Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 12 (1934)
- Issue
- 3 (1.6.1934)
- Date
- 1934-06-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Von Familiennamen und Staatsburgerlisten. Von Dr. Jacob Jacobson, Berlin (Fortsetzung) Bereits im Mai 1812 wurde, anknüpfend an frühere Bestimmungen, nach einer Eingabe der Berliner Gemeindeältesten der Kreis derer bedeutsam erweitert, denen die aus dem Gesetz fließenden Berechtigungen zugute kommen sollten. Es gab nämlich viele Juden, die noch ohne die früher erwähnten Schutzbriefe und Konzessionen sich im Lande aufhielten und als Disponenten, Buchhalter, Lehrer, Rabbiner, Gelehrte, Künstler, Studenten, Handlungs- und Gewerbegehilfen, als Dienstboten oder auf eine sonst erlaubte Weise ihr Brot verdienten. Um mißbräuchlicher Auslegung des Edikts vom 11. März 1812 vorzubeugen, bestimmte nun der Staatskanzler Graf Hardenberg am 9. Mai 1812 ausdrücklich, daß auch die eben angeführten Kategorien von Juden und Jüdinnen als Einländer und Preußische Staatsbürger zu betrachten seien, wenn sie durch Atteste der Judenältesten ihres Wohnortes nachweisen konnten, daß sie schon vor Publikation des Emanzipationsediktes sich im Lande befunden und redlich ernährt hatten. Den Vorstehern der jüdischen Gemeinden Preußens war also eine große Verantwortung auf erlegt, aber damit gleichzeitig ein hohes Maß von Vertrauen entgegengebracht worden. Sie haben sich dieser Ehre durchaus würdig erwiesen. Noch heute sind z. B< im Archiv der Berliner Jüdischen Gemeinde zu hunderten die sehr sorgfältig überprüften Atteste vorhanden, in denen die Handlungsdiener und Buchhalter, die jüdischen Köchinnen und Dienstmädchen u. a. sich über ihre Herkunft, ihren Beruf und ihren Leumund auszuweisen hatten. Damals für einen aktuellen Zweck beigebracht, sind sie heute eine für die Erkenntnis der Dinge und Menschen jener Zeit aufschlußreiche Geschichtsquelle geworden. Die von allen Beteiligten mit Ungeduld erwarteten Ausführungsbestimmungen brachten die Instruktionen vom 25. Juni 1812. In den Vorverhandlungen zu diesen Instruktionen hatte die Frage der Festsetzung von Familiennamen eine wichtige Rolle gespielt. Von den Meinungsäußerungen ist die des Geh. Staatsrats v. Schuckmann, des Chefs des Allgemeinen Polizeidepartements im Ministerium des Innern, hervorzuheben. Er war dafür, und so wurde auch verfügt, daß Familien, die schon einen bleibenden Geschlechtsnamen früher angenommen hatten, in der Regel diesen Namen beibehalten sollten. Andererseits sprach er sich, um die Unterschiedlichkeit der Familien festzuhalten, dagegen aus, daß Juden solche Namen annähmen, „welche ohnehin schon sehr häufig in der Nation Vorkommen, namentlich nicht Schulz oder Scholz, Müller JÜDISCHE CHRONIK. ln Oesterreich wurde eine neue Verfassung auf ständischer Grundlage eingeführt, die im Prinzip an der Gleichberechtigung aller Bundesbürger festhält. Ausnahmebehandlungen sina nur zulässig, wenn „sachliche Gründe sie rechtfertigen". Dr. A. S a n d I e r, Vorstandsmitglied der Berliner Jüdischen Gemeinde, wohnte als Vertreter der Berliner Jüdischen Gemeinde den Jubiläumsfeierlichkeiten anläßlich des fünfundzwanzigjährigen Bestehens der Stadt T e I - A v i v bei. In Warschau und B i a I y s t o c k kam es infolge Auftretens von Hetz-Wanderrednern zu pogromartigen Unruhen, bei denen mehrere jüdische Einwohner schwer verletzt wurden. Beim Kentern eines Fischerbootes in der Haifabucht geriet ein arabischer Knabe in Lebensgefahr,- eine aus Deutschland stammende jüdische Sportlehrerin schwamm zur Hilfeleistung hinaus,- es gelang ihr, den Jungen zu retten, sie selbst ertrank dabei. Die jüdische Buchvereinigung in Berlin erwarb für ihre Mitglieder den großen, nachgelassenen Roman Jakob Wassermanns, „Kerkhovens dritte Existenz". In Berlin starb 83jährig der Geheime Regierungsrat Professor Dr. Max Friedländer, ein Musikgelehrter von Weltruf und einer der bedeutendsten Erforscher des Volks- und Kunstliedes in Deutschland; seit 1904 Ordinarius an der Berliner Universität, wurde er 1906 Vorsitzender der von Wilhelm II. eingesetzten staatlichen Kommission für die Herausgabe deutscher Volkslieder. Einige seiner Bücher, vielfach übersetzt, gelten als Standardwerke deutscher Musikforschung. Der pol nische Staatspreis für die hervorragendste literarische Leistung des Jahres 1933/34 wurde dem polnischen Historiker und Diplomaten Professor Dr. Simon Askenazy verliehen,- berühmt wurde das poetisch-historische Monumentalwerk des polnisch-jüdischen Gelehrten über „Napoleon und die Polen". Die amtliche englische Statistik veröffentlichte einen Bericht, demzufolge 178 aus Deutschland ausgewanderten Wissenschaftlern eine Weiterarbeit an englischen Universitäten ermöglicht werden konnte. Die „Times1* schrieb in 'einem Leitartikel, daß diese Gelehrten nach allgemeinem Urteil Bedeutendes leisteten und mannigfache neue Anregungen gäben. Die österreichische Regierung gratulierte in einem offiziellen Schreiben zum 85. Geburtstage des Wiener Ehrenbürgers Johann Kremenetzky, des österreichisch-jüdischen Großindustriellen und Bahnbrechers der Glühlampenindustrie Oesterreichs. Die sowjetrussische Regierung zeichnete die Mitglieder cfer Tscheljuskin-Expedition, unter der sich sechs Juden befinden, mit dem höchsten Orden aus. Unter den Fliegern, die mit beispielloser Heldenhaftigkeit das Rettungswerk vollbrachten und den Titel „Staatsflieger Rußlands" beka men, befindet sich auch der jüdische Pilot Jakob Piw'enstein. Der älteste Bürger Berlins, ein 103 Jahre alter jüdischer Rentier, wurde von Professor Dr. Paul Rosenstein im Berliner jüdischen Krankenhause erfolgreich einer Bruchoperation unterzogen. Der Patient wurde vollständig wiederhergestellt. Der seit 1906 als Professor und seit 1916 als Ordinarius für Zivilprozeß an der Universität Gießen tätige Professor Dr. Leo Rosenberg, ein weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannter Gelehrter, wurde in den Ruhestand versetzt. Der holländisch-jüdische Großindustrielle und Amsterdamer Ehrenbürger S. van den Berg, der Leiter der größten Margarinefabrik der Erde, eine der prominentesten Persönlichkeiten der holländischen Judenheit, war anläßlich seines 70. Geburtstages Gegenstand vieler Ehrungen. Die holländische Königin gratulierte in einem Handschreiben, das ihr Kammerherr, Graf Terlinck, persönlich überbrachte. In seiner Villa in Montecarlo starb 81 jährig Sir Harry Simon Samuel, ehemaliges konservatives englisches Unterhausmitglied und Ehrenmitglied der Londoner Gemeinde. 1903 wurde er vom König von England in den erblichen Adelsstand erhoben, 1916 in den Geheimen Staatsrat Großbritanniens berufen. Der bekannte Grazer Gelehrte, Universitätsprofessor Dr. David Herzog, Landesrabbiner für die Steiermark, erhielt die höchste österreichische Auszeichnung, das „Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich". Um die Fortsetzung der Aufbauarbeit der Berliner jüdischen Gemeinde nicht zu stören und um in heutiger schwerer Zeit die innerjüdischen Wahlkampfauseinandersetzung zu vermeiden, beschloß die Berliner Repräsentantenversammlung in Gemeinschaft mit dem Vorstand, die' Mandatsdauer beider Körperschaften um zwei Jahre, demnach bis Ende 1936. zu verlängern. Der Beschluß wurde mit überwältigender Mehrheit, mit 34 gegen 3 Stimmen, gefaßt. Der preußische Ministerpräsident verlieh dem Berliner Arzt Dr. Blumenthal-Barby, der zwei Personen vor dem Tode des Ertrinkens rettete, die Rettungsmedaille am Bande. 10