Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 12 (1934)
- Issue
- 2 (1.5.1934)
- Date
- 1934-05-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Wirtschaftliche Betrachtungen zur deutschen Judenfrage. Von Oipl.-Ing. Brun> Woyda. Noch kennt niemand das Kommende. Ein Ahnen nur vermittelt uns das Gefühl vom Werdenden. Das bewußte Erleben der letzten Jahrzehnte hat die Möglichkeit der Vernichtung unerschütterlich gedachter Werte gelehrt. Ein neues Weltbild ist im Gestalten. Wie alles in der Welt wird es unter Schmerzen geboren. Für den Juden in Deutschland wird die mannigfache Problemstellung der Zeit noch im besonderen Maße entscheidend. Alle Tatsachen seines Lebens scheinen ins Wanken geraten. Will er bestehen, so muß er die Wirklichkeit des Tages überwinden und aus dem Glauben der Vergangenheit und dem Glauben an die Zukunft die Kraft zur Gestaltung seines Seins in diesen Tagen gewinnen. Der Jude in Deutschland fühlte sich, von Ausnahmen abgesehen, dem deutschen Volke verbunden, Deutschland war seine Heimat, sein Vaterland, deutsch seine Sprache, seine Kulturverbundenheit. Und als ihm all diese Verknüpfungen tiefster seelischer Art bestritten wurden, als er sich überprüfte, da mußte er zumeist feststellen, daß sein Sein seiner Auffassung in der Vergangenheit Recht gab und die Verkennung der Gegenwart widerlegte. Doch er mußte zweifeln, ob es möglich sein würde, wieder Verkennung in Erkenntnis zu wandeln, Brücken wiederherzustellen, wo sie durch die Stürme der Zeit beseitigt wurden. Noch sind die Fragen nicht geklärt. Aber das ist gewiß: die Mehrheit der deutschen Juden will in Deutschland verbleiben und muß auch in Deutschland verbleiben. Wird sie an dieser doppelten Schicksalsverbundenheit, der seelischen und der materiellen, zerbrechen? Niemand weiß es. Aber wenn vom jüdischen Standpunkt aus eine würdige Antwort gefunden werden kann, so muß sie zum Inhalt haben den Willen, das Schicksal durch eigenes Tun zu bezwingen. Nur wenn der jüdische Deutsche seinen Glauben auch an seine deutsche Zukunft bewahrt, nur dann wird für ihn die Möglichkeit neuer Eingliederung gegeben sein. Diese Zeit ist eine Zeit der Bewährung. In ihr wird oft vom Heroismus gesprochen. Die Geschichte der Judenheit legt in jeder Epoche Zeugnis vom Heroismus unserer Väter ab. An uns ist es zu beweisen, ob einst auf den Blättern der Geschichte von unserem Kleinmut, unserer Resignation, unserer Verneinung wird geschrieben werden müssen oder von unserem Willen zur Behauptung, zur Bejahung, zur Zukunft. Freilich darf keinem Zweifel unterliegen, daß diese Zeit tiefgehende Wandlungen in der Wirtschaftsstruktur der deutschen Judenheit im Gefolge haben wird und haben muß. Der Preußische Landesverband hat bereits vor der Staatlichen Umwälzung des vergangenen Jahres in seinem Wirtschaftsausschuß eingehende Untersuchungen über die hiermit zusammenhängenden Fragen der Berufsgliederung angestellt und bekanntgegeben. Und in dem mit Unterstützung des Preußischen Landesverbandes veröffentlichten Werk von Silbergleit über „die Volks- und Berufszählung vom Jahre 1925“ finden sich Aufschlüsse, die uns eindeutig Schäden der Vergangenheit erkennen lassen. (Die Berufszählungsergebnisse der neueren Zählung von 1933 liegen naturgemäß, noch nicht vor, werden aber an dem Grundsätzlichen, das hier gesagt werden soll, nichts ändern.) Die Unterschiede in der Gliederung der Gespmtbevölkerung und in der Gliederung des jüdischen Bevolkerungsteils sind so gewaltig, daß bereits hieraus ein nicht unwesentlicher. Teil der entstandenen Spannungen erklärbar ist. War in der erwerbstätigen Gesamtbevölkerung Preußens jeder Zweite ein Arbeiter und nur jeder Sechste «in Angestellter, jeder Sechste auch nur selbständig, so war in der erwerbstätigen jüdischen Bevölkerung jeder Zweite selbständig, jeder Dritte Angestellter oder Beamter und nur jeder Zwölfte Arbeiter. Nicht minder erheblich sind die Unterschiede, wenn man die Gliederung nach Wirtschaftsabteilungen vornimmt. Während in der Gesamtbevölkerung mehr als jeder Vierte in der Land- und Forstwirtschaft tätig, galt das für die jüdische Bevölkerung erst für jeden Sechzigsten! Andererseits war jeder zweite erwerbstätige Jude in Handel oder Verkehr beschäftigt, von der Gesamtbevölkerung aber nur jeder Sechste. Aus dem Zusammentreffen der Verschiedenartigkeit in sozialer und wirtschaftsfachlicher Hinsicht ergeben sich naturgemäß noch besondere Spannungsfaktoren. Es würde , zu weit führen, wollte man das bis ins Einzelne hier aufzeigen. Als Beispiel sei nur die folgende Uebersicht wiedergegeben; hier ist von einigen Wirtschaftszweigen, in denen die Zahl der als Selbständige tätigen Juden über 300 lag, der jüdische Anteil an den selbständigen Erwerbstätigen wiedergegeben. Die Zahlen beziehen sich auf das Deutsche Reich. Ausgewählt wurden je vier Gruppen, die die höchste bzw. niedrigste Beteiligungsziffer aufwiesen. Bank- und Börsenwesen 15,34% Rechtsberatung 14,80% Kürschnerei 11,18% Vermittlung, Verwaltung 10, 5% Hoch- und Tiefbau 0,42% Bäckerei 0,40% Holzbauten 0,39% Landwirtschaft 0,06% Auch die Judenheit wird sich der Notwendigkeit nicht verschließen können, eine neue Berufsgliederung der deutschen Judenheit herbeiführen zu müssen. Einsichtige jüdische Persönlichkeiten haben seit Jahren von dem Zwang zur Berufsumschichtung gesprochen. Daß ohne sie keine neue Eingliederung der Juden in Deutschland erfolgen kann, die von Dauerhaftigkeit ist, erscheint gewiß. Und daß es völlig absurd ist, wenn Einzelne die künftig notwendige Berufsgliederung als einen Abstieg ouer gar als ein Unglück werten, muß immer wieder gesagt werden; denn die Wertungsskala der Berufe, die vielfach noch in jüdischen Kreisen zur Anwendung gelangt, ist ein Produkt einer untergegangenen Epoche. In der Zeit, die wird, wird sie keine Geltung mehr besitzen, wird Arbeit schlechthin in ihrer Notwendigkeit und Bedeutung für die Gemeinschaft gewertet werden. Es gibt keine Emanzipationen und keine Assimilation, die sich nur im Gedanklichen und im Formalrechtlichen vollziehen kann. Mit dieser Erkenntnis wird ein Irrtum der Vergangenheit aufgezeigt. Mit dem Schaffen von Tatsachenzuständen erst wird die endgültige Entscheidung herbeigeführt. Deshalb können bereits heute folgende Grundsätze festgelegt werden: die einseitig-bürgerliche Denkungsweise der Juden in der Gegenwart ist Rest einer vergangenen Epoche. Jede künftige Emanzipation wird, wenn sie nicht nur vorübergehenden Charakter haben soll, von einer Berufsassimilation der Judenheit an ihre Umwelt begleitet sein müssen. Und schließlich: das künftige Emanzipations- ' streben der Juden in Deutschland wird ein Emanzipationsstreben vornehmlich von Arbeitern oder Arbeitnehmern, nicht aber von Kaufleuten und Akademikern sein. Der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden darf es sich als ein wesentliches Verdienst anrechnen, daß. in den schicksalsschwersten Tagen der deutschen Judenheit im vergangenen Jahre auf seine Veranlassung die Wirtschaftshilfsstellen in verschiedenen jüdischen Gemeinden und die Zentralstelle für jüdische Wirtschaftshilfe gegründet wurden. Was von diesen Stellen in unermüdlicher Arbeit geleistet wurde, wie vielfach verzweifelten Menschen neue Wege gewiesen wurden und neues Hoffen ver- 4