Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 12 (1934)
- Issue
- 3 (1.6.1934)
- Date
- 1934-06-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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schieden haben. Und schließlich gibt es auch Orte, in denen man einer klaren Entscheidung aus diesen oder jenen Gründen bisher aus dem Wege gegangen ist. Für das, was der Redner des Landesverbandes von der wirtschaftlichen Aufbauarbeit der jüdischen Zentralstellen zu sagen hat, spielen diese Unterschiede jedoch keine Rolle —: er wird' einerseits objektiv zu berichten haben, daß diese Stellen sich tatkräftig aller derer angenommen haben, die nach Palästina übersiedeln wollen, und andererseits sind die Zuhörer, -einerlei ob Zionisten oder nicht, sich einig darüber, daß die weitaus meisten deutschen Juden, auch ' diejenigen der Jugendgeneration, in Deutschland werden verbleiben müssen, und so ist das Thema „Wiederaufbau des deutschen Judentums“ kein ^sogenanntes Partei-Thema, sondern es erweckt in allen Hörern ohne Unterschied neuen Glauben, neue Hoffnung und vor allem neuen Arbeitswillen, an dem Wiederaufbau unserer Existenz hier in Deutschland mitzuschaffen. Ueberallhin haben diese Abende die Kunde von der ungeheuren Arbeit der Männer gebracht, die in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und in den von ihr geschaffenen und geführten Zentralstellen geleistet wird, allen voran vom Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden, von der Zentralstelle für jüdische Wirtschaftshilfe, von der Zentralwohlfahrtsstelle, vom Zentralausschuß der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau'und von der Reichsvertretung der deutschen Juden. Mit größter Freude und Genugtuung hat man draußen im Lande gehört, daß es kein Gebiet jüdisch-wirtschaftlicher Art gibt, auf dem wir nicht Erfolge aufzuweisen hätten, und daß auch auf jüdisch-geistigen Gebieten Bemühungen um Wiederaufbau eingesetzt haben. Einen solchen Versuch — und bestimmt einen gelungenen — stellen auch diese vom Landesverband veranstalteten Kulturfahrten dar. Sie haben den vom Schicksal besonders vernachlässigten Glaubensgenossen in den Kleingemeinden das Gefühl wiedergegeben, daß sie, trotz örtlicher Versprengtheit, einer großen Gemeinschaft angehören, die an sie denkt, die für sie arbeitet, die sich ihrer annimmt. Diese Fahrten haben höchste und beste Kunst in die durch geistiges Darben doppelt empfänglichen Gemüter gebracht, so daß mancherorts die Kürze des den Vortrag einrahmenden künstlerischen Teils offen bedauert wurde, und sie haben schließlich auch — da der Bericht über die jüdisch-soziale Arbeit von jüdisch-kulturellen Gesichtspunkten ausgehen und zu jüdisch-geistigen Aspekten hinführen mußte — Erhebung, Aufrichtung und Aufschwung dorthin gebracht, wo bisher die Vereinsamung und daher die Resignation am stärksten gewesen waren. So erweist sich das, was anfangs nur als eine „wirtschaftliche Maßnahme zwecks Lastenausgleichs bei der Befriedigung geistiger Bedürfnisse“ erschien, als eine seelsorgerische und kulturelle Gemeinschaftstat größten Stiles. Die Gemeinden, die den Segen dieser Tat genossen haben, haben es ganz offen ausgesprochen, daß sie den Ausbau dieser Kulturfahrten zu einer ständigen Einrichtung erwarten, und der Landesverband selbst denkt darauf, recht bald auch die Provinzen bereisen zu lassen, die bisher noch ausgelassen werden mußten. Jawohl, nicht nur die großen Gemeinden, die an den Eisenbahnstrecken der internationalen Schnellzüge liegen, nein, auch die Seitenstrecken sollen befahren werden. Der Segen solcher „innerjüdischen Missionsarbeit“ wird nicht aushleihen. VI. Ein Letztes muß hier noch, wenn auch nicht behandelt, so doch erwähnt werden. Wir haben nicht nur gebracht, wir haben auch mitgenommen —: in jeder Stadt haben wir in den Privatgesprächen mit Gemeindeführern, mit dem Rabbiner oder Lehrer, mit Gemeindemitgliedern und Jugendlichen von Wünschen erfahren, deren Erfüllung vom Landesverband erwartet wird, und wir haben auch manches selber beobachtet, was der weiteren Behandlung und Bearbeitung wert erscheint. Einiges davon soll in besonderen Aufsätzen in dieser oder in anderen jüdischen Zeitungen behandelt werden, nichts aber soll unausgewertet bleiben. Es gibt heute keinen scheinbar noch so geringfügigen Nebenumstand im jüdischen Leben, der nicht bei unserm Wiederaufbau berücksichtigt werden müßte. Unsere Lage ist schwer, aber nicht traurig. Denn alles — alles, was wir sind und haben — dient heut als Material für unsere Zukunftsarbeit. Das soll sehr bald in diesen Blättern ausführlicher dargestellt und es sollen dabei noch manche Einzeltatsachen geschildert werden, von denen wir beim Befahren der Seitenstrecke Kenntnis erlangten. „Kein Körnchen geht verloren“, heißt es; uns selber aber obliegt es heute, dafür zu sorgen, daß keins verloren geht, daß alles gesammelt, verarbeitet und mit Nutzen verwendet wird. Neue biblische Dichtung Von Dr. Lutz Weltmann, Berlin. I. Thomas Manns Joseph-Roman und Richard Beer-Hofmanns David-Drama.*) „Höchst anmutig ist diese natürliche Erzählung, nur erscheint sie zu kurz und man fühlt sich berufen, sie ins einzelne auszumalen“, sagt Goethe über die Geschichte Josephs. Thomas Mann ist Vollzieher eines goethischen Auftrags, wenn er zwischen den Zeilen der Josephslegende liest und die Fabel mit eigener Phantasie und den Ergebnissen wissenschaftlicher Forschungen ausgestaltet. Biblische Themen sind in der deutschen Dichtung, besonders seit Luther, nicht selten. Thomas Mann steht in einer Reihe mit Goethe, der die Bibel nicht nur das Buch eines Volkes, sondern aller Völker nannte, und Nietzsches, der sie über Homer und die Veden stellte. Die Bibel erzählt, daß Rahel ohne Jaakobs Wissen Labans Götzen auf der Flucht mitnahm; für Laban ist der unsichtbare Gott eine Gottheit neben anderen, mit der man sich am besten gutstellt, er ist im Grunde ein Heide — wie jene Römer, die bereit waren, Jehova und Osiris neben ihren Göttern anzubeten. Labans Tochter Rahel ist vom Gotteserlebnis ihres Gatten nicht unberührt geblieben, aber — kommentiert Thomas Mann — ein gewisses Julius Rosenbaum: Joseph wird von seinen Brüdern verkauft. Sicher-ist-sicher heißt sie, den Diebstahl an* ihrem Vater zu begehen. Ihr Sohn Joseph wird vom Dichter eingeführt, indem er mit babylonisch-heidnischen Kulten — zur liebe- *) Erschienen bei S, Fischer, Berlin. 4