Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 12 (1934)
- Issue
- 4 (1.7.1934)
- Date
- 1934-07-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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u der Darlehnskassen als Institute für Kleinkredite auf wirtschaftlicher Grundlage im Vordergrund. Bei voller Wahrung ihres gemeinnützigen Charakters haben sie bei der Vergebung ihrer Darlehen unter voller Würdigung des Momentes der sozialen Hilfe dem Grundsatz der Wirtschaftlichkeit zu entsprechen. Die jüdischen Darlehnskassen, deren Rechtsform in der Regel die des eingetragenen Vereins ist, haben die Möglichkeit, Darlehen bis zum Höchstbetrage von RM. 1000.— im Einzelfalle gegen einen mäßigen Verwaltungskostenbeitrag einzuräumen. Für dieses Darlehn hat der Darlehnsnehmer Sicherheiten zu stellen, in der Regel durch Bürgschaften bezw. Pfänder. Darlehen können nur zu pro d u k t i v e n Zwecken gewährt werden, d. h. zur Aufrechterhaltung oder zum Ausbau eines Geschäftsbetriebes oder zum Neuaufbau einer wirtschaftlichen Existenz. Dabei muß durch den geplanten Verwendungszweck die Rückzahlung des Darlehns, die in der Regel innerhalb von 12 Monaten zu erfolgen hat, gewährleistet erscheinen. Es versteht sich von selbst, daß die einzelne Darlehnskasse umso leistungsfähiger wird, je größer ihr Eigenkapital ist und je rascher die ausgeliehenen Darlehen zurückfließen. Die Sicherungsbestimmungen der Darlehen durch Bürgschaften und Pfänder gewährleisten dreierlei: Die Erhaltung des Kredit-Volumens durch die Sicherung des Rückflusses der ausgeliehenen Gelder, die Ueberbrückung wirtschaftlicher Notstände und die Aktivierung der Darlehnsnehmer, schließlich für die Gemeindemitglieder die Möglichkeit, durch die Bürgschaftsübernahme ihre Bereitschaft zu einer produktiven Gegenseitigkeitshilfe zu beweisen. Ausbau der Darlehnskassen Je mehr Darlehnskassen am Werke und je größer die Kredite sind, die sie einräumen können, um so größer und fruchtbarer ist ihr Wirkungsfeld. In vielen Fällen, in denen Umsatzrückgang bestehender Geschäfte, Kreditkündigung von seiten anderer Kreditinstitute, fehlender Lieferanlenkredit die Wahrnehmung geschäftlicher Möglichkeiten zu verhindern drohen, obwohl eine Absatzmöglichkeit durch einen vorhandenen Kundenstamm gegeben erscheint, können die jüdischen Darlehnskassen zur Erhaltung von Existenzen beitragen. In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle war es den Darlehnsnehmern möglich, aus ihrem Geschäftsbetrieb ohne wesentliche Beeinträchtigung das Darlehn in den vorgesehenen Raten planmäßig zurückzuzahlen, wie die der Zentralstelle für jüdische Darlehnskassen vorliegenden Revisionsberichte erweisen. Aus diesen Revisionsberichten ergibt sich auch, daß manches Darlehnsbedürfnis aus Mangel an Mitteln oder weil es den Höchstbetrag des Einzeldarlehns überstieg, nicht befriedigt werden konnte, obwohl ein produktiver wirtschaftlicher Verwendungszweck des Darlehns gesichert erschien. Infolgedessen ist im Interesse einer möglichst intensiven Arbeit der Darlehnskassen zur Erhaltung möglichst vieler Existenzen ein Ausbau der Darlehnskassen nicht nur in der Richtung von Neugründungen, sondern auch in der Erhöhung des Betriebskapitals bestehender Darlehnskassen dringend erforderlich. Es ist erfreulich, festzustellen, daß bereits viele Gemeinden aus der Einsicht für die fruchtbare Arbeit der Darlehnskassen heraus Mittel für sie zur Verfügung gestellt haben. In allen Gemeinden müßte geprüft werden, in wie weit noch vorhandenen Stiftungen zu allgemeinen Unterstützungszwecken oder sonstige Fonds, die bis jetzt trotz verhältnismäßig geringer Zinserträge kapitalmäßig festgelegt waren, als Eigenkapital für Darlehnskassen fruchtbar gemacht werden können. Weiter könnten durch einmalige größere und laufende kleinere Beiträge der dazu noch in der Lage befindlichen Gemeindemitglieder den bestehenden Darlehnskassen neue Mittel zugeführt bezw. neue Dar lehn skassen errichtet werden. Jede Zuführung neuen Eigenkapitals setzt die Zentralstelle für jüdische Darlehnskassen in die Lage, auch ihrerseits den Darlehnskassen neue Mittel im Kreditwege zur Verfügung zu stellen. Auf diese Weise kann die Kredithilfe, deren Träger die jüdischen Darlehnskassen sind, wesentlich erweitert werden. Mit Genugtuung ist festzustellen, daß die Körperschaften und Vorsitzenden der jüdischen Gemeinden und Gemeindeverbände, die heute verantwortlich an der Erfüllung ihrer sozialen Pflichten arbeiten, selbst die Initiative in der Richtung eines Ausbaus der jüdischen Darlehnskassen ergriffen haben, weil sie von der Einsicht ausgehen, daß, wo immer die Wirtschaftshilfe ihren produktiven Sinn erfüllt, eine wesentliche Entlastung des Wohlfahrtsetats möglich ist, und daß darüber hinaus die Erhaltung der wirtschaftlichen Selbständigkeit, die wirtschaftliche Selbsterhaltung von möglichst vielen der jetzt zu einer Umstellung gezwungenen Juden eine entscheidende Aufgabe der gegenwärtigen jüdischen Sozialarbeit in Deutschland bildet. Die jüdische Bevölkerung in Preußen Verteilung, soziale Struktur, Lastenausgleidi Von Max Birnbaum, Berlin So sehr es heute in Deutschland ein jüdisches Gesamtschicksal, ein jüdisches Gesamterleben gibt, so sehr die Wucht der Ereignisse veraltete Grenzen und Differenzierungen beseitigt und den Willen zur Einheit der deutschen Judenheit gestärkt hat, so ist doch die jüdische Beyölkerung in Deutschland auch jetzt alles andere als eine homogene Masse. Zu den religiösen und weltanschaulichen Gruppierungen,, zu den Verschiedenheiten der politischen Atmosphäre und der landesgesetzlich vorge*. schriebenen Organisationsformen in den einzelnen Gebieten, die uns hier nicht beschäftigen sollen, treten die tiefgehenden Unterschiede der Bevölkerungsverteilung und sozialen Struktur. Sie genau zu kennen und sich immer zu vergegenwärtigen, ist eine der wichtigsten Pflichten aller zentralen jüdischen Instanzen in Deutschland. Nur dann wird der notwendige Ausgleich herbeigeführt, nur dann werden die Hilfsinittel an der richtigen Stelle angesetzt werden können. Aber nicht nur für die Berliner Zentralstellen, sondern für alle Organisationen und jüdischen Menschen, die am öffentlichen jüdischen Leben, sei es in der Wohlfahrts- und Sozialarbeit, sei es in der Gemeindearbeit, teilnehmen, ist eine solche Kenntnis der Ärmlichkeiten und Verschiedenheiten, der Regeln und der Besonderheiten von Bedeutung. Sie ist es darüber hinaus vielleicht auch noch in einem anderen Sinne: Jedes genaue Kennen von Ursachen, Zusamenhängen und geschichtlich Gewordenem fördert das Verständnis für die Menschen und ihre Reaktionsart. Je genauer man die Dinge kennt, desto mehr wird man auch ihre Eigenheiten anerkennen. Und jedes Plus an Verständnis bedeutet auch ein Plus an Befriedung — ein Stück des Weges zur Einheit des deutschen Judentums. Ein erster Versuch, hierfür ein möglichst einfach zu verwertendes Material zusammenzustellen und damit Ai einem tieferen Einblick in die Struktur der deutschen Judenheit zu verhelfen, soll im Folgenden für das preußische Staatsgebiet gemacht werden. Es wäre zu begrüßen, wenn in ähnlicher Weise auch die Verhältnisse in den anderen deutschen Ländern analysiert und miteinander verglichen werden könnten, damit so ein Gesamtbild für ganz Deutschland gewonnen werden kann. I. Die bevölkerungspolitischen Probleme der deutschen Juden sind unter dem Einfluß der Schriften von T h e i 1 - 6