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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1934-07-01 · 4 (1.7.1934) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
12 (1934)
Issue
4 (1.7.1934)
Date
1934-07-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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GEMEINDEBIATT FÜR NE JÜDISCHEN GEMEINDEN PREUSSHNS VERWALTUK GS BLATT DES PREUSSISCHEN LANDESVERBANDES JÜDISCHER GEMEINDEN Alle Zoecfarlften M n rkhlu an da* Verwaltung*- and GaaMladeblatt de* PmiHhrtua Laad***«*>*ndm Ntdl»d»rr Gfrtnden, Kn.-OMrlotte*JjurgZ, Ka*Mr. 158, HStod Per Beaaaaprels ttr die ElnaebnaBBHr betrtgt M Pfennig. 12. Jahrgang Berlin, den 1. Juli 1934 Nr. 4 Der Vorraum Von Rabbiner Dr. Wilde, Magdeburg. * .In meiner Heimatstadt hat die Synagoge einen großen Vorraum, der durch Türen mit Glasscheiben von dem Betraum getrennt ist. In diesem Vorraum standen, als ich noch ein Kind war, am Vorabend des Versöhnungstages viele Andersgläubige; sie blickten durch die Scheiben, um sich die Feier des Versöhnungstages anzusehen. Unter ihnen war einst viele Jahre lang, so erzählte man in meiner Kindheit, eine alte Frau. Als Kind war sie dem jüdischen Elternhaus entlaufen, hatte Heimat und Glauben verlassen. Nach Jahrzehnten kam eine vergrämte einsame Frau zurück, lebte still für sich; mied die Juden und wurde von ihnen gemieden, unbeachtet auch von den Andersgläubigen. Aber am Vorabend des Versöhnungstages stand sie im Vorraum der Synagoge. Blickte stumm durch die Scheiben. Niemand wußte, was sie dabei empfand. Nie. kam sie in die Synagoge hinein. Als man sie in einem Jahr nicht mehr sah, erfuhr man erst, daß sie vor Monaten gestorben und in aller Stille auf fremdem Friedhof begraben worden sei. Mir ists, als hätte jetzt jede Synagoge einen solchen Vorraum, als ständen in jedem Vorraum Juden und Menschen jüdischer Abstammung und blickten durch die Scheiben: Was tun die Juden, zu denen wir plötzlich wieder gehören, an ihren Feiertagen? führt uns noch ein Weg zu den Heiligtümern Israels? Es führt wohl kein Weg mehr zu uns für die, deren Großeltern unseren Glauben verlassen, deren Eitern schon nichts mehr von der Religion der Juden wußten, die vielleicht selbst zu den Judengegnern gehörten; die Juden aus ihrer Gemeinschaft ausschlossen und nun plötzlich selbst als Judenstämmlinge von jeder .anderen Gemeinschaft ausgeschlossen werden. Das Wort der Bibel wird furchtbar wahr: Der die Schuld der- - Väter heinisucht an den Kindern bis ins 3, und 4. Geschlecht, bei denen, die mich hassen . . Weil die Großväter oder Großmütter auf ihr Heimatsrecht-im jüdischen Gotteshaus, in der jüdischen Gememschaft verzichtet haben, darum sind die Enkel jetzt ohne Heimatsrecht bei uns und ohne Heimatsnecht draußen. Sie stehen nicht im Vorraum unserer Gotteshäuser. Es waren die Eltern noch Juden, die Kinder von Jugend an nicht mehr. Sie stehen im Vorraum; wenn sie den Weg zu uns suchen, wenn sie eine seelische Heimat begehren, wir versperren ihnen nicht den Weg, wir öffnen ihnen die Tür zu unserem Glauben. Im Vorraum stehen Menschen, die uns verlassen hatten; die uns verlassen hatten aus religiöser Gleichgültigkeit, aus Ehrgeiz, aus Gewinnsucht; die glaubten, die Welt draußen gewinnen zu können, wenn sie von unserer Welt sich lossagten. Rückkehr heißt im Hebräischen t’schuwoh. t’schuwoh bedeutet Reue. Für sie muß die Rückkehr Reue sein. Das Verhängnis ist jetzt über sie gekommen, daß sie nicht dahin und nicht dorthin gehören. Das Verhängnis sollen sie abwenden, wie wir am Versöhnungstage beten, durch Reue, Gebet und gute Taten. Wenn sie sprechen: „ich habe gesündigt“, dann wird der Gott Israels zu ihnen sprechen: „ich habe verziehen*. Im. Vorraum stehen aber auch viele, die immer zu unserer Gemeinschaft gehört haben, die aber dennoch fremden Göttern nachjagten und um den Gott Israels sich nicht kümmerten; die draußen alle Feste mitfeierten, aber selbst an den höchsten Feiertagen dem jüdischen Gotteshause fern blieben. Deren Rückkehr wollen wir, deren Rückkehr verlangen wir. Sie sollen nicht im Vorraum zögern, auch wenn sie Jahrzehnte nicht mehr eine Synagoge betreten haben. Sie sollen mit ihren Sorgen und Aengsten, mit ihrem wunden Herzen draußen nicht wie ein gescheuchtes Wild umher laufen, während sie im jüdischen Gotteshaus Frieden und Erhebung finden könnten. Wie schwer lernen selbst kluge Menschen um, daß soviele noch nicht begriffen haben, wie dankbar, wie glücklich sie sein müssen, in einer Stadt zu leben, in der sie gemeinsam mit anderen Juden im Gotteshaus ihre Feiertage, ihre Sabbate begehen können. Alle, die im Vorraum stehen, sollen mit dem Psalmwort sprechen, wie einst die Wallfahrer im Vorhof des Tempels zu Jerusalem: „öffnet mir die Tore der Gerechtigkeit; ich komm zurück 1“

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