Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 12 (1934)
- Issue
- 3 (1.6.1934)
- Date
- 1934-06-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
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In gleicher Weise häuft sich der schriftliche Verkehr mit den Gemeinden, besonders auf diesem Gebiete, das nunmehr außer der Fürsorge für Arme und Kranke vor allem Umschichtung: In der Gärtnerei Kikoier auch die Stellenbeschaffung und Stellenvermittlung derer umfaßt, die ihren Arbeitsplatz verloren haben oder vor einer Berufsumschichtung stehen. Die Fürsorge für die schulentlassene Jugend in Bezug auf die Berufswahl ist eine der größten Sorgen, die uns heute bedrückt und in Anspruch nimmt und die noch keine glückliche Lösung gefunden hat. Die Sorge für die Zukunft erfordert über kurz oder lang die Gründung einer jüdischen Bezirksschule, um den Kindern durch ein wesentlich reicheres jüdisches Wissen den Kampf um ihre spätere Zukunft zu erleichtern. Vorbereitungen dazu sind im Gange. Die besonderen Verhältnisse des vorigen Jahres haben auch dazu geführt, beim Babbinat die Beratung für Auswanderung, insbesondere den Verkehr mit dem Palästinaamt zu konzentrieren. Eine ganze Anzahl Auswanderer konnte mit Rat und Tat unterstützt oder untergebracht werden. Die gemeinsame Arbeit zwischen Kahbinat und Gemeinden hat auch dazu geführt, daß das Itabhinat in den Fragen der wirtschaftlichen Erhaltung der Gemeinden immer mehr zur Beratung und Mitwirkung insbesondere aber auch zur Vermittlung zwischen dem Preußischen Landesverband und dem Gesuchstellern herangezogen wurde. In all diesen Fragen ist es nicht wenig auch das V'erdienst der Herren M. Rosenthal, Nassau und Adolf Leopold, Limburg, wenn schwierige Gemeindefragen doch noch eine gute Lösung gefunden haben. So ist "der Inhalt der Rabbinatsführung heute neben allen rein religiösen Dingen zu einem Mitwirken im Bereiche aller Lebensbelange sowohl der Gemeinden wie der Einzelnen angewachsen und muß trotz der technischen Schwierigkeiten bewältigt werden. Für die Erweiterung der finanziellen Organisation als Unterlage für diese Bewältigung hat der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden in dankenswerter Weise die notwendigen Mittel zur Verfügung gestellt. 4. Dr. Feinberg: Bezirksrabbinat Groß-Strehlitz (Oberscblesien) In einem. Bezirk, der ein Menschenalter des rabbinischen Führers entbehrte, ward der Tätigkeit der vom Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden eingesetzten Bezirksrabbiners ein großes Feld eröffnet. Galt es doch, Erwachsene und Jugend wieder mit dem Gesamtinhalt des Judentums vertraut zu machen; jüdische Lebensführung und jüdische Tugend neu zu beleuchten, an die Stelle des Gewohnheitsmäßigen zielbewußtes Denken und Handeln zu setzen, den abseits Stehenden wieder Interesse einzuflößen, die Synagogen wieder zu Stätten der Pflege von Gottvertrauen lind Gottesfurcht zu machen, die Gemeinden mit Stolz auf unsere Geschichte und mit Hoff- ' nung auf unsre Zukunft zu erfüllen. Aus dem Mannigfachen, was zur Erreichung dieser Ziele unternommen wurde, will ich im Folgenden Einiges hervorheben: Zunächst trachtete ich nach Hebung und Belebung der Andacht insbesondere am Freitagabend und Sabbatmorgen durch regelmäßige Ansprachen, durch Anregung zur größeren Beteiligung der Gemeinde am gesanglichen Teil des Gottesdienstes und durch Gründung eines Kindetchores, Wodurch auch deren Angehörige veranlaßt wurden, die Synagoge wieder aufzusuchen. Manche Fraucnsynagoge, die früher am Freitagabend geschlossen blieb, wurde so wieder geöffnet. — Da am Sabbatmorgen der Gemeindegottesdienst in der Regel erst mit dem Thoraausheben beginnt, worauf dann das Mussafgebet folgt und dieses von den Schülern nicht leicht besucht werden kann; hielt ich es für angebracht, eine besondere Schacharis-Andacht einzuführen, an der sich auch Erwachsene beteiligen. Vor Mussaf findet meistens Predigt oder Schrifterklärung statt, mit der Zielsetzung, alle Zeitfragen durch das Religiöse beleuchten zu lassen. Sonnabend nachmittag findet vor Mincha ein Vörtrag für die Jugend statt, in welchem Sidrainhalt oder Gebete besprochen werden. Von Zeit zu Zeit üben wir dabei auch Synagogen- und jüdische Tischgesänge. Dem Vortrag schließt“ sich der Mincha-Jugendgottesdienst an. Zum Ausgang des Sabbats versammeln sich die Kinder wieder, singen gemeinsam die einleitenden Psalmen und am Schlüsse singt Alter und. Jugend das schöne Lied: Hamawdil (eine Neueinführung). Eine besondere Jugendandacht wurde auch für Sonntagmorgen eingesetzt. — In den verschiedenen Gemeinden wurden Jugendbünde gegründet, die durch Vorträge und gemeinsame Spiele beschäftigt wurden. —"Für die Erwachsenen wurden durch Kurse in hebräischer Sprache, in jüdischer Geschichte und durch Vorträge über jüdische Lebens- und Weltanschauung „neue Grundlagen für die Kenntnis des Judentums geschaffen] VoiK'<Jen Feiertagen wurde deren Ideengehalt in den Vordergrundsgestellt und innerhalb der betreffenden Vortragsabende namoatUch der Seder in seinen Einzelheiten dargestellt und erläutert. Seit meinem Hiersein wird regelmäßig nach dem täglichen Abendgebet ein Abschnitt aus dem Schulchan Aruch^öder aus den Pirke Aboth vorgetragen und erklärt: — Des Ferneren ist Gelegenheit geboten, dreimal wöchentlich meinen Talmud- und Mischnavorträgen beizuwohnen. Im Unterricht wurde das Pentateuchübersetzen wieder in den Mittelpunkt gestellt und besonders jüdische Pflichterfüllung und jüdische Lebensart im häuslichen Kreise den Kindern ans Herz gelegt. — Neu eingeführt wurde auch gemeinsames Lernen in den Nächten von Schewuoth und Hoschana rabba, welches abwechselnd bei Gemeindemitgliedern stattfindet und sich reger Beteiligung erfreut. — Außer der gemeinsamen Belehrung werden auch die einzelnen Familien nach Bedarf aufgesucht und in freundschaftlicher Weise auf diesen und jenen Fehler aufmerksam gemacht und um Abstellung gebeten. — Mit gleicher Tendenz wie die Muttergemeinde werden auch die Bezirksgemeinden betreut; sie werden abwechselnd besucht, wobei in Vorträgen und Predigten die nötige Aufklärung und Belehrung gegeben wird. — Die Gegenwart mit ihren Nöten und Sorgen ist insofern für die Bestrebungen des Rabbiners ein leistungsfähiger, wenn auch unwillkommener Hilfsfaktor, als sie dazu beiträgt, die jüdischen Seelen wieder um ihr altes Panier interessevoll zu scharen. 9-