Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 12 (1934)
- Issue
- 5 (1.8.1934)
- Date
- 1934-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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FÜR DIE JÜDISCHEM GEMEINDEN PREUSSENS VBRWALTUN GS BLATT DES PREUSSISCHEN LANDESVERBANDES JÜDISCHER GEMEINDEN , Alle Zaxhriften sind sa richten an das Verwaltung»- und Gewelndeblatt des Preußischen Landesverbandes JOdlscher Geneinden, Bin.-Chariotienburg 2, Kantstr.158» D.Slocfc j Der Besufispret* Air die Elnselmmuaer betritt 1# Pfennig. 12. Jahrgang Berlin, den 1. August 1934 Nr. 5 Der Löwe von Juda Von Rabbiner Dr. Eschelbacher-Düsseldorf I. In biblischer Zeit haben die Stämme Israels ihre Embleme gehabt. Unser Wappentier, einst das des Stammes Juda, ist der Löwe. Auf ThorahVorhängen und Grabsteinen ist er heute noch oft zu sehen, die Krone auf dem Haupt, die Gesetzestafeln zwischen den Pranken. Im alten Judäa lebte das königliche Tier in seiner natürlichen Freiheit, wie jeder aus der Geschichte von Simson weiß. Er wirkte gewaltig auf die Menschen. Er ist die leibliche Stärke, die angreifende Kühnheit selber. Er ist zugleich das verkörperte Vertrauen, das sich als gelassener Mut im Anblick der Gefahr äufiert. Er schaut dem drohenden Ungewissen entgegen und bleibt auf seinem Platze. So feiert ihn ein Gleichnis in den Sprüchen Salomos (28,1): „Es flieht, wo keiner verfolgt, der Frevler, der Gerechte aber, wie ein Löwe vertraut er“. II. Wir richten uns auf an großen Vorbildern aus unserer Vergangenheit. Die mächtigsten unter ihren erhabenen Gestalten waren „Gerechte mit dem Vertrauen des Löwen“. In Tagen des Schreckens erwies sich ihre Tapferkeit in der unerschütterlichen Festigkeit ihrer Seele. Ein Löwe war Rabbi Akiba. Im Jahre 135 n. Chr. scheiterte in dem unglücklichen und dennoch glorreichen Barkochba-Aufstand jene rühmvolle jüdische Erhebung, die dreihundert Jahre vorher mit den Makkabäerkriegen begonnen hatte. Gegen die erdrückende Uebermacht der Römer half keine Tapferkeit. Die kriegerische Kraft des Löwen von Juda war gebrochen. Die siegreichen Römer wollten das Judentum von der Wurzel her ausrotten. Sie verboten den Unterricht in der Thorah. Akiba, bis dahin im Kampfe einer der vordersten Führer, kehrte sich nicht daran. Er versammelte weiterhin seine Schüler und lehrte in aller Oeffentlichkeit. Ein Freund warnte ihn. Er riet ihm, sein Leben zu retten und Heber seine Sache preiszugeben. Akiba wies ihn zurück, nach Art der damaligen Rabbinen mit einer Fabel. Der Fuchs sah die Fische unruhig umherschwimmen und fragte sie nach dem Grunde ihrer AngsL Wie sie ihm die Netze zeigten, die die Fischer gelegt hatten, riet er ihnen, sie möchten doch auf das sichere Land kommen. Da nannten ihn die Fische einen Narren. „Wenn wir im Wasser in Gefahr sind, werden wir im fremden Element sicher zu Grunde gehen.“ Akiba blieb auf dem Platze, in jedem Sinne des Wortes. Er ist als Blutzeuge der Thorah hingerichtet worden. Standhaftigkeit bis zuletzt ist eins mit der Bereitschaft zum Martyrium. Dem Gerechten, der wie ein Löwe vertraut, stellt unser Spruch den „Frevler“ gegenüber, „der flieht, wo keiner verfolgt“. Der Mensch, dem sein böses Gewissen Gespenster vortäuscht, wird von ihnen gehetzt, unstät und flüchtig, wie sein Ahnherr Kajin. Die Flucht ist nur ein Gleichnis. Beim Bleiben wie beim Fliehen ist nicht an den Raum gedacht, in dem einer verweilt, sondern an die Sache, für die er einzustehen hat. Nicht der Ortswechsel wird gebrandmarkt, sondern der Verrat. Wer in Lebensgefahr ist, soll sich retten, wenn nicht eine noch höhere Pflicht es ihm verbietet. Elia hat*in Damaskus, wohin er „floh, um sein Lehen zu retten“, dem Ewigen nicht weniger gedient und gegen den Baal so gut gekämpft, wie in Samaria oder auf dem Berge Karmel. Im Dienste eine heiligen Sache Wird von dem Menschen ein unerschütterter Mut gefordert, Flucht in der Panik dagegen gilt als Erweis von Frevel und zugleich als Strafe dafür. So hatte es lange vor Salomo Mose in seiner gewaltigen Strafrede verkündigt: „Es verfolgt sie das Rascheln eines verwehten Blattes, sie fliehen, wie man vor dem Sachwerte flieht, und fallen, WTT keiner verfolgt.“ Nicht Feigling, sondern Frevler wird also der Flüchtige genannt. Der Mut braucht ein Fundament, den Glauben. Der Löwe vertraut auf seine Kraft, und der Gerechte vertraut auf eine Sache, die größer ist, als seine leibliche Existenz. Im letzten Grunde vertraut er auf Gott. „Wenn wir uns mit der Thorah beschäftigen, die unser Leben und die Dauer unserer Tage genannt wird, müssen wir uns fürchten. Wenn wir uns von ihr lossagen, um wieviel mehr noch!“ hat Akiba auf die Warnung des besorgten Papus geantwortet. Mut unter allen Umständen, auch in der Panik, kann aber nur der Glaubende bewähren.