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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1934-06-01 · 3 (1.6.1934) · p. Seite 3

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
12 (1934)
Issue
3 (1.6.1934)
Date
1934-06-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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zu bUtlern. Gegenfiber jener „Uebersättigung“ in den Großstädten besteht in den Mittel* und Kleingemeinden ein wahrer Heißhunger nach jüdischen Veranstaltungen, nach geistiger und künstlerischer Kost Und Anregung, und doch konnte bisher kein Weg gefunden werden, um das vorhandene Bedürfnis der Kleingemeinden mit den berechtigten Ansprüchen der „Produzenten“ in Einklang zu bringen. ( III. Nun ist es bekannt genug, daß der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden in allererster Linie geschaffen worden ist, um einen Lastenausgleich zwischen den großen und kleinen Gemeinden herbeizuführen. War dabei ursprünglich auch nur an die reinen Gemeindelasten, an Religionsunterricht, Aufrechterhaltung des Gottesdienstes, des Friedhofes, der rituellen Einrichtungen und an die Beamtenbesoldung gedacht gewesen, so mußte doch der Landesverband seine Aufgabe — oder vielmehr die durch die neue Zeit gestellten neuen Aufgaben — schlecht erkannt haben, hätte er nicht auch auf dem Gebiete des jüdischen Geisteslebens die Rolle einer Lastenausgleichstelle übernommen und in die kleinen und kleinsten Städte „Kulturfahrten“ unternommen: ein Sänger, ein Pianist, ein Redner — so zogen wir als ganz neuartiges Trio hinaus nach Ostpreußen, und zur selben Zeit gingen ähnliche Geistes-Expeditionen in die Provinzen Grenzmark- Pommerellen und Brandenburg. — Die begeisterte Aufnahme, die wir überall fanden, und die nicht minder begeisterten Dankbriefe, die nach unserm Erscheinen aus den Gemeinden an den Landesverband gerichtet wurden, zeigen, wie sehr er hier eine wahrhaft brennende geistige Not gestillt, ein kulturelles Bedürfnis befriedigt hat und seiner Aufgabe als Schutzpatron der Glaubensgenossen in den kleinen Gemeinden gerecht gewordeu ist. IV. Welches sind nun die Erfahrungen und Ergebnisse dieser Kulturfahrten? Man muß wohl dreierlei unterscheiden: den unmittelbaren Verlauf und Eindruck der einzelnen abgehaltenen Veranstaltungen in jedem Ort; das festere Zusammengehörigkeitsgefühl und Vertrauen, das durch unser Erscheinen die Gemeinden zum Landesverband und zu den großen jüdischen Zentralstellen gewonnen haben, und die Berichte, die wir aus den Gemeinden — sei es über gerade aktuelle Einzelvorkommnisse, sei es über die Gesamtlage — nach Berlin erstatten konnten. V. lieber den unmittelbaren Verlauf und Eindruck der Veranstaltungen zu schreiben, ist nicht ganz einfach für Einen, der selber „Mitwirkender“ gewesen und der zudem doch auch nur über seine eigene Tournee berichten könnte, wodurch die Damen und Herren, die in die anderen Provinzen gereist waren, mit Recht sich benachteiligt fühlen würden. Aber immerhin: gewisse Dinge dürften überall dieselben gewesen sein, und so weiß der Leser, daß wenn ich hier von uns drei Ostpreußenfahrern spreche, es nur geschieht, um für das zu sagende Allgemeine die konkreten Beispiele zu bringen, und das können eben nur diejenigen iein, die ich selber erlebte. Der Landesverband hat also, das wurde schon gesagt, den Gemeinden die Finanzierung dieser Vorträge abgenommen;, gemeinsam mit dem Zentralausschuß der deutschen luden für Hilfe und Aufbau hat er die nicht unerheblichen Fahrtkosten für diese bis an die äußerste Ost- und Nordostgrenze des Reiches führende Reise, ebenso für die Verpflegung und Honorierung während der mehr als zweiwöchigen Fahrt aufgebracht. Von den Gemeinden wurde nichts weiter verlangt ab die Unterbringung der Herren und die Beschaffung des Vortragsraumes sowie eines geeigneten Instruments. Das alles war so gut wie kostenlos für die Gemeinden; denn als Ort der Veranstaltung wurde sehr oft die Synagoge gewählt, die damit ihren einstigen Charakter als Befh-ha-K’neßeth, als Versammlungshaus, zurückerhielt, das Haus des jüdischen Gottesdienstes, äußerlich und symbolisch zugleich, zum Haus der jüdischen Wirklichkeit wieder werden ließ. Und die Unterkunft wurde fast überall von einigen wohlhabenderen Gemeindemitgliedern freudigst gewährt; aber auch dort, wo die Gemeinden uns Hotel-Unterkunft bestellt hatten, waren die dadurch entstandenen Ausgaben nur gering — sowohl absolut genommen, als auch im Vergleich zu den den Gemeinden vom Landesverband abgenommenen Reisekosten. Hindernisse entstanden — ebenso seltsam wie unerwartet — manchmal nur bei der Beschaffung des Instruments. Eine Orgel ist in diesen kleinen Synagogen fast nirgends vorhanden, auch ein Harmonium wird im Gottesdienst nie oder selten benutzt. Die örtlichen Instanzen, die ein solches nun eilig beschafften, waren aber in Kunstdingen nicht immer bewandert genug, um zu wissen, daß ein Harmonium nicht nur hingestellt werden, sondern daß es auch spielbar sein muß! Da gab es denn bei den Proben manche unliebsame Ueberraschung. Denn mit Recht stellten sich unsere beiden Künstler, der in ganz Ostpreußen bekannte und beliebte Tenor Max Mansfeld und der ganz ausgezeichnete Pianist Paul Lichtenste r n, auf den Standpunkt, daß gerade für die Zuhörer in den kleinen Gemeinden, gerade dort, wo vielleicht im ganzen Jahre nur ein bis zwei Veranstaltungen stattflnden, nur das Allerbeste gut genug ist! Darum jedesmal, vor jeder Veranstaltung: Probe, Erprobung des Raumes, der Akustik, des Instruments! Uebrigens darf auch ich von mir sagen, daß ich in jeder Stadt die Vor- und Nachmittagsstunden benutzte, um die besondere Situation und Psyche der jüdischen Einwohner zu erforschen, so daß ich — obwohl mir vom Landesverband für alle Veranstaltungen das eine gleiche Thema „Wiederaufbau des deutschen Judentums“ vorgeschrieben war — doch jedesmal einen völlig neuen Vortrag hielt, zu jeder Gemeinde von ihren Sorgen, von ihren Nöten, von ihren Angelegenheiten sprach, um so ein ganz persönliches Band zwischen jedem einzelnen Gemeindemitglied und dem Landesverband zu knüpfen. Nur so auch ließen sich die großen Erwartungen befriedigen, mit denen man uns entgegenkam: fast überall waren die Gemeinden vollzählig erschienen, auch aus zum Teil weit abgelegenen Nachbargemeinden waren Jung und Alt herbeigeeilt: per Auto, per Rad und zu Fuß! Und überall waren es andere Menschen, in dem kleinen Oertchen Kaukehmen (an der Memel-Grenze) z. B. sind die Juden Kleinbürger und Arbeiter, rührend einfach und tief gläubig; Tilsit unter der Führung des Rabbiners R ö s e 1 ist eine orthodoxe Gemeinde moderner Prägung; der Grenzcharakter der Stadt Eydtkuhnen hat auch den—dort lebenden Juden seit Generationen sich auf- und eingeprägt, und wieder andere Gemeinden, wie z^ B. Insterburg, Elbing oder Marien werder, sind in der Hauptsache aus fein kultivierten Kreisen des „oberen“ Bürgertums und aus solchen des Mittelstandes zusammengesetzt. Und das heute wieder besonders fühlbar gewordene einheitliche jüdische Sonderschicksal — überall trägt es Lokalkolorit, überall wirkt es sich anders aus, je nach der beruflichen Struktur der einzelnen jüdischen Gemeinde und nach der Gesamtsituation der Stadt. Bemerkenswert ist auch die Rolle, die die innerjüdischen Fragen in den einzelnen Gemeinden spielen: die meisten Gemeinden werden von Männern deutsch-jüdischer Denkart geführt, und auch die Jugend ist dort so fest mit dem deutschen Heimatboden, ja sogar mit dem der heimatlichen Provinz verwachsen, daß sie entschlossen ist, sich hier ihren Zukunftsweg zu bahnen! Aber es gibt auch einige Gemeinden, in denen die nach Zahl und Qualität führenden Kreise sich für den Zionismus ent- 3

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