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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1934-06-01 · 3 (1.6.1934) · p. Seite 8

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
12 (1934)
Issue
3 (1.6.1934)
Date
1934-06-01
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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galt es, die Gemeinden selbst kennen zu lernen. Die erste Gelegenheit dazu ergab sich aus der Notwendigkeit gemäß den Vorschriften des Zentralkultusfonds, noch vor den Osterferien an etwa 35 Stellen Religionsschulprüfungcn abzuhalten. 13 Lehrer versahen damals diesen Religionsunterricht, heute stehen noch 11 dazu zur Verfügung. Die Schwierigkeiten dieser ausgedehnten Inspektionen ergeben sich durch die Ausdehnung des Rabßinates, das im Nordwesten in Hachenburg (Oberwesterwald), im Nordosten in Haiger (Dillkreis), im SQdosten in Schmitten (Taunus un- Umschichtung : Landwirtschaftliche Arbeit Phot Kikoier weit Frankfurt a. M.) seine Grenzen hat, während es im Südwesten mit dem Ort Welterod bis in die Nähe von Schwalbach vorstößt, um dann im Westen die Rheinlinie von St. Goarshausen bis Niederlahnstein zu halten. Innerhalb'dieser Grenzen liegen der ganze Westerwald, die Lahn von der Mündung bis einschließlich Weilburg und ver- -schiedenartig großer Einschnitte in den nördlichen Taunus. Da nur am Sonntag Gewähr gegeben war, die Gemeindemitglieder sicher anzutreffen, die Querverbindungen der Rahnen aber für die Durchführung an den wenigen Sonntagen vor Ostern unzureichend waren, mußte durch Autofahrten quer durchs Land möglichst viel an einem Sonntag erreicht werden. Das gelang auch, besonders dank auch der Mitarbeit des Synagogenrates M. R o s e n t h a 1 , Nassau, der sich persönlich an den meisten Reisen dieser Art beteiligte. Ini Anschluß an die Schulprüfungen wurden dann in fast allen größeren Gemeinden sofort größere Vorträge oder kleinere Ansprachen gehalten, in denen schon damals auf religiöse Erneuerung und die Abkehr von der bisherigen Gleichgültigkeit hingewiesen wurde. Daran anschließend wurde weitgehend die soziale Fürsorge innerhalb der Gemeinden besprochen und in die Wege geleitet. Sie hat sich nach und nach über alle Zweige dieses heute umfangreichsten Gebietes durch diese persönlichen Fühlungnahmen erweitert und ausgebaut, die Mitarbeit der Kultusvorsteher und vor allem einiger dazu fähiger Lehrer ist steigend produktiv angewachsen. Die Sommermonate und teilweise auch die Winterabende wurden dazu ausgenützt, zunächst in Bad Ems, dann aber 1 auch in Nassau und Limburg regelmäßig Bibelabende einzurichten, die erfahrungsgemäß aus der Besprechung der Ahnenvorbilder am Bibeltext (der unter Heranziehung der hebräischen Besonderheiten auf der Grundlage der Buber- Rosenzweigschen Bibelübersetzung an diesen Abenden gemeinsam gelesen wurde) nicht nur zu einer Vertiefung des jüdischen Wissens, sondern auch zu einer Erneuerung jüdischen Gefühles' und jüdischer Zusammengehörigkeit führten. Insbesondere ist dadurch die größte Gemeinde Limburg in den später einsetzenden Notzeiten zu einer weitgehenden sozialen Mithilfe wachgeworden. Der Versuch, in Ems und in Limburg hebräische Stunden einzurichten und den Geist jüdischen Wesens gewissermaßen durch die Sprache einzuführen, um auf diese Weise die Reiferen für vertiefteres jüdisches Wissen zu gewinnen — dieser Versuch konnte nur zeitweise durchgeführt werden und ist inzwischen, allerdings auch nur zeitweise durch neuhebräische Kurse an Erwachsene bzw. Schulentlassene an verschiedene Stellen unter Führung einzelner Lehrer ersetzt worden, hat aber nur in Nassau und Diez Bestand. Hand in Hand mit allen diesen Arbeiten ging eine Wiederherstellung der Einheitlichkeit des Kultus im ganzen Bezirk, wenn auch die Verschönerung des Gottesdienstes zum Beispiel an verschiedenen Stellen mangels mitwirkender, ausübender Kräfte noch immer sehr zu wünschen übrig läßt. Es kann nicht ungesagt bleiben, daß jüdisch-religiöses praktisches Wissen fast nur hei den allen und ältesten Leuten zu finden ist, während erst die nenheranwarhsende Jugend wieder von einem Hunger nach und dem entsprechenden Lerneifer für jüdische Dinge beseelt ist. Die Produktivität des Lehrermaterials hängt nicht von dem Alter ab, älteste und jüngste Lehrer vereinigen sich zu besonderen Leistungen auf allen Gebieten, sofern ihnen ein Idealismus für die schwierige Aufgabe der Jugenderziehung innewohnt; natürlich ist ein gewisser Materialismus der Einstellung als Hinderung einzelhaft zu verzeichnen, jedoch liegt die tiefere Schuld an solchen Ausnahmefällen nicht nur bei den Trägern dieses Berufes, sondern auch bei der Tatsache, daß die Gemeinden in früheren Jahren die Aufgabe der Lehrer nicht genügend gewertet und unterstützt haben. Die Verknüpfung der sozialen Arbeit mit der Organisation des Landesverbandes für jüdische Wohlfahrtspflege in Hessen-Nassau mit dem Sitz in Frankfurt a. M., die ursprünglich im argei) lag, äst nach und nach-zu vorzüglicher Zusammenarbeit gelungen. Besonderes Verdienst kommt darin der leider so früh verstorbenen Trude Stern zu. die während der kurzen Zeit ihrer Tätigkeit Hand in Hand mit dem Rabbinat die soziale Vorarbeit im Bezirk mit großem Verständnis aufnahm und weiterführte. Die Neubesetzung in Frankfurt a. M. ist eine Gewähr dafür, daß diese Zusammenarbeit nicht mehr verloren geht. Die für die sozialen Belange notwendigen erheblichen finanziellen Unterlagen mußten zeitweilig vom Rabhinat in persönlicher Arbeit von Haus zu Haus beschafft werden und sind auch beschafft worden. Da in der heutigen Zeit außer gottesdienstlichen Vorträgen wenig oder fast gar keine Gelegenheit zu größeren Versamm- Umschichtung: In der Schmiede Phot- Kikoier lungen gegeben ist, so ist die Beratung in allen sozialen Belangen, besonders in Limburg für die näheren und weiteren Orte der Umgebung zur Regelmäßigkeit geworden. 8

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