Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 12 (1934)
- Issue
- 4 (1.7.1934)
- Date
- 1934-07-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Jüdische Schauspieler in Deutschland Von Julius Bib. In der ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts begannen auf den deutschen Bühnen auch Schauspieler jüdischer Herkunft hervorzutreten. Da war Moritz Rott, der eigentlich Rosenberg hieß und aus Prag stammte, und der von 1832 bis 1855 erster Charakterspieler am Schauspielhaus in Berlin war. Eduard Jerrmann stammte aus Berlin, war aber mit seiner Schauspielkunst mehr an anderen deutschen Orten zu Hause und trat sogar in Paris am Thäatre Fran?ais mit großem Erfolg auf. Er gehörte zu jenen absonderlichen Komödianten, die den Ehrgeiz hatten, Karl und Franz Moor an einem Abend zu spielen. Nur wenig jünger als diese Beiden war Ludwig Dessoir, 1810 in Posen geboren, als Faust sowohl wie als Mephisto, besonders aber als Othello berühmt und am Berliner Schauspielhaus Rotts Erbe. Sein größter Ruhm aber stammte von der Darstellung des Narziß; diese effektvolle Rolle war mit ihrem weltschmerzlichen Zynismus die große Mode in der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Dessoir war der erste Schöpfer dieser Figur, mehr von ihm als von dem Autor Brachvogel stammt ihr Ruhm. Auch Dessoir verbreitete seinen Ruhm durch ausländische Gastspiele, besonders in London. Alle Drei, Rott sowohl wie Jerrmann und Dessoir stellten überhaupt den Typus des viel reisenden, als Gast bewunderten großen Mimen, des „Virtuosen“ dar. So kann man es verstehen, daß Eduard Devrient, der Historiker der deutschen Schauspielkunst in der Mitte des XIX. Jahrhunderts, und als Pfleger und Lehrer eines geordneten Ensemblespiels, ein leidenschaftlicher Gegner des Gastspiel- und Virtuosenwesens, den jüdischen Einschlag in der deutschen Schauspielkunst unfreundlich beurteilt. Der Virtuos ist ja nicht nur der Vielreisende, auf Ruhm erpichte, keinem Ensemble treue Mime; er ist auch der Verstandesmensch unter den Künstlern, der mit kühler Berechnung effektvolle Züge aneinanderreiht, statt von einem einheitlichen Gefühl des Ganzen getragen zu werden. Obwohl nun Eduard Devrient in seinem Bruder Emil Devrient gerade den berühmtesten Virtuosen der ganzen Epoche kannte, neigte er doch der Meinung zu; daß das Heraufkommen des Virtuosentums am deutschen Theater mit den Juden im Zusammenhang stehe, ja er meinte, daß das jüdische Theatertalent überhaupt auf solche virtuosische Entfaltung begrenzt sei. In Bogumil Davison, als Kind armer jüdischer Eltern 1818 in Warschau geboren, erschien noch einmal ein ganz besonders starkes aber auch besonders undiszipliniertes Talent dieser Art, das Devrient recht zu geben schien. „Sein glänzendes Talent, sein scharfer und feiner Verstand, sein Humor, seine Gewandtheit und hinreißende Energie verschmolz Echtes und Flitter so, daß das geblendete Publikum das Urteil verlor und ihm jauchzend zufiel.“ Dieser Schauspieler, der jedes Ensemble sprengte, durch Dutzende von Skandalgeschichten berühmt war, und sich schließlich mit amerikanischen Gastspielen zugrunde richtete. war wirklich ein Virtuose im vollen und gefährlicher Sinne des Wortes. Aber schon in der nächsten Generation erwies sich, daß Devrient doch sehr irrig geurteilt hatte, wenn er das jüdische Talent ganz mit dem eitlen, glänzenden, Ensemblesprengenden Virtuosentum gleichsetzte. Im dritten Viertel des 19. Jahrhunderts war ja der Ruhm des deutschen Bühnenlebens das Ensemble des Wiener Burgtheaters, wie es vor allen Dingen Laube herausgebildet hat Und Laubes größte schauspielerische Entdeckung und für Jahrzehnte der Mittelpunkt des Burgtheaters und des ganzen Wiener Bühnenlebens war Adolf von Sonnenthal 1834 in Budapest geboren. Sein Vater war ein wohlgestellter Kaufmann, aber seine Großeltern noch sehr arme jüdische Handelsleute. Der junge -Mensch ging erst ins Schneiderhandwerk, kam als Wanderbursche nach Wien und sah von der Galerie des Burgtheaters Davison. Das entfesselte seine eigene Leidenschaft für die Bühne, und vom Statisten des Burgtheaters brachte er es dort binnen sechs Jahren zum ersten jugendlichen Helden. Und bald war er der Mittelpunkt des ganzen Wiener Lebens. Der gemütvolle und elegante, liebenswürdige und gewandte Mann wurde namentlich in den Bonvivant-Rollen der unter Laube so viel gespielten französischen Gesellschaftsstücke das Vorbild für die Kleidermode wie für das gute Benehmen in Wien. Der Schnitt seines Fracks, seiner Hüte und seiner Krawatten schufen die Mode der guten Gesellschaft; sein tränenvolles Tremolo, sein bebendes Pathos wurden überall kopiert. Nach Laubes Abgang blieb Sonnenthal unter vielen folgenden Direktionen Mittelpunkt und Stütze des Burgtheaters, führte auch zeitweise selbst die Direktion. Nun wurden sein Wallenstein und sein Nathan berühmt, und in späten Jahren hat er sogar noch Hauptmanns Fuhrmann Henschel gespielt. Die unbedingte Hingabe an ein Haus und ein Ensemble kennzeichnet gerade das Lebenswerk dieses Künstlers; mit ihm erst ist eigentlich die Vormachtstellung des Wiener Burgtheaters erloschen. In ganz anderer Art hat im letzten Viertel des XIX. Jahrhunderts von Norddeutschland, von Berlin aus ein jüdischer Künstler auf der Bühne ein Wesen entfaltet, das dem virtuosischen äußerst entgegengesetzt war. Emanuel Reicher war 1849 in Galizien geboren und als Sohn eines Advokaten schon zeitig in Krakau auf die Bühne gelangt. Erst als erwachsener Mensch lernte er deutsch, um sich den Spielraum der reicheren dramatischen Kultur zu erschließen. Er lernte es mit seiner großartigen Energie, seinem glänzenden Verstände, seinem vorzüglichen Gehör aber so ausgezeichnet, daß er später als der vorbildlich gute Sprecher der deutschen Bühne galt. Nach langen Wanderfahrten kam Emanuel Reicher in Berlin zu Ruhm und Wirkung, und hier war er von früh an ein leidenschaftlicher Vorkämpfe des „Naturalismus“, jener Kunstrichtung, die das steif und ausdruckslos gewordene Pathos der Bühne durch den einfachen Naturton ersetzen wollte. Emanuel Reicher hat diesen Stil der Wahrheit schon vor Ibsen und Hauptmann leidenschaftlich verkündet und ist dann natürlich dem Theater Otto Brahms der vorzüglichste Darsteller dieser Dichter geworden. — Das Merkwürdigste an ihm aber war, daß dieser leidenschaftliche Prediger der bloßen Natürlichkeit allerdings viele große und kleine Charaktergestalten geschaffen hat, die aus vorzüglichen Beobachtungen naturgetreu zusammengesetzt waren, daß aber die tiefsten Erinnerungen ah seine Schauspielkunst'von solchen Gestalten herrühren, in denen ein großes Pathos geistiger fast gespenstischer Art am Werke war. Vielleicht war das leidensvoll Erhabene, fast Erdentrückte, zu dem Reichers Kunst sich aufschwingen konnte, gerade das zutiefst Jüdische in seinem Wesen. Auf das naturalistische Theater Otto Brahms folgte im Hause des „Deutschen Theaters“ in Berlin, aber stilbildend für ganz Deutschland, an gleicher Stätte das Theater Max Reinhardts — das Theater einer neuen. Ro.- mantik, in dem sich wieder die Lust an starken Farben und überwirklichen Formen regte. Es war die echte Wiener Spielfreude der Bühne und zu nicht geringem Teil auch die alte Kultur des Burgtheaters, die Max Reinhardt nach Berlin verpflanzte. Denn er kam aus Wien.- 'Er selbst war Jude, (Goldmann hatßt er bekanntlich mit seinem eigentlichen Namen) — aber in dem Ensemble, mit dem dieser außerordentliche Regisseur zunächst seine Siege erfocht, waren wenig Juden, in der all«rer«tpn Zeit 2