Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1934-07-01 · 4 (1.7.1934) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
12 (1934)
Issue
4 (1.7.1934)
Date
1934-07-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/10279732-10279737-10021659--032-3980794
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Wut, war so gespenstisch, so übernatürlich und unheimlich, daß man die Figur des märchenhaften Bösewichts schon sah und fühlte, ehe sie aufgetreten war! Mit dieser gespenstischen Eindringlichkeit, mit dieser wilden Wucht Adolf Sonnenthal hat Kortner dann auch Richard III. und den Verrina im Fiesco, Macbeth und Shylok und viele Gestalten moderner Dichtung gespielt. Man darf aber einen, wenn auch flüchtigen Blick über die Geschichte der jüdischen Schauspieler auf der deutschen Bühne nicht schließen, ohne den Mann erwähnt zu haben, der wohl das größte Talent ist, das während des letzen Menschenalters jüdisches Geblüt ins Spiel des deutschen Theaters gebracht hat. Das ist Max Pallenberg. Viele Tausende haben über ihn gelacht und nennen ihn einen ausgezeichneten Komiker. Aber man weiß garnichts von diesem Schauspieler, wenn man sich nur ge- . merkt hat, wie komisch sein frecher Herr Zavadil mit dem roten Schopf böhmakelt, oder welchen grotesken Unfug Pallenberg in schwachen Schwänken und Possen mit den törichten 'Textworten der Verfasser zu treiben pflegt. Max Pallenberg, der Gerhart Hauptmann und Moliäre und neuerdings auch Goethes Mephisto gespielt hat, ist, wo er einer wirklichen Dichtung ^egenübersteht, ein ungewöhnlich treuer und gewissenhafter Diener am Wort, ein Schauspieler ganz ohne Starallüren, voll bescheidenster Einfügsamkeit. Und er hat 'mehr als einmal bewiesen, daß seine tragische Kraft nicht geringer ist als seine komische, daß er mit den stillsten und einfachsten Mitteln einen ganz erschütternden Ausdruck für seelisches Leid zu finden weiß. Dieser Künstler von erstaunlicher seelischer Reichweite ist, sobald ihm Aufgaben wahrer Dichtung entgegengebracht werden, keineswegs ein „Virtuose“. Max Pallenberg spielt heute nur noch in Wien, und auch Kortner und Granach nicht mehr in Deutschland. Aber die Arbeit des „Kulturbundes deutscher Juden“, die zunächst in Berlin ein Ensemble jüdischer Schauspieler sammelte, um für nur jüdisches Publikum zu spielen, sie ergab, daß doch noch eine ganze Reihe beträchtlicher anderer Talente jüdischer Herkunft an deutschen Theatern zu finden waren. Ein Schauspieler wie Kurt Katsch, aus dem östlichen Ghetto stammend, trat ungestüm hervor — voll Gefühl und voll deklamatorischer Wucht, etwa in der Mitte zwischen Schildkraut und Granach stehend. Fritz Wisten, lange Jahre der erste Charakterspieler des Stuttgarter Landestheaters und heute eine sehr wichtige Stütze des Kulturbund-Theaters in Berlin, stammt von österreichischen Juden ab und zeigt eine ältere, mehr geistig gegliederte Kultur von großer Wandlungsfähigkeit des Ausdrucks. In Hermann Heuser, Fritz Lion, Martin Wolfgang und manchen Jüngeren sind charakteristische Talente hervorgetreten, von denen später einmal zu sprechen sein wird, wenn sich” zeigt, wie die Zusammenfügung der Kräfte in rein jüdischem Umkreis auf die Entwickelung der Künstler gewirkt hat. — Soviel ist gewiß: das Jahrhundert, in dem deutsche Juden Anteil an der Arbeit der Bühne nahmen, hat eine bedeutende Zahl von Talenten hervorgebracht, die aus der deutschen Theatergeschichte nicht leicht hinwegzudenken sind, die an mancher entscheidender Wendung mitgeformt und die vielen Zeitgenossen große Eindrücke für das ganze Leben Alexander Granach in »Hoppla, wir leben« Phot. Bodter & Maoss gegeben haben. Die menschendarstellerische Lust und Kraft, die die Berührung mit der dramatischen' Kunst offenbar in den deutschen Juden geweckt hat, sie lebt noch weiter und wird sicherlich in einer oder der anderen Form auch noch weiterhin ihren Ausdruck suchen. t~t v Dfe jüdischen Darlehnskassen als Träger der Kredithilfe 4L. Von Dr. Pai Viele tausende Juden in Deutschland haben jetzt einen schweren Kampf um ihre wirtschaftliche Existenz zu bestehen. Kleingewerbetreibende, Vertreter, Handwerker, Kaufleute, Akademiker sind in ihrer Wirtschaftskraft so geschwächt worden, daß innerhalb der jüdischen Sozialarbeit Vorsorge für eine wirksame Kredithilfe zu treffen Eppstein-Berlin. ist. Durch diese Kredithilfe, die besonders dem jüdischen Mittelstand gilt, sollen selbständige Existenzen erhalten und die Gründung neuer Existenzen gefördert werden,.in denen ein Auskommen nach vorübergehender Stützung möglich erscheint. Träger dieser Kredithilfe sind die jüdischen Darlehnskassen, deren Stellung im Rahmen 4

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.