Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1934-05-01 · 2 (1.5.1934) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
12 (1934)
Issue
2 (1.5.1934)
Date
1934-05-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/10279732-10279737-10021657--007-3980771
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

mittelt werden konnte, darüber im einzelnen zu berichten, wird späteren Einzeldarstellungen Vorbehalten bleiben dürfen. Nur summarisch soll festgestellt werden, daß, wenn auch freilich nicht immer befriedigende Lösungen herbeigeführt werden konnten, so doch in tausenden von Fällen durch Raterteilung und Interventionen an zuständigen Stellen, durch Kreditgewährung oder materielle Zuschüsse Existenzen erhalten, gefördert oder begründet wurden. Diese Arbeit, die von Menschen verschiedenster jüdisch-politischer Anschauungen einträchtig geleistet Jüdische Siedler wurde, muß ein Wegweiser auch für die Arbeit der Zukunft sein. Die Zeiten sind vorbei, in denen sich jüdische Arbeit in jüdisch-politischen Auseinandersetzungen erschöpfte. Taten, nicht Worte haben zu gelten. Und wenn auch keineswegs die verschiedenen Auffassungen über Sinn und Zukunftsweg des Judentums übersehen werden dürfen, ja, wenn sogar gesagt werden darf, daß ihnen in der Gegenwart erhöhte Bedeutung zukommt, so kann doch andererseits kein Zweifel darüber obwalten, daß in der wirtschaftssozialen Arbeit gemeinsames Handeln geboten ind möglich ist. Es hat zeitweise Phantasten im jüdischen Leben gegeben, die auch in Deutschland eine Art jüdische Wirtschaftsautarkie planten. Alle verantwortungsbewußten Stellen haben sich derart unsinnigen Plänen jederzeit versagt. Alle jüdische Wirtschaftsarbeit in Deutschland muß darauf gerichtet sein, die von der Zeit errichteten Scheidewände durch gegenseitiges Verstehenlernen wieder abtragen zu helfen. Nicht ein besonderer Sektor der jüdischen Wirtschaft in der allgemeinen deutschen Wirtschaft muß erstrebt werden, sondern die Eingliederung der Juden in die deutsche Wirtschaft. Dieses Ziel gilt es klar vor Augen zu haben und nach ihm zu streben, wenn auch zahlreiche Widerstände auf dem Wege, der zu ihm führt, vorhanden, ja erst in unserer Zeit errichtet worden sind. Es ist schon möglich, daß in unserer Zeit eine stärkere Konzentration der deutschen Judenheit in den Großstädten mit ihren jüdischen Großgemeinden erfolgt; aber auf die Dauer betrachtet, muß das unbefriedigend sein, muß die Wohnverteilung und die Berufseinordnung analog den Verhältnissen der deutschen Gesamtbeyölkerung von uns erstrebt werden. Deshalb ist es auch eine besondere Verpflichtung der jüdischen Gesamtheit, insbesondere, soweit das irgend durchführbar ist, jüdische Existenzen in Klein- und Mittelgemeinden zu erhalten und zu fördern. Und weiter muß es als unbefriedigend vom jüdischen Standpunkte uus angesehen werden, wenn gewisse Berufsgruppen für jüdische Kreise in Zukunft versperrt bleiben. Hier wird, so muß unser Hoffen sein, die Zukunft erweisen, daß Juden nicht die Absicht zum Herrschen, sondern den Willen zum Dienen haben. Pann wird es nicht mehr als verhängnisvoll gedeutet werden, wenn auch ein Jude Schriftleiter einer deutschen Tageszeitung wird oder in einer Beamtenstellung Dienst für das deutsche Volk leistet. Und niemand wird uns auch verargen können, daß wir die Hoffnung nicht aufgeben wollen, daß unsere Jugend dereinst nicht mehr in ferne Lande wird wandern müssen, wenn sie sich ihren Beruf in landwirtschaftlichem Tun zu schaffen versucht. Noch ist ein weiter Weg bis zum Ziel. Er scheint weiter denn je. Aber das darf nur das Gefühl der Verpflichtung in uns stärken, darf uns nicht verzagen machen. Es ist nicht entscheidend, ob jüdische Arbeitnehmer im Vertrauensrat der Betriebe sein dürfen oder nicht. Wohl aber ist es von Bedeutung, daß jeder jüdische Arbeitnehmer im Betriebe der treueste Arbeitskamerad und ein wertvolles Glied der Betriebsgemeinschaft ist; denn nur dann wird einst auch dort wieder Anerkennung werden, wo heute Verkennung ist. Freilich dürfen Theorien, Hoffnungen nicht dazu führen, die Wirklichkeit zu übersehen. Tatsache ist, daß heute vielfach eine Ausgliederung der Juden aus wirtschaftlichen Organisationen erfolgt ist und daß daher die Notwendigkeit zur Schaffung angemessener Ersatzeinrichtungen gegeben ist. Wenn beispielsweise im Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit bestimmt ist, daß für die Prozeßvertretung vor den Arbeitsgerichten Rechsschutzstellen der Deutschen Arbeitsfront getrennt für Arbeitgeber und Arbeitnehmer errichtet werden, deren Leiter oder Angestellte als Prozeßvertreter wirken sollen, so ist für jüdische Kreise eine Sonderregelung erforderlich, solange Juden nicht der deutschen Arbeitsfront beitreten können. Es ist deshalb beabsichtigt, beim Reichsarbeitsministerium zu be- Geflügel züchterei antragen, der Reichsvertretung das Recht zur Vertretung jüdischer Arbeitgeber und Arbeitnehmer vor dem Arbeitsgericht zu übertragen mit der Befugnis, ihrerseits andere Stellen mit der Ausübung dieses Rechtes zu betrauen. Die Durchführung ist dabei so gedacht, daß in den Großgemeinden die Vertretungsbefugnis den Gemeinden selbst übertragen, im übrigen die im einzelnen sachgemäße Lösung ip Fühlungnahme mit den Landesverbänden und den örtlichen Stellen gesucht wird. Das wirtschaftliche Schicksal der Judenheit in Deutschland ist in den Jahrhunderten der Vergangenheit Wandlungen mannigfaltigster Art unterworfen gewesen. Niemand kennt die Wandlungen, die die Zukunft noch bringen wird, aber einen Faktor können wir zur Gestaltung der Zukunft beitragen: unseren Willen, unsere Stärke, unseren Glauben. * 5

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.