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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1934-05-01 · 2 (1.5.1934) · p. Seite 6

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
12 (1934)
Issue
2 (1.5.1934)
Date
1934-05-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Die Not der kleineren Gemeinden. Von Landgerichtsrat i. R. Dr. Arthur Lilienthal. Der Umschichtungsprozefi, den das deutsche Judentum zur Zeit in allen Richtungen durchmacht, findet seinen Ausdruck, in besonderem MaBe auch in der örtlichen Verteilung der deutschen Juden. Wenn es vielfach als ein besonderes Charakteristikum des Judentums angesehen wurde, dafi die Juden sich in wenigen größeren Gemeinden zusammenballen, so war das jedenfalls bisher durchaus nur sehr beschränkt richtig. In vielen Gegenden Deutschlands — es sei z. B. auf die beiden Hessen hingewiesen, keineswegs aber auf sie allein — sind die Juden auf eine große Zahl ganz kleiner, kleinerer und kleiner mittlerer Gemeinden zerstreut. Und diese Kleingemeinden sind bisher ein ganz wesentlicher Teil des deutschen Judentums nicht nur für seine materielle und soziale, sondern auch für seine geistige und seelische Struktur. Mag für die Außenwelt ausschließlich das großstädtische Judentum das Gesicht des Judentums bestimmt haben, hier lag eine Reserve psychischer Kraft, die gegenüber manchen Oberflächenerscheinungen von großer Bedeutung werden zu können schien. Aus dieser Stärke ist heute ein ungeheurer Notstand geworden. Alle wirtschaftliche Not des deutschen Judentums, jede Erschwerung der wirtschaftlichen Lage der deutschen Juden, jede allgemeine wirtschaftliche Schwierigkeit, sie trifft mit voller Wucht immer wieder die Großzahl der kleinen Gemeinden. Es ist klar, daß auch hier die Dinge nicht überall gleich liegen. Aber es ist eine Tatsache: Die große Mehrzahl der kleinen und kleineren mittleren Gemeinden befindet sich im Niedergang. Die Gründe sind klar: Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten sind — nicht überall, aber in einer großen Mehrzahl der Fälle — für jeden einzelnen besonders groß. Die besteuerbaren Einkommen - gehen zurück. Gerade die größeren Steuerzahler verlassen die Gemeinden, in denen« sie eine Grundlage für eine fruchtbare Tätigkeit nicht mehr zu sehen glauben. Tagtäglich sitzen wir im Landesverband vor den Steuerlisten der Gemeinden und sehen, wie die Steuerkraft der Gemeinden zusammenschmilzt. Gesamtheit und jede einzelne Gemeinde selbst spannen alle Kräfte an, um den schlimmsten Auswirkungen dieser Entwicklung entgegenzutreten. Es soll hier nicht von dem Kampf gegen die Not der einzelnen Gemeindemitglieder, von der Bemühung um Aufrechterhaltung. oder Neuschaffung von Existenzen die Rede sein, sondern davon, was aus den Gemeinden selbst, d. h. was aus den unmittelbaren örtlichen Aeußerungen jüdischen Gemeinschaftslebens unter diesen Umständen wird. Nur Anspannen der Kräfte der Gesamtheit und Anspannen der eigenen Kraft gleichzeitig können helfen. Es geht ja nicht um die Not einzelner Menschen und Gemeinden, sondern um einen Teil der jüdischen Gesamtnot in Deutschland. Als solche muß sie verstanden, als solche muß sie bekämpft werden. Jeden geht an, was hier in einem Teil des deutschen Judentums vorgeht. Jeder, dem es noch irgend besser geht, muß zur Behebung dieser Teilnot beitragen. Die größeren Gemeinden und besonders die Großgemeinden stellen denn auch dem Landesverband als Beiträge die Mittel zur Verfügung, aus denen er helfen kann. Ef muß aber noch mehr als bisher im Bewußtsein jedes] einzelnen Juden verankert sein, daß er nicht mir verpflichtet ist, zu den Bedürfnissen seiner Gemeinde beizutragen, sondern auch für die Zwecke der Gesamtheit, im besonderen auch für die Bedürfnisse der Kleingemeinden, dife nur mit seiner Hilfe aufrecht zu erhalten sind. Erst dann ist der sichere Boden bereitet, auf dem das irgend Mögliche und Nötige für die Gesamtheit geleistet werden kann. Die Kraft der Gesamtheit aber beruht auf der Anspannung der Kräfte jedes einzelnen. Jeder muß der Gesamtheit zunächst damit dienen, daß er in seinem Kreise das Notwendige und das für die engere Gemeinschaft, in die er gestellt ist, Unerläßliche tuL Und so müssen die kleinen Gemeinden trotz aller Not das Aeußerste aus eigener Kraft tun, um zur Aufrechterhaltung des Gemeindelebens beizutragen. Das geschieht in der Tat. Gewiß gibt es wie stets unrühmliche Ausnahmen, in denen ein wirklicher Opferwille schmerzlich zu vermissen ist. Wenn aber gelegentlich Mitglieder großer Gemeinden meinen, es ginge den Mitgliedern der kleinen Gemeinden in der Heranziehung zu den Gemeindelasten weit besser als ihnen, so geschieht damit der übergroßen Mehrzahl der kleinen Gemeinden bitter Unrecht. Durch wessen Hand täglich die Gemeindeetats vieler kleinen und kleinen mittleren Gemeinden gehen, der weiß, was hier an Kultussteuern von notleidenden Gemeindemitgliedern verlangt und auch, geleistet wird. Die Steuersätze gehen vielfach ins Ungemessene. Und der jüdische Großstädter würde trotz aller Erhöhungen der Steuersätze auch in den großen Gemeinden für völlig unerträglich halten, was hier ganz alltäglich verlangt wird. 40%, 60% der Einkommensteuer sind durchaus normale Belastungen; 80% nichts seltenes; auch Steuersätze von 100% und mehr kommen vor. Darüber hinaus haben die Gemeinden gelernt, alle Steuerquellen, die in Frage kommen, auszuschöpfen. Vor allem die Erhebung von Zuschlägen zur Vermögenssteuer und die Erhebung einer Kopfsteuer tragen dazu bei, die finanzielle Kraft der Gemeindemitglieder bis zum äußersten nutzbar zu machen. Vielfach sind gerade die kleinen Gemeinden geradezu erfinderisch in der Konstruktion neuer Besteuerungsmaßstäbe. Daß ihnen in der Frage der Besteuerung im Landesverband jHilfe und Rat zur Verfügung stehen, bedarf keiner Erörterung. In den Fällen, in denen, was immerhin vorkommt, eine Steuererhebung nach festen Maßstäben nicht erfolgt, sondern die Kultussteuer durch Schätzung festgesetzt wird, wirkt der Landesverband meist auf die Einführung eines geordneten Besteuerungssystems hin. Man soll aber nicht meinen, daß die Schätzung immer identisch mit nicht genügender Besteuerung ist. Gelegentlich wird gerade auf diesem Wege, dessen Bedenken in vielen Beziehungen gewiß keineswegs zu verkennen sind, das Mögliche aus der Gemeinde herausgeholt. Was geschieht nun und was kann geschehen? Entscheidend ist, daß in jeder Gemeinde für Religionsunterricht, also für die jüdische Unterweisung der Kinder gesorgt wird. Ferner muß da, wo die Voraussetzungen dafür vorliegen, ein Gottesdienst ermöglicht werden. Gewiß wäre es ideal, wenn jede Gemeinde einen eigenen Beamten hätte, der diese Funktion erfüllt, der darüber hinaus der Gemeinde ein Berater und der Mittelpunkt jüdischen Lebens in der Gemeinde ist. Der harten Tatsache aber müssen wir ins Auge sehen: Das deutsche Judentum ist jetzt nicht in der Lage, diesen Idealzustand herzustellen. Auch wenn man von den ausgesprochenen Zwerggemeinden absieht, gibt es nur eine Lösung: Die Bildung von Gemeindebezirken. E i n Beamter muß den Religionsunterricht in einer ganzen Anzahl von Gemeinden erteilen; er muß, soweit ein Gottesdienst in Betracht kommt, auch abwechselnd den Gottesdienst abhalten. Nur so ist es möglich, dafür zu sorgen, daß jedes jüdische Kind eine Unterweisung erhält, daß das religiöse Leben, soweit irgend möglich, aufrecht erhalten wird, daß überall besonders die Kinder nicht führer- und* haltlos bleiben. So ist denn heute weitgehend Preußen in solchen 6

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