Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1934-07-01 · 4 (1.7.1934) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
12 (1934)
Issue
4 (1.7.1934)
Date
1934-07-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/10279732-10279737-10021659--031-3980793
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

kämpfte noch Emanuel Reicher unter seinen Fahnen; aber dann trat an seine Stelle Albert Bassermann, Sproß einer alten berühmten Mannheimer Bürgerfamilie und neben einem so rein deutschen Künstler wie KayBler traten her- Morltz Rott vor Schauspieler slawischer Prägung wie Paul Wegener oder der Italiener Moissi (der, so oft seine Feinde auch dieses Gerücht aufbringen, keinen Tropfen jüdischen Blutes hat). Erst etwas später erschien in Reinhardts Ensemble ein Schauspieler von großer, Wucht und unverkennbar jüdischer Herkunft, das war Rudolf Schildkraut. Er war nicht im deutschen Gebiet, aber auch nicht im Osten geboren, sondern in Konstantinopel, und es mag mit dieser Herkunft zusammen hängen, daß er nun einen ganz anderen jüdischen Typus darstellte, als Sonnenthal, der sich der bürgerlichen Gesellschaft Wiens so vollkommen angepaßt hatte, oder Emanuel Reicher, der mit seiner unruhigen und stets vorherrschenden Geistigkeit sich so heftig in allem Neuen versuchte, so nachdrücklich die Natur propagierte — und zuinnerst dem Gespenstischen so nahe blieb. Bei Schildkraut blühte alles in Fleisch und Blut; es gab nichts weniger Gespenstisches als diesen nur mittelgroßen breiten Mann mit dem kugelrunden Kopf, den großen rollenden Augen und der gutturalen, dunklen Sprache. Bei Schildkraut schien das Judentum lange Geschichtsräume der Auflösung und Zerstreuung übersprungen zu haben, — in ihm schien unmittelbar der Urvater, der Herr der Herden der Patriarch hervorzutreten. In diesem wilden Komödianten war doch nichts so stark wie der väterliche Instinkt. (Uebrigens auch in seinem Privatleben, denn sein Sohn, der schöne Joseph Schildkraut, der heute in Amerika spielt, ging ihm über alles). Aber vor allem erreichte seine schauspielerische Leistung jedes Mal die stärkste Wucht und die vollkommenste Würde, wenn er das väterliche Gefühl ins Spiel bringen konnte, wenn er den liebenden oder beleidigten, den zürnenden oder segnenden Vater spielte. Auch der Shylock, der bei Reicher etwas von einem bösen Geist hatte, wurde von Schildkraut auf erstaunliche Weise zu allererst als ein liebender und beleidigter und furchtbar verzweifelter Vater gespielt. Eine der schönsten Leistungen Schildkrauts war der mächtige, breit gebaute Farmer, den er in Hamsuns Schauspiel „Vom Teufel geholt“ darstellte. Dieser reiche Südamerikaner geht an dem Biß einer Giftschlange zugrunde und schickt dem bösartigen Frauenzimmer, das an der Katastrophe Schuld trägt, als höhnische Hinterlassenschaft seinen Diener, einen jungen Neger! Diesen Neger spielte bei der ersten Aufführung in Reinhardts „Deutschem Theater“ ein junger Mann, der Hermann Granach genannt wurde. Er ist später unter dem Namen Alexander Granach bekannt geworden; aber eigentlich hieß er weder Hermann noch Alexander, sondern Jesaia! Denn dieser Granach - stammte tief aus dem jüdischen Osten und hatte eben erst deutsch gelernt. In dem sehr wilden, heftigen Temperament dieses Schauspielers meldete sich nun eine neue Generation zu Wort; ein Judentum erschien, das durch den Zionismus und die soziale Revolution aufgelockert und' voll empörerischer Gebärden und Klänge war. Granach ist nachher mit Grund einer der angesehensten Schauspieler in der Periode des „Expressionismus“' geworden. Wilde Gefühlsausbrüche, rasende Deklamationen waren sein Element; das vaterhaft Breite und Schwere, Gütige und Erhabene Schildkrauts war nicht in seinem Wesen. Doch ist auch nicht Granach der wichtigste jüdische Schauspieler dieser deutschen Theaterepoche und alich nicht der schön und schlank gewachsene und vornehm kultivierte Ernst Deutsch, dieser vorzügliche Sprecher; das entscheidende Talent in der expressionistischen Zeit des deutschen Theaters war Fritz Kortner. Der Jude aus Wien, massig gebaut, ein knochiger Schädel mit seltsam vorhängender Nase; dabei ein Gesicht von starker sprunghaft beweglicher Ausdruckskraft. Aber das Entscheidende dieses Schauspielers ist seine Stimme, die in beängstigenden Steigerungen vom Flüstern zum tobenden Schrei führen kann, und die sich wie ein Bohrer ins Mark der Seele zu setzen vermag. Als Kortner von Leopold Jessner an entscheidende Stelle in jene expressionistische Inszenierungen gestellt wurde, die als reine Ausdruckskunst alles Naturhafte absichtlich hinter sich ließ, — da hatte Fritz Kortner als »Macbeth« U»* &•***" er als Geßler im „Teil“ charakteristischer Weise seinen ersten und entscheidenden Erfolg schon, ehe er sichtbar wurde; man hörte die Stimme des Landvogts Geßler ^.Treibt sie auseinander!“ — und dieser Laut war so überladen mit

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.