tierreiches bedient, die menschliche Gestalt dagegen nur ganz selten verwendet, so kommt diese zum reichsten Ausdruck in zahlreichen Büchern und Rollen. Freilich, die Thorarolle selbst hat sich jedes Bildschmuckes zu enthalten; hier ist es nur der kostbare Mantel, die Verzierung der Rollen-Enden, das umgehängte Rollenschild, die die Strenge des Gesetzes mit dem weicheren Atem der Kunst umhauchen. Aber in jenen kleineren Rollen, die am Purimfeste die Esther-Geschichte er- Wandansicht der Synagoge von Toledo zählen, hat man nicht die gleiche Askese geübt, sondern diese wundervolle Erzählung von Not und Errettung mit Bildern begleitet. Vor allem aber ist es das Hausbuch, das am Sederabend verlesen wird, ist es die Haggadah, die als ein wahrer Tummelplatz bildlicher Darstellung diente. Da gibt es bescheidene Produkte, die von ungeschickten Händen gefertigt sind, und kostbare Prachtwerke, wie die 6