Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1934-08-01 · 5 (1.8.1934) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
12 (1934)
Issue
5 (1.8.1934)
Date
1934-08-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/10279732-10279737-10021660--043-3980804
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Denn nur wer an ein höheres Gut glaubt, kann sein Leben dafür einsetzen und opfern. Für den Ungläubigen sind Leben und Existenz der höchste Wert. Auf der obersten Stufe des Heldentums steht deshalb der Märtyrer. Die Quelle seiner Sicherheit ist das Vertrauen, sein Sinnbild der im Bewußtsein seiner Kraft Aug in Aug mit der Gefahr ruhende Löwe. Weil er den Glauben hat, heißt der eine der Gerechte. Weil ihm der Glaube fehlt, heißt der andere der Frevler. HL Wir schreiben diese Gedanken nieder in den „drei Wochen“, zwischen dem siebzehnten Tammus und dem neunten Ab. In diesem Abschnitt erinnert uns jeder Tag an die Zerstörung unseres Tempels und an die Vernichtung unseres Staates. Damals wurde unsere Zerstreuung über die Erde endgiltig und begann jenes Eiend, das untrennbar damit verbunden ist. Was bedeutet in diesen zweitausend Jahren für uns der Löwe von Juda? Vertrauen ist der Kern jener Tapferkeit, die der Jude in der langen und schweren Zeit des Galuth zu bewähren hatte. Anders als in den Tagen der Makkabäer muß sich seitdem der Mut des Juden erweisen. Unerschütterte Gelassenheit inmitten von Angst und Schrecken ist seit langem seine unscheinbare, aber wahrlich schwere Rolle. Wenn einmal die Geschichte unserer Tage geschrieben wird, wird die Nachwelt dem deutschen Judentum von heute hoffentlich bezeugen, daß es in Entschlossenheit und festem Beharren seiner Väter würdig war. Ueberwindung von Panik ist Sache des Glaubens, nicht nur Frage der Nerven. Unsere leibliche Erhaltung wie unser seelischer Bestand hängen ab von der in Gott gegründeten Zuversicht, mit der wir der zerstörenden Kräfte der Angst und der Sorge Herr werden. Die deutsche Sprache nennt die Angst lähmend und die Sorge wahnsinnig. Wer ihnen erliegt, dem versagen die Glieder und bei gesunden Sinnen handelt er wie ein Irrer. Er flieht vor vermeintlicher, er versagt erst recht in wirklicher Gefahr. Der Mangel an Glauben an den göttlichen Auftrag ist Sünde. Die unruhige, haltlose Flucht vor dem Schicksal heißt in der Sprache der Schrift Frevel. Gefordert wird von uns die königliche Ruhe des Löwen von Juda. Im letzten Grunde besagt Salomos Gleichnis wie Mosis Strafrede die gleiche tiefe Erkenntnis, die der Prophet als die Summe der religiösen Wahrheit verkündet: „Der Gerechte lebt durch sein Vertrauen“. Handwerk und Gewerbe im deutschen Judentum Von Wilhelm Marcus, Berlin Nach all den Geschehnissen in den letzten fünf Vierteljahren beginnen auch diejenigen, die sich in früherer Zeit von der Bedeutung des Mittelstands und des Handwerks für die Erhaltung des deutschen Judentums nur schwer überzeugen ließen, einzusehen, daß die wirtschaftliche und soziale Struktur der deutschen Judenheit eine grundlegende Ausrichtung besonders auf das Handwerk erfahren muß. Sie überzeugen sich in wachsendem Maße, daß nach der Beschränkung des Lebensraums der deutschen Juden der gewerbliche Mittelstand und das Handwerk zum Grundpfeiler der jüdischen Gemeinschaft geworden ist. Die Bemühungen der jüdischen Organisationen sind auf einen planvollen Umbau der jüdischen Berufs- und Wirtschaftsstruktur gerichtet und verfolgen in erster Linie den Gedanken, die heranwachsende Jugend den produktiven manuellen Berufen zuzuführen. Das Handwerk gewinnt damit im Laufe der Jahre die ausschlaggebende Stellung in der deutschen Judenheit. Es ist klar, daß sich ein derartiger Strukturwandel, der das wirtschaftliche Gesicht der deutschen Judenheit entscheidend umgestalten wird, nur langsam vollziehen kann. Er wird sich über Generationen erstrecken müssen. Wenn auch das neugeschaffene Gesetz zur Ordnung des deutschen Handwerks theoretisch den jüdischen Menschen wie ihren christlichen Mitbürgern uneingeschränkt alle Rechte einräumt, die zur Betätigung im Handwerk erforderlich sind, so müssen wir, die wir an verantwortlicher Stelle die systematische Umschichtung zu lenken und zu beeinflußen vermögen, darauf achten, daß sich dieser Umbau organisch und ohne Ueberstürzung vollzieht. Die Erfahrungen, die wir mit einer allzu starken Zusammendrängung jüdischer Menschen in bestimmten akademischen Berufen mit allen ihren Folgen deutlich genug zu spüren bekamen, sollten uns belehren, daß nur eine sinngemäße Verteilung, die über Jahre hinweg durchgeführt werden muß, uns vor ähnlichem bewahrt. Zum mindesten bedenklich wäre es jedoch, die Gesamtheit des jüdischen Nachwuchses nur in die handwerklichen Berufe zu bringen. Bereits jetzt zeigen sich bei alt dem Eifer, der in Bezug auf die Berufsumschichtung aufgewandt wird, derartige Tendenzen, die in der Praxis dazu geführt haben, daß z. B. in kaufmännischen Betrieben eine große Anzahl von Lehrstellen einfach nicht besetzt werden können, weil sich die jungen Menschen von einer Zukunft im Handel wenig versprechen, zudem auch aus der allgemeinen Entwicklung der Zeit heraus oft eine tiefe Abneigung gegen die Handels- und Vermittler-Berufe empfinden. Es darf deshalb nicht der Fall eintreten, daß der jüdische Nachwuchs für wirtschaftlich gesunde Gewerbebetriebe insbesondere des Einzelhandels fehlt und damit auf lange Sicht gesehen eine weitere Stütze unserer jüdischen Gemeinschaft durch eine Falschlenkung der heranwachsenden Generation von uns selbst empfindlich geschwächt wird. Handwerk und Mittelstand müssen, weil es sie am ersten angeht, darüber wachen, daß alle Maßnahmen der Förderung und Sicherung ihren Schichten in stärkstem Maße zuteil werden. Die jüdischen Körperschaften haben in Erkenntnis der augenblicklichen und zukünftigen Stellung von Mittelstand und Handwerk innerhalb des jüdischen Lebens die Wirtschaftshilfseinrichtungen in hervorragendem Maße gerade diesen beiden Gesellschaftsgruppen zuteil werden lassen. So ist, ausgehend von der ersten Gründung der Jüdischen Darlehnskasse in Berlin, die gerade im Juni d. J. ihr zehnjähriges Bestehen feiern konnte, ein über ganz Deutschland ausgebreitetes Netz von Darlehns- und Kredit-Instituten entstanden, das auch durch die bezirksweise Verteilung alle, auch die m kleinsten Orten und Winkeln ansässigen Hilfsbedürftigen des Mittelstandes und des Handwerks, betreut. Durch diese Maßnahmen ist eine Unzahl geschwächter und gefährdeter Existenzen vor dem Erliegen bewahrt worden. Aber auch der weitere Ausbau bestehender Betriebe ist durch die Zuführung von Kapital ermöglicht worden. Durch die so vollzogene Betriebs-Ausdehnung konnte mit Hilfe der jüdischen Arbeitsnachweise eine erhebliche Anzahl -jüdischer Arbeitskräfte wieder eingeordnet werden. Es ist bezeichnend, daß gerade die mittelständischen Betriebe nach den gemachten Erfahrungen der Arbeitsämter sich aufnahmewilliger zeigten und .Einstellungen von nichtjüdischem und jüdischem Personal vorgenommen haben, die oft weit über das Erforderliche der 2

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.