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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1934-08-01 · 5 (1.8.1934) · p. Seite 11

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
12 (1934)
Issue
5 (1.8.1934)
Date
1934-08-01
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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wendigen Konsequenzen gezogen? Ist den Kleingemeinden geholfen worden? Was ist bisher an Hilfeleistung für eie geschehen? Bein Äußerlich betrachtet, müßte man zur Verneinung dieser Fragen kommen, denn die vom Preußischen Landesverband bis zum 1. April 19S3 gezahlten Zuschüsse zu den Etats der Kleingemeinden sind aus bekannten Gründen ganz oder teilweise eingestellt worden, so daß die Kleingemeinden seit Jener Zeit bei abnehmender Steuer* kraft auf sich ganz allein angewiesen sind. Man erkannte aber, daß damit das Beatehen vieler Kleingemeinden gefährdet ist, und da zu dieser finanziellen Notlage der Gemeinden als solche noch die leibliche und seelische Not der einzelnen Gemeindemitglieder hinzukam, mußte etwas für sie geschehen. Und es geschah auch etwas! Man wandelte die bisherige materielle Hilfe um in eine ideelle mit einem gewissen suggestiven Einschlag, die Kleingemeinden mit dem erhebenden Bewußtsein zu erfüllen, daß sie in der Not nicht verlassen sind, nicht allein, nicht isoliert dastehen, daß die Großgemeinden und die großen Organisationen mit ihnen mitfühlen, mitempfinden, mitleiden, Ja, daß wir eine „Schicksalsgemeinschaft“ sind, wo einer für den andern eintritt, einer für den andern da ist. Man sandte ihnen Predigten aus Berlin, die auf diesen Ton gestimmt waren, und der Kultusbeamte bemühte sich, in seiner Gemeinde eine Sphäre des Vertrauens zu den großen Organisationen zu schaffen. Es geschah noch mehr: Man entsandte Redner ans den Großgemeinden, die unsre „Isoliertheit“ bedauerten, die durch den Hinweis auf die jüdische Geschichte den üblichen Trost spendeten, zum Ausharren ennunterten und nebenbei ihre Partei oder ihre Gruppe als das Judentum empfahlen, dem die Kleingemeinden sich angehörig zu fühlen hßtten. Ja, es geschah noch mehr! Man lud die Kleinstadtjuden zu Konzerten, Theaterauffahrungen und anderen Darbietungen ein, damit sie ihr Scherflein rum Bestehen des Kulturbundes beitrügen, und nebenbei den grauen Alltag und ihre eignen Sorgen auf einige Stunden vergäßen. Besondere Mühe gaben sich die jüdischen Zeitungen. Sie schickten Korrespondenten durch die „Provinz“, din ihre Feststellungen machten, und am n&chsten Freitagabend fand sich der Kleinstadtjude in einem halben Dutzend Zeitungen (verschiedener Richtungen natürlich; denn so viel liegen beute schon auf dem Tisch der Kleinstadtjuden) entdeckt und seine Isoliertheit, d. h. Abgetrenntheit von der Großgemeinde bescheinigt und bedauert. Wir Bind gewiß keine Hinterwäldler, die den Wert der Zeitungen unterschätzen und ihre Bemühungen um die jüdischen Belange nicht anerkennen wollen, wir sind auch keine Ignoranten, die nicht Wissen und Orientierung von führenden Persönlichkeiten entgegenn&hmen. Aber die Juden in der Großstadt sind vielfach in derselben Psychologie befangen, wie die Großstädter überhaupt, die ihr geräuschvolles Dasein gegenüber dem stillen Leben der Kleinstädter als einen Vorzug empfinden, und daraus eine gewisse Ueberlegenheit auch in geistigen Dingen ableiten, und den Kleinstädtern gegenüber markieren. Ich will nicht so weit gehen wie der Dichter (Rilke): Die großen Städte sind nicht wahr; sie täuschen den Tag, die Nacht, die Tiere und dns Kind! Ihr Schweigen lügt, sie lügen mit Geräuschen und mit den Dingen welche willig sind. Aber ich darf wohl dieser Mentalität der Großstadtjuden entgegenhalten, daß gerade die Kleingemeinden durch ihr stilles und beharrliches Wirken die Träger und Erhalter der jüdischen Religion und des jüdischen Volkstums waren. Man braucht nur an den Min l^,a g zu denken, der gerade auf dem Boden der Kleingemeinden erwachsen ist und seit erdenklichen Zeiten den Regulator zwischen jüdischer Religion und jüdischem Volkstum bildete. Ja, man möchte sagen, daß die Kleingemeinden für die Erhaltung des deutschen Judentums dasselbe bedeuteten, was der Bauernstand für ein in sich geschlossenes Volk ist. Und auch heute sind wir Juden in den Kleingemeinden gar nicht so fern der jüdischen Bildung, des jüdischen Lebens oder wenn man sagen will der jüdischen Kultur, wie man es uns gern bescheinigen möchte. Wir haben zwar keine großen imposanten Versammlungen, aber wir haben unsere sehr fruchtbaren Aussprachen in kleinen Kreisen. Wir haben unsere Leeeabende, wir haben hebräische und literarische Kurse für Erwachsene, wir haben regelmäßig^ Gottesdienste mit Ansprachen und Predigten, wir tun schon das unsrige und wollen es weiter gerne tun, um das jüdische Leben aufrecht zu erhalten. Mögen auch die berufenen Organisationen das Ihrige tun, aber das Richtige. Da aber dieses Richtige bis jetzt nicht geschehen ist, muß ich das bisher Gesagte mit Bezug auf Sein oder Nichtsein der Kleingemeinden dahin zusammenfassen: Wir wollen weniger bedauert, als besser verstanden sein. Denn nur aus dem richtigen Verständnis heraus kann die Erkenntnis dessen kommen, was den Kleingemeinden adäquat ist und was daher geschehen muß, damit sie als Ganses bestehen bleiben können. Nun hat der Preußische Landesverband einen Weg beschritten, der, wenn ur bis zu Endo gegangen wird, zum Erfolg führen kann. Dieser Weg liegt aber nicht in dor Richtung oder Errichtung der Bezirkarabbinate. Ohne eine Kritik an der Tätigkeit der Bezirksrabbiner üben zu wollen, muß rein objektiv festgestellt werden, daß diese Einrichtung den Bedürfnissen der Kleingemeinden nicht entspricht und vor aliem in ihren heutigen Verhältnissen nicht genügt. Sie ist außerdem eine organisatorische Unmöglichkeit und Unzulänglichkeit. Ihre Tätigkeit kann, wie auch aus den Berichten der Bezirksrabbiner zu ersehen ist, — schon wegen der räumlichen Ent¬ Kalender für August. Mittwoch August 1 Ab 20 Donnerstag * 2 1 * 21 Freitag * 3 1 * 22 Sonnabend 0 4 n 23 Sabbat-Anfang 7M „ Ausgang 9- Sonntag » 5 24 Montag * 6 25 Dienstag m 7 I »♦ 26 Mittwoch 8 27 Donnerstag n 9 0 28 Freitag n 10 99 29 Sonnabend » 11 99 30 Sabbat-Anfang 7*° Sabbat-Ausgang >** Sonntag 12 Kltil 1 Koach dtodesch Montag H 13 2 Dienstag *» 14 3 Mittwoch 15 1 ” 4 Donnerstag •» 16 5 Freitag 17 99 6 Sonnabend *♦ 18 99 7 Sabbat-Anfang 7M „ Ausgang 8*» Sonntag m 19 99 8 Montag 0 20 99 9 Dienstag Mittwoch 21 10 22 11 Donnerstag 23 99 12 Freitag 24 n 13 Sonnabend w 25 0 14 Sabbat-Anfang 6** . Ausgang 8“ Sonntag 0 26 : m 15 Montag m 27 99 16 Dienstag 28 . 17 Mittwoch 29 18 Donnerstag » 30 99 19 Freitag n 31 99 20 fernungen der einzelnen Gemeinden von einander und vom Rabbinatssitz — zum größten Teil nur eine beaufsichtigende, also eine reine Verwaltungstätigkeit sein, soweit eine solche bei der historisch gewordenen und statutarisch festgelegten Selbstverwaltung der Gemeinden überhaupt möglich Und nötig ist. Wenn einer der Herren Rabbiner berichtet, er habe!|0, der andere sogar 250 Gemeindep-^u betreuen, so hat er damit das Unmögliche und Unzweckmäßige/einer solchen Organisation selbst ansgesprochen. Denn eine religiöse oder sogar soelsorgerische Betreuung ist in einem so weit ausgedehnten Wirkungsfeld so gut wie ausgeschlossen. Sein Besuch in der Gemeinde ist sozusagen ein einmaliges Ereignis. Eine Organisation, die Leben spenden und Leben erhalten will, muß aber vor allen Dingen den Organismus der einzelnen Teile berücksichtigen, dis sie zu einer Einheit zusammenfahsen will. Was ist das Organische, das Lebenspendende, das ein Volk oder eine Gemeinschaft überhaupt im Innern zusammenhält, ihr Wesenhaftigkeit und Dauer verleiht? Nicht das einmalige Ereigni*, sondern das Stetige, das sich täglich Wiederholende, das sich in j den kleinen Dingen des Alltagslebens kundgibt. (Siehe Nietzsche! „Der Wille zur Macht“.) Will der Preußische Landesverband innerhalb des religiösen Bezirks der Kleingemeinden organisieren — und eine solche Organisation ist eine bittere Notwendigkeit j— so muß er als erstes den Puls im Kreislauf des jüdischen Organismus lebensfähig erhalten. Das Organische dieser Gemeinden, wodurch sie bisher lebten und der jüdischen Gemeinschaft fortdauernd neues Leben zuführten, war nicht das Einmalige (Blick kn die jüdische Geschichte), auf unsere heutige Situation angewendet, nicht das einmalige Konzert, die Tlioalerautlührung, der Vortrag, die Predigt, die Inspektion, die KoHurfahrt — so wertvoll diese alle an sich auch sein mögen, sondern das Wesenhafte und Lebensspendende im Judentum war und ist das Alltägliche, du sieb immer Wiederholende, das Automatische (im guten Sinne)] also das tägliche Gebet, die tägliche Unterweisung, die sich täglich wiederholende religiöse Uebung. Diese dem Judentum innewohnenden irrationalen Kräfte haben ihm seine Wesensart, seine Dauer verliehen, und gerade die Kleingemeindeu waren die Pflegehtätten dieses Lebens und wollen es auch bleiben. Deshalb ist für ihr Bestehen nichts so wichtig, als daß dieses — ihr Fleisch und ßlut — gesund bleibt. Und deshalb ist für die Kleingemeinden nichts so wichtig, wie der Kultusbeamte, der als Vorbeter und Religjonslehrer von jeher der Konservator des jüdischen Lebens war, der dieeee „beständige Feuer auf dem Altar“ unterhielt. Die Vergangenheit hat gelehrt — denken wir in diesem Zusammenhang an die Gemeinde Worms und an das neunhundertjährige Bestehen ihres Bettjeuses — daß in der Zeit der größten Not der wahre Trost im Gotteshaus und im gemeinsamen Gebet gefunden wurde. Und überhaupt: dberall wo sich jüdische Niederlassungen in der Diaspora gebildet hatten, war ihr erstes Beginnen die Errichtung einer Gebetsstätte [verbunden mit der Schule und Anstellung von Informatoren, wie die Kultusbeamten im Mittelalter in Preußen

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