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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1934-08-01 · 5 (1.8.1934) · p. Seite 12

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
12 (1934)
Issue
5 (1.8.1934)
Date
1934-08-01
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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genannt wurden (siehe Freudenthal, „Chronik der Synagogengemeinde xu Luckenwalde“). Diese Gebets- und Lehrstdtten wieder aufzugeben, darf nur das allerletzte sein. Dieses Allerletzte zu verhüten, ist die Pflicht der jüdischen Gesamtheit, soweit es nicht geschichtliche Mächte und Entwicklungen erzwingen, gegen die wir machtlos sind. Die Kleingemeinden wissen, daß sie als Ganzes nur bestehen können durch die Aufrechterhaltung ihrer kultischen Einrichtungen. Sie sind aber an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit angelangt, ja haben sie vielfach schon überschritten. Deshalb ist es höchste Zeit, daß ihnen zu Hilfe gekommen wird. Es ist höchste Zeit, daß — nicht große Rabbinatsbezirke — sondern kleine Kultusbezirke gebildet werden, von wenigen, räumlich zusammenliegenden Gemeinden, die ein Kuitusbeamter wöchentlich zwei- bis dreimal betreuen kann, nicht nur seelsorgerisch, sondern wirklich so, wie es dem Organismus der Kleingemeinde entspricht, mit dem Gemeinschaftsgebet, mit dem Unterricht und mit allem, was die Stetigkeit des jüdischen Gemeindelebens erfordert. Es ist in dieser. Zeitung schon erwähnt worden, daß der Preußische Landesverband bereits. einige derartige Kultusbezirke geschaffen, ferner, daß er Lehrer beauftragt hat, in den Nachbargemeinden, die des Lehrers entbehren, den Religionsunterricht zu erteilen. An der Bereitwilligkeit und Arbeitsfreudigkeit der Kultusbeamten fehlt es nicht. Ich darf daran erinnern, daß im Frühjahr 1933, als den jüdischen Gemeinden der staatliche Zuschuß entzogen wurde, diese Lehrer, zu denen auch der Schreiber dieser Zeilen gehört, nach Anregung des' Landesverbandes den Unterricht in den Nachbargeineinden unentgeltlich erteilten, und es auch heute noch tun. Diese ehrenamtliche Tätigkeit kann er natürlich nur solange ausüben, als seine eigene Gemeinde noch in der Lage ist, einen Kultusbeamten anzustellen und zu unterhalten. Da dieses aber in Zukunft immer schwieriger wird, muß anstatt dieser behelfsmäßigen eine planmäßige Organisation in der angedeuteten Weise durchgeführt werden. Keine Gemeinde braucht ohne Gottesdienst, kein Kind ohne Religionsunterricht zu sein, wenn überall, wo es erforderlich ist, solche kleine Kultusbezirke gebildet werden. Auf die Einzelheiten dieser Organisationen und die Aufbringung der Mittel hierzu will ich im Rahmen dieser Ausführungen nicht eingehen. Nur so viel möchte ich im allgemeinen heute schon dazu sagen: Alles Organisieren im Bereiche des Menschlichen soll Gemeinschaft fördern, Gemeinschaft bilden, Gemeinschaft erhalten. Jede Organisation muß den Eigennutz bekämpfen und den Gemeinschaftsgeist wecken. Darum ist alles Organisieren auch eine Aeußerung des Gewissens. Und das Gewissen muß es verurteilen, daß Großgemeinden, die Beiträge der zugewanderten Mitglieder aus den Kleingemeinden — und es sind meistens die Steuerkräftigen, die die Kleingemeinden verlassen — gern entgegennehmen, während die auf diese Weise ihrer Steuerkraft beraubten Kleingeraeinden ihrem Schicksal überlassen bleiben. So ist es bis jetzt geschehen! So darf es nicht weiter gehenl Das muß einmal ganz ungeschminkt ausgesprochen werden, und ich halte mich um so mehr dazu berechtigt, und verpflichtet, als ich l>ereits 30 Jahre im Dienste der Kleingemeinden stehe. Es geht um Sein oder Nichtsein der Kleingemeinden und damit des deutschen Judentums überhaupt, soweit es nicht in wenigen Großstädten zusammengedrängt lebt. Den Preußischen Landesverband und die Reichsvertretung der deutschen Judon müssen wir als diejenigen Organisationen ansehen, die mit ihrem Amt auch die Verantwortung für das Wohl und Wehe des deutschen Judentums übernommen haben. Man darf wohl sagen: in ihren Reihen sitzen Männer, wie sie einst Moses zu Sachwaltern des Volkes erwählt hatte, Anschö chajil ... (2. Buch Mos. 18, 21). Männer der Tatkraft, Männer des Glaubens, Männer der Uneigennützigkeit. Ich brauche ihnen wohl nicht erst zu sagen, daß all das, was ich vorhin aufgezählt habe, Theater, Konzerte, Kulturveranstaltungen u. dgl., die uns von den Großgemeinden in bester Absicht zugänglich gemacht werden, nur Palliative für die Not der Kleingemeinden sind. Die Kleingemeinden können nur erhalten bleiben, wenn ihnen der Alltag, die Stetigkeit ihres jüdischen Lebens gewährleistet bleibt. Wenn ich daher zum Schlüsse noch einmal Überblicke, was in dieser Not- und Opferzeit für die Kleingemeinden geschehen ist, dann muß ich an das Wort denken (Sam. I. Kap. 2, 3): AI tarbu tedab’ru gewoah gewoah ... — macht nicht so viele große Worte, denn ein Gott der Gedanken ist der Ewige, und von ihm werden die Taten gewogen. Ja, die Tat erwarten wir! Die Tat, die das Gewissen vorschreibt, und die einst von der Geschichte gewogen werden wird! Die rettende Tat! — JÜDISCHE CHRONIK ln New York besiegte der nichtörische Boxer Max B a e r den bisher noch nie besiegten Weltmeister Primo Carnera und wurde damit selbst Weltmeister und Champion aller Kategorien. Max Baer, 1909 in Omaha als Sohn eines aus Deutschland eingewanderten jüdischen Siedlers geboren, wurde schon 1932 durch seinen Sieg über Max Schmeling bekannt. Die griechische Akademie der Wissenschaften in Athen ernannte den deutsch-jüdischen Geographen und Bonner Ordinarius Professor Dr. Alfred Philippson wegen seiner grundlegenden wissenschaftlichen Werke über Griechenland zu ihrem Ehrenmitglied. Die griechische Regierung gratulierte dem deutschen Gesandten offiziell zu dieser Ernennung. Im Berlin starb im 61. Lebensjahr der frühere Mitdirektor der Deutschen Bank und der Diskonto-Gesellschaft, Selmar F e h r. In Berlin fand die Erstaufführung des Gottesdienstoratoriums „Awodass Hakodesch" von Ernest Bloch in der Neuen Synagoge unter Leitung von Alexander Weinbaum mit großem Erfolge statt. Der ausgezeichnete deutsch-jüdischej Schauspieler Max Pallen berg, gleich groß als Tragjiker wie als Komiker, verunglückte bei einem Flugzeugabsturz inj Prag tödlich. In Betlin fand anläßlich ihres zehnjährigen Bestehens eine Festsitzung der Gesellschaft für jüdische Familienforschung statt. f Im britischen Parlament wurde festgestellt, daß englische Juden durch Erwerb der palästinensischen Landesbürgerschaft ihre englische Staatszugehörigkeit nicht verlieren. In Berlin starb, erst fünfunddreißigjährig, der Lyriker George A. Goldschlag, eines der! vielversprechendsten Talente der jüngeren Dichter. Vor einigen Jahren noch hatte der Schutzverband deutscher Schriftstelle# Goldschlag geehrt, indem er eine Anthologie seiner GedichtjB herausgab. In London fand die Dritte Welltkonferenz des Verbandes für" religiös-liberales Judentum statt; viele bedeutende jüdische Persönlichkeiten aus allen Ländern und Erdteilen nahmen an der Konferenz teil. In fast allen Ländern wurde der 30. Todestag Theodor Herzls gefeiert; in Deutschland wurde mit der Heraus¬ 12 gäbe einer neuen billigen Gesamtausgabe seiner Schriften begonnen. Zum Ordinarius für italienische Literatur an der Universität Florenz wurde der Dante-Forscher, Professor Attilio Momigliano ernannt, der aus einer alteingesessenen italienischen Rabbinerfamilie stammt. Zum Gemeindevorsitzenden der jüdischen Gemeinde in Turin wurdeder kommandierende General Guido Liuzzi, Kommandant der Stadt Turin, gewählt. Liuzzi war während des Weltkrieges Chefintendant der italienischen Armee und ist gleichzeitig Sekretär der Faschistischen Partei, Sektion Lombardei. Zum Leiter der sowjetrussischen Arktisexpedition wurde der russisch-jüdische Gelehrte Professor Samoilowitsch, der ehemalige Führer der Nobile-Rettungsexpedition, bestimmt. Der High Commissioner Sir Arthur Wauchope gab nach einer seiner Inspektionsreisen durch palästinensische Siedlungen ein Interview, in dem er sich über die Siedlungstätigkeit deutsch-jüdischer Akademiker, die Landwirte geworden waren, sehr anerkennend und lobend äußerte. In die „W i e n e r Bürgerschaft", die nach der neuen österreidlisdien Verfassung an die Stelle des bisherigen Gemeinderats tritt, wurde neben Vertretern der katholischen und protestantischen Kirche auch ein Vertreter der Wiener Judenneit, der österreichische Hauptmann a. D. und Rechtsanwalt Dr. J. Ehrlich, berufen. In New York fand unter dem Vorsitz Felix M. Wcrrburgs eine von mehr als dreitausend Delegierten besuchte Tagung jüdischer Persönlichkeiten aus allen Ländern statt, die über Hilfsmaßnahmen für zur Auswanderung gezwungene Juden berieten. In Berlin fand die diesjährige Generalversammlung des Hilfsvereins de( deutschen Juden unter dem Vorsitz des Generalkonsuls Eugen Landau statt. Es wurde berichtet, daß im vergangenen Jahre 60000 Personen beraten und etwa 8000 finanziell unterstützt werden mußten. Die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden, beschloß, eine allgemeine Beitragskarte für Hilfe und Aufbau, die von möglichst vielen deutschen Juden erworben werden soll, zu schaffen.

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