Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1934-09-01 · 6 (1.9.1934) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
12 (1934)
Issue
6 (1.9.1934)
Date
1934-09-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/10279732-10279737-10021661--060-3980820
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

besonders bewußt sein und aus dem starken jüdischen Gefühl, das die ehrfurchtgebietenden Tage in jedem einzelnen Juden wecken, die Kraft schöpfen für neue Arbeit. Jede Gemeinde helfe der andern auf diesem Wege: die größere stütze die kleine in ihren Nöten, die kleinere gebe der Großstadt von ihrem echten, ungebrochenen Judentum der Väter. Stets, wenn der Schofar zu uns spricht, folgt auf die aufrüttelnden und unruhvollen Töne Scheworim-Teruoh der Ton der Besänftigung und der Ruhe: Tekioh. Möge unsern Männern und Frauen, unsern Gemeinden und dem ganzen Volke das Tekioh des Friedens tönen. Wie wir täglich beten: Vj'P'rbz d: xtja 'uPnrb ^rra -is*itÄ ypn Landgerichtsrat i. R. Dr. Arthur L i 1 i e n t h a 1 Zweiter Vizepräsident des Großen Rates Wir stehen vor den Tagen der Besinnung und der Einkehr, vor den Tagen des Neubeginns und der Versöhnung. Wenn wir an der Schwelle nicht nur eines neuen Jahres stehen, sondern an der Schwelle eines neuen Zeitabschnittes auch für unser deutsches Judentum: so bedeute das nicht nur die Versöhnung in Streit und Fehde, in den kleinen Zwistigkeiten und Feindseligkeiten der Einzelnen. Sondern jeder gehe in sich ob seines Verhaltens zur Gesamtheit; der Bemittelte denke des Mittellosen; der jüdische Mensch in der Geborgenheit der Großgemeinde denke an die verzweifelte Isoliertheit des Menschen in der kleinen Gemeinde, der Einzelne an die Aufgaben und an die Not der Gesamtheit. Ein jeder prüfe,- ob er das Seinige tut, "nicht nur in dem engeren Rahmen seiner Gemeinde, sondern für das große Ganze, für die Aufgaben der Gesamtheit. In diesem Geiste wollen wir das neue Jahr beginnen.- ok .(StdUsüL/ Adolf Schoyer, Dritter Vizepräsident des Großen Rates r Das ablaufende Jahr 5694 hat eine starke Belebung der religiösen Gefühle gebracht, hat Viele wieder zu den Quellen unseres Judentums und zur Thora zurückgeführt. — Möge das neue Jahr den Gemeinden und dem Landesverband die Möglichkeit geben, in noch stärkerem Maße für die Verbreitung unserer Lehre zu sorgen! Rabbiner Dr. Julius Galliner, Dezernent für Kultus- und Schulangelegenheiten: Familie, Schule und Gotteshaus bilden die Grundlagen jüdischen Seins. Mögen Eltern und Kinder in frohmütigem Zusammenhang, erfüllt von religiösem Enthusiasmus, dem Hause jüdisches Leben geben; mögen Lehrer und Schüler, getragen vom Geiste der Erkenntnis und der Gottesfurcht, mit starkem Willen an der Gemeinde der Zukunft bauen,- möge das Gotteshaus als Stätte des Geistes und des Gebetes jüdisches Gemeinschaftsgefühl und jüdisches Selbstbewußtsein stärken und. fördern. Möge alles, was geschieht, um Gottes Willen geschehen! „Jede Vereinigung im Namen Gottes J wird dauernden Bestand haben.'' Dipl. Ing. Bruno Woyda, Schatzmeister und Dezernent für Wirtschaftsfragen: Vieles, das unerschütterlich schien, ist gestürzt. Vieles, das als undenkbar galt, wurde Wirklichkeit. Wer das Werden unserer Tage — trotz aller Kleinheit und Kleinlichkeit, die es oft überschattet — in seiner gigantischen Größe erkennt, der weiß, daß kein Gebiet des Lebens von diesem Werden unbeeinflußt sein wird. Die Judenheit von morgen wird ein anderes Mosaikbild der beruflichen Gliederung zeigen, als die Judenheit von gestern. Und das Judentum von morgen wird in seinen Lebensäußerungen vielfach neuartig sein, wenn ihm auch selbstverständlich die Treue zu den ewigen Wahrheiten der jüdischen Religion eigen sein wird. Was ist unser Hoffen an diesem Neujahr in der Zeit des Werdens? Wir erflehen den Frieden der Welt, die Befriedung unseres deutschen Vaterlandes und des deutschen Volkes, dem wir uns einverleibt wissen, trotzdem es bestritten wird; wir erflehen den Frieden für unser deutsches Judentum. Aber nicht minder erflehen wir die Kraft zur Erkenntnis und zum Erkämpfen des Werdenden, die Kraft zur Bewährung und zur Gestaltung aus unerschütterlichem Glauben, die Kraft, Leid zu überwinden und zum Segen zu wandeln. Rechtsanwalt Heinrich Stern, Präsident des Verbandstages: In der heutigen Zeit vielfältigen inneren Erlebens sprechen die ernsten Feste unseres Judentums mit besonderer Eindringlichkeit zu uns. Wie alles jüdische Erleben, so gewinnen die Stunden, die der betenden Gemeinde gewidmet sind, für uns heute einen besonderen Inhalt. Insbesondere ist es das Kernstück unseres Gebetsgottesdienstes, das ehrwürdige Unssaneh taukef-Gebet, das uns Mahnung und Aufrichtung bedeutet. Gegen alles Wnheil, das uns bedroht, ruft es uns auf zur Teschuwoh, Tefilloh, Zedokoh. Umkehr, Bekenntnis und Tat verlangt das Judentum von uns, verlangt es in heutiger Zeit besonders eindringlich. Umkehr bedeutet Rückkehr zu den Quellen unserer jüdischen Kraft, zu unserer jüdischen Gemeinschaft, zu unserer jüdischen, Lehre. Sich einordnen in diese Gemeinschaft, sich erfüllen mit dieser Lehre ist die erste Forderung, die uns zusammenschmieden soll. Eine wahre innerliche Rückkehr muß sich vollziehen. Diese Rückkehr aber soll der Einzelne nicht nur im Innern vollziehen, sondern er soll sich zu seiner Gemeinschaft bekennen und zu dem, der sie trägt und erhält. Unser Gebet und unser Gottesdienst ist nicht nur ein Bitten des Einzelnen für sich und die Seinen, sondern das Bekenntnis zu der ewigen Gemeinschaft unseres Judentums. Gottesdienst ist daher nicht nur Pflicht des religiösen Einzelmenschen, sondern ernste Gemeinschaftspflicht jedes Juden. Mit dem Bekenntnis aber allein ist es nicht getan. Immer haL das Judentum zum Wort die Tat gefügt und daher die Gemeinschaftstat, die Zedokoh, gefordert. Sie zu üben, ist heute mehr als je Pflicht jedes einzelnen deutschen Juden. Die Gemeinde und die Gemeinschaft fordert alle Kräfte, fordert Jugend und Alter, fordert Geist und Herz. Die Arbeit in unsern Gemeinden und Organisationen wird ihren Segen nicht nur für die betreute Gemeinschaft selbst erweisen, sondern sie wird den getreuen Mitarbeiter mit der Kraft erfüllen, die jede uneigennützige Gemeinschaftsarbeit in sich trägt. Durch Einkehr, Bekenntnis und Tat werden wir deutschen Juden auch die heutige schwere Zeit meistere. 2

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.