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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1934-06-01 · 3 (1.6.1934) · p. Seite 5

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
12 (1934)
Issue
3 (1.6.1934)
Date
1934-06-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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vollen Mißbilligung seines Vaters — kindliches Spiel treibt. Für die Alten waren die Berichte der Bibel selber die Hauptsache, sie verstanden die abkürzende Großzügigkeit, für den Modernen haben die Berichte Lücken und Unstimmigkeiten, die . für die ergänzende Auffüllung aus Archäologie und Geschichte, Völkerpsychologie und Religionswissenschaft Spielraum lassen. Man vergleiche — im zweiten Band „Der junge Joseph“, — einmal die entsprechenden Stellen mit dem Buch der Bücher. Da steht nur: Jaakob schenkte Joseph einen bunten Rock. Da steht nur: Jaakob schickte Joseph zu seinen Brüdern. Da steht nur: die Brüder tauchten den Rock in das Blut eines geschlachteten Bocks. BeiThomas Mann ist jenes Geschenk das Schleiertuch, das Lea bedeckte, als erRahel zu umarmen wähnte —diesGeschenk entfacht den Neid der Brüder zur Siedehitze, dies Geschenk veranlaßt den Vater, Joseph zu seinen Brüdern zu schicken,damit eine versöhnlichere Stimmung wieder aufkomme,dies Geschenk endlich tauchen die Brüder in das Bocksblut und lassen es Jaakob weisen. An dem Schleiertuch hing so eine Art Erstgeburtsrecht. Die Erstgeburt aber ist - so etwas wie ein Verhängnis, das unter den Nachkommen Abrahams umgeht wie der Fluch im Hause der Atriden oder im Nibclungengeschlecht: Ismael und Isaak; Jaakob und Esau; Joseph und Rüben. Der Dichter weist nach, wie ein Vorgang immer Spiegelung eines noch älteren ist, eine besondere Kunst der Einfühlung in die jüdische Art, im Vergleich zu denken, ein Verfahren, sich die Welt des Mythischen zu erschließen, in jene Bezirke vorzudringen, welche die gemeinsame Wurzel der Entsprechungen in der jüdischen, babylonischen, ägyptischen und griechischen Sagenkunde führen. Jaakob ist für Thomas Mann die erste biblische Gestalt, die statt der typischen individuelle Züge trägt; der israelitische Monotheismus löst sich gerade von den orientalischen Mythen los, es gibt noch Restbestände in dieser historischen Zeit, in welcher der Joseph-Roman (dessen dritter abschließender Band im Herbst erscheinen wird) spielt, zu einer Zeitenwende, die den Vorgängen ein besonderes Zwielicht gibt — seit Hebbel hat kein Dichter diesen Kunstgriff so folgerichtig angewendet. Thomas Manns Wendung zum Mythos ist eine Sehnsucht unserer Zeit, und wenn der Dichter der väterlichen Ahnenreihe Josephs nachgeht, entspricht er der heute gern geäußerten These, daß die. Geschichte eines Menschen in seinem Volke anfange. Ein nach Bindungen Sehnsüchtiger kehrt in den Orient ein, „Patriarchenluft zu kosten“, schenkt seiner Zeit und seinem Volk eine großartige Legierung von antiker Volksepik und moderner Romankunst, von deutschem und jüdischem Geist. Seit zehn Jahren arbeitet Thomas Mann an diesem Werk, seit fünfundzwanzig Jahren Richard Beer- Hofmann an der „Historie von König David“, deren Vorspiel „Jaakobs Traum“ und deren erster Teil „Der junge David“ vor kurzem erschienen ist. (Mit zwei Stücken „König David“ und „Davids Tod“ plant der Achtundsechzigjährige die Trilogie abzuschließen.) Ein Ringen mit dem Werk, das an eines Flaubert priesterliche Künstlerschaft gemahnt, die dem heiligen Gegenstände angemessen ist und Anspruch darauf hat, daß wir diese Reihe „Neue biblische Dichtung“ mit dem christlichen Deutschen Thomas Mann und dem deutschen Juden Richard Beer-Hofmann beginnen, Richard Beer- Hofmann unternahm es — 1909—, ein jüdisches Nationaldrama zu dichten —- in deutscherSprache. Für eine Nation, die es nichtmehroder noch nicht gibt, in Versen, die zum Kostbarsten gehören, was die deutsche Sprache in Jahrhunderten hervorgebracht hat. Die dramatischen Vorgänge haben soviel Bühnengegenwarf, daß sie auch in anderem Sprachleib denkbar und einprägsam wären, es wäre aber Zufall und Glücksfall, wenn es als dramatisches Wortkunstwerk in anderer Sprache erstehen könnte. Der Fall liegt ähnlich wie bei jenen deutschen Dichtern, die im frühen Mittelalter lateinisch dichteten (Walthari-Lied u. a.) und deutsch in ihrem Kern waren und doch wieder anders: damals war Latein die Weltsprache und ihre eigenste Schönheit erschließt sich erst in der deutschen Nachdichtung. Für Beer-Hofmanns David-Drama gibt es keine internationale Sprache und an die deutsche ist ihr lebendiger Zauber gebunden. Und doch ist sie zutiefst jüdisch. Der katholische Theologe und- Philosoph Theodor Haecker sagt einmal: „Das Tragische ist das Stigma des echten Heidentums . . . das Judentum war allein durch 'die frühzeitige und besondere Offenbarung dessen, der da sagt: ,Ich bin, der ich bin', über diese allgemein menschliche Kategorie des Tragischen hinausgehoben . . . wiewohl seine Geschichte, auf das Heidnische reduziert . . . tragischen Stoff — allein im Leben Davids des Königs! — im Ueberfluß gehabt hätte. Die Juden haben im Hohen Lied und in den Psalmen die gewaltigste Sprachkunst geschaffen, die die Menschheit kennt, und sie haben die dramatischeste Geschichte gehabt und haben sie noch am heutigen Tage und werden sie bis zum Ende haben, aber sie haben keine einzige Tragödie -'S Lesser Ury: David rer*--' iS**’. 5

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