Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Journal
- Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- 4 (28.9.1932)
- Date
- 1932-09-28
- Page
- Seite 60 (sequence 60)
- Language
- German
- Belongs to
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— 60 — von feiten des liberalen ersten Etatsredners gehört, daß er die Wahrung der politischen Rechte der Juden für eine der Hauptaufgaben hält, die uns zufallen. Sie können hier die Vertagung beschließen, obwohl wir haben wollen, daß der Preußische Landesverband in diesem Augenblick die Lage der Juden in Preußen und ihre Politik diskutiert, trotzdem werden Sie weiterhin sicherlich glauben, daß Sie die Interessen der preußischen Juden mit aller Energie schützen. Präsident Stern: Es ist beantragt worden, den Punkt 10b): Der Landesverband jüdischer Gemeinden in Preußen hat die Rechte der in Preußen lebenden Juden zu schützen und deren gesamte Interessen gegenüber den Organen der Gesetzgebung, Derwaltung und Rechtsprechung wahrzunehmen — zu oectagen. Dieselbe Mehrheit wie vorhin ist für die Dertagung. Meine Damen und Herren! Run bleibt wie gesagt lediglich die Frage der Wirtschaftskrise der deutschen Saben übrig. Dieser Antrag ist auf Anregung des Herrn Staatssekretärs Hirsch auf die Tagesordnung gesetzt worden. Ich bedauere, daß er nicht hier ist und uns klar macht, was er im einzelnen mit diesem Antrag gewünscht hat. Wenn Herr Breslauer auch Recht damit hat, daß dieser Gegenstand wichtig ist, so ist doch soviel richtig, daß eine ohne Anträge sich entwickelnde Debatte ganz sinnlos ist. Es liegt weder ein Antrag dazu vor, noch eine irgendwie geartete Anfrage. Wünscht jemand das Wort hierzu? (Zurufe von der Dolkspartei.) Dann bitte ich, mir zu sagen, wie Sie sich die ganze Diskussion weiter denken. Berger: Wir werden im Laufe der Debatte einen Antrag einbringen. (Große Unruhe.) Berger: Meine Damen und Herren! Es ist nicht leicht, in einem Augenblick, in dem der Derbandstag so aussieht wie jetzt, zu einem Thema zu reden, von dem ich gewünscht hätte, daß es unter starker Zuhörerschar und besserer Beteiligung behandelt worden wäre, und von dem ich glaube, daß das preußische Judentum ein Interesse daran hat, sich von neuem über die Frage klar zu werden, die seine Existenz am stärksten bedroht. Ich persönlich, um damit zu beginnen, bin der Auffassung, daß die Wirtschaftskrise des deutscheu Judentums und die besondere Eigentümlichkeit dieser Krise wesentlich weittragendere Folgen haben werden, als im gegenwärtigen Augenblick z. B. noch die politische Lage des Judentums den Anschein hat. Wenngleich ich weiß, daß diese Dinge auf das engste mit der allgemeinen Politik verbunden sind, unterliegt es keinem Zweifel, daß wir im gegenwärtigen Augenblick Erscheinungen zu verzeichnen haben, die für die Lage im deutschen Judentum von besonders weittragender Bedeutung sind. Wir haben früher an dieser Stelle uns darüber unterhalten, in welchem Maße die Wirtschaftskrise des deutschen Judentums ähnliche Erscheinungen aufioeist wie die Wirtschaftskrise des Judentums anderer Länder. Wir haben daher nicht notwendig, heute auf diese Erscheinungen einzugehen, und dürfen sie in diesem Kreise auch als bekannt vorauszusetzen. Das erste, was das preußische Judentum und dieser Derbandstag zu tun hätten, wenn sie einer Wirtschaftskrise Herr werden wollen oder den Versuch machen wollen, dieser Wirtschaftskrise Herr zu werden, würde die Aufgabe sein, sich mit anderen Ländern in Verbindung zu setzen und endlich einmal von einer Auffassung auszugehen, von der wir glauben, daß sie die einzig mögliche ist, nämlich von der Erkenntnis, daß die Lage der Juden in der Welt, im Kern und von Grund auf gesehen, eine gleichartige ist. Wenn schon bei einzelnen Abgeordneten die preußische Seele gezittert hat, so ist das eine sicher: Die jüdische Wirtschaft, die wirklich zittert, zittert hier genau so wie in Polen und Amerika. Die Sache, von der ich spreche, ist durchaus ernsthaft, und die Tatsache, daß Sie sie nicht ernsthaft nehmen, beweist keineswegs, daß Sie sie aus der Welt schaffen können. Wenn ich sage, daß die Gründe der Wirtschaftskrise der Juden in Deutschland dieselben sind wie die Gründe für die Wirtschaftskrise der Juden in Polen und Amerika, so ist, ob Sie das bestreiten oder nicht, das zutreffend. Wir haben in der vergangenen Sitzung unseren Standpunkt begründet. Denn man ihn anerkennt, ergibt sich daraus die Folgerung, daß man zu einer ganz anderen Verbindung mit dem Judentum dieser Länder kommen muß, und daß man endlich dazu übergehen müßte, die jüdische Frage im ganzen zu sehen. Es ist noch nicht so lange her, daß Juden, die genau solche Patent- - Patrioten find, wie man es hier verlangt, z. B. französische Juden, als sie die Alliance Jsraelite gründeten, von ähnlichen Voraussetzungen ausgingen und erkannten, daß die Mische Frage, insbesondere in ihrer wirtschaftlichen Art, eine allweltlich-jüdische Frage ist und war. Die erste Erkenntnis, die wir daraus zu ziehen hätten, wäre die, daß wir die Wirtschaftskrise unter dem Gesichtspunkt einer Bkrtschastskrise des gesamten Judentums zu betrachttn hätten. Wir kämen dann zu Erkenntnissen, daß wir das Problem der Emigratton in den Mittelpunkt unserer Betrachtungen rücken würden. Es spricht für die Blindheit dieses Saales, daß in diesem Gremium in einer Frage, die das gesamte Judentum in diesem Jahre und in diesen Monaten auf das stärkste beschäftigt, nämlich von der Frage der jüdischen Wanderung und der jüdischen Emigration, nie die Rede war, unb daß wir zu dieser Frage, zu der heute seit Monaten und Iochren die besten Köpfe der Welt Stellung nehmen, nichts zu sagen haben. Ich täusche mich nicht, wenn ich sage, daß das Problem nur wenigen in diesem Saale bekannt iftw Denn Sie meinen, daß es die preußischen Juden nichts angeht, empfehle ich Ihnen, sich mit dem Wanderungsamt in Verbindung zu setzen. Dann werden Sie erkennen, in welchem Maße heute bereits eine Wanderung preußischer und deutscher Juden nach dem Ausland eingesetzt hat. Sie haben noch eine Möglichkeit, sich mit dieser Frage zu beschäftigen. Gehen Sie einmal zur jüdischen Jugend und ftagen Sie diese streife, was sie zu tun gedenken, und die erste Antwort, die die Jugend gibt, ist die, daß wir hier auf Jahre hinaus keine Beschäftigung finden, und die erste Frage, die sie stellt, ist: Gibt es keine Organisation, die für uns, die deutsche jüdische Jugend, das tut, was es in anderen Ländern gibt, die uns den Rat gibt, wohin wir auswandern können, um unsere Kräfte zu verwerten? Und ich kann immer nur wiederholen, daß, wenn Sie sich ernsthaft mit diesen Dingen beschäftigen, Sie dann finden werden, daß dieses Problem es wert wäre, einmal ernsthaft und vernünftig behandelt zu werden. Das wäre die erste Aufgabe, die durchzuführen wäre, daß sich das preußische Judentum mit den internationalen jüdischen Wanderungsorganisatiopen in Verbindung s»tzt, um dieser dringenden Frage gerecht zu werden. Dazu, gehört, daß man von der Erkenntnis der Gesamtjudenftage ausgeht. Der zweite Punkt, zu dem ich komme, ist der, daß ich glaube, daß wir allmählich anfangen müssen — auch wenn das gestrenge Auge von Herrn Stern nicht über Ihnen wacht, wäre ich dankbar, wenn Sie es mir etwas leichter machen wollten — diese Frage der Wirtschaftskrise in engstem Zusammenhang mit der politischen Lage der deutschen Äuden zu sehen. Nichts wäre verderblicher, als nicht einzufehOi^ daß ein großer Teil der wirtschaftlichen Schädigungen, ^«gerade das deutsche Judentum erleidet, in engem Zusammenhang mit der politischen Lage der deutschen Juden steht. Und hier sind es vor allem zwei Momente, die bei dieser Frage ins Auge gefaßt werden müssen. Das erste ist die Tatsache des Boykotts. Täuschen wir uns nicht darüber, daß trotz aller obsiegenden Gerichtsurteile, so erfreulich sie sind, der Boykott jüdischer Geschäfte, Anwälte, Aerzte, insbesondere in den kleinen und mittleren Städten, von Tag zu Tag zunimmt. Ich habe vor wenigen Tagen von einem Freund, der jetzt nach Palästina gehen will, eine Statistik bekommen, die mir besonders lehrhaft war. Dieser Mann hat eine gut gehende chirurgische Klinik gehabt, die einzige an einem mittleren Platz. Sie ist bis vor einiger Zeit von sämtlichen Patienten jüdischer und nichtjüdischer Aerzte belegt gewesen. Er schließt die Klinik jetzt, weil der einzige Arzt, der Pattenten in seine Klinik legt, der einzige jüdische Arzt ist. Das ist ein Fall von vielen, und Sie können heute die Wirtschaftsftagen des deutschen Judentums nicht mehr behandeln, ohne Stellung zu den politischen Fragen zu nehmen. Die Dinge sind bereits so verfilzt und verwoben, daß hier eine Trennung nicht mehr möglich ist. Zur Wirtschaftskrise des deutschen und preußischen Judentums Stellung nehmen, heißt, daß man gleichzeitig zur politischen Lage dieser Juden Stellung nimmt. Denn mir ein Geschäftsinhaber aus dem Reich, ein alter politffcher Gegner von mir, vor wenigen Tagen schreibt, daß er nicht mähr in der Lage ist, sein Geschäft aufrechtzuerhalten, obwohl er im Boykottprozeß gesiegt hat, sehen Sie daraus, wie wertlos das Urteil ist, das den stillen Boykott, der von Mund zu Mund geht, nicht unterbinden kann. Die zweite Erscheinung, die ebenfalls eine polittsche Frage ist, ist die Tatsache, daß der jüdische Angestellte es heute schwerer hat, als der nichtjüdische. Wenn Sie einmal die sehr interessanten statistischen Feststellungen über die Art der Hitler-Wähler durchgesehen haben, werden Sie finden, daß sie sich in einem außerordentlichen Maße aus den Kreisen des neuen Proletariats, der Angestellten, rekrutieren. Ich erzähle Ihnen nichts Neues, wenn ich sage, daß heute der jüdische Angestellft in immer stärkerem Maß nicht von oben herunter, sondern durch die nichtjüdische Angestelltenschaft auf das Pflaster geworfen wftd. Und wenn wir zu diesen wirtschaftlichen Fragen Stellung nehmen.