Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Journal
- Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- 4 (28.9.1932)
- Date
- 1932-09-28
- Page
- Seite 41 (sequence 41)
- Language
- German
- Belongs to
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— 41 daß kein Jugendlicher in den Hechaluz geht. Wir werden aber dafür kämpfen, daß eine deutsche Jugend Mt jüdischen Aufgaben von einem jüdischen Gremium das Recht hat, unterstützt zu werden. Abg. RAnw. Dr. Weil (zu einer persönlichen Bemerkung): Ich habe nie im Leben gesagt, »aß der TV der Vortrupp im Kampf gegen den Zionismus sein will. Präsident Stern: Kapitel III ist damit erledigt, ©it kommen zu Kapitel IV. Abg. RAnw. Dr. Wertheim: Ich bitte den Präsidenten dafür zu sorgen, daß hier nicht Abgeordnete vor meinem Platz Unterhaltungen führen. Ich bitte Herrn Berger, auf seinen Platz zurückzugehen. Präsident Stern: Wenn Sie sich verpflichten auch Ihrerseits sämtliche Abgeordnete zu veranlassen, mit keinem Abgeordneten hier zu sprechen, könnte ich diese Verpflichtung auch nicht übernehmen, denn ich bin nicht dazu da, hier Privatgespräche zu verbieten. Ich habe wiederholt gebeten, daß hier laute Privatgespräche nicht geführt werden. Abg. RAnw. Dr. Wertheim: Ich verpflichte mich, auch nicht zu Herrn Berger zu gehen. Präsident Stern: Ich lehne das ab. Sie Mssen, daß wir dazu keine Zeit haben. Zu Kapitel IV liegt der Antrag der konservativen Fraktion bezüglich des Schächtschutzes vor. Abg. Oberrabbiner Dr. A l t m a n n , Trier (zur Begründung): Es ist wohl für das Haus immer eine gewisse Erholung, wenn hier ein Redner der konservativen Partei erscheint. Wenn die Streitenden nicht mehr auseinander können, dann kommt die konservative Partei und schafft den Ausgleich. In der Tat ist die konservative Partei das Zünglein an der Waage, und davon hängt außerordentlich viel ab. So muß ich jetzt wieder vor Sie Mt einer konservativen Angelegenheit hintreten, die eine Angelegenheit aller ist. Es handelt sich um den Schächtfchutz. Dieses Wort sagt Ihnen schon, daß es nicht etwa nur eine Angelegenheit ist, die uns Konservative auf das tiefst« und innigste berührt, weil doch das gesetzestreue Judentum mit der Schächtfrage steht und fällt, sondern es handelt sich auch um eine allgemein jüdische Angelegenheit, da die antisemitische Bewegung die Schächtfrage zum Schibboleth gemacht hat und davon vieles, ja alles, abhängt. Wenn wir auf diesem Gebiet der Abwehr versagen, so kann es nicht ausbleiben, daß die Antischächtbewegung sich immer weiter ausbreitet und das ganze deutsche Vaterland erfaßt, so daß wir dann keine Abwehr mehr betreiben können. — (Präsident Stern bittet wiederholt, Ruhe zu halten.) Ich finde es, — verzeihen Sie, — nicht ganz mit der Würde des Hauses vereinbar, wenn hier ununterbrochen dazwischengeredet wird, Unterhaltungen geführt werden und nicht die Sammlung des Hauses da ist, die man erwartet. Es geht nicht an. daß alle Augenblicke eine Völkerwanderung in diesem Saal entsteht, und daß die wichttgsten Dinge nicht das Ohr des Auditoriums finden. Zu diesen wichtigen Dingen gehört auch die Schächtangelegenheit, von der die Rede ist. Wenn da ein Versagen Platz greift, wird der Rischus, der gegen uns Platz gegriffen hat, nicht bei der einen Sache stehen bleiben, sondern er wird mehr noch als bisher Fortschritte auf zahlreichen anderen Gebieten machen. Ich muß dankbar anerkennen, daß dieser Standpunkt vom Landesverband stets geteilt worden ist und die Auffassung hier immer geherrscht hat, in der Schächtabwehrfrage dos SchächÄüro zu unterstützen. Dieses Büro hat indessen an unsere Fraktion ein Telegramm gerichtet, von dem wir Ihnen hiermit Kenntnis geben: „Der Preußische Landesverband, der in früheren Jahren die erforderlichen Summen zum größten Teil beveitgestellt hat, hat feit 1929 fast völlig versagt. Erst in der letzten Hälfte des vorigen Jahres ist die Summe zum Teil zur Auszahlung gebracht worden. Im Jahre 1930 ist die Positton von 6000 RM. überhaupt nicht zur Auszahlung gelangt, im Jahre 1931 nur 2500 RM. Wir richten an Sie das Ersuchen, sich für die Erhöhung der Positton einzusetzen.* Bisher waren für besondere rituelle Zwecke 3000 RM. eingesetzt. Das Schächtbüro bittet, wenn seine Arbeit nicht völlig unterbunden werden soll, ihm wenigstens den Betrag von 5000 RM. zu bewilligen. Es gibt eine Positton im Wirttchastsbericht, die es ermöglichen würde, die Gelder hier flüssig #u machen, zumal die Aufgaben dieses Schächtbüros durch die stürMsche Zeit und die Bekämpfung der Schechita gewachsen find. Ich kann Ihnen versichern, daß wir auf das gegewiffenhasteste geprüft haben, ob wir Mt dieser Forderung hervortreten sollen. Die Lage ist aber geradezu katastrophal geworden, weshalb ich Sie bitten muß, 5000 RM. hierfür zu bewilligen. Ich gestgtte mir in diesem Zusammenhang auf etwas hinzuweisen, was — wie mir scheint — von größter Wichtigkeit ist. Ich wundere Mch nämlich, daß nicht in die Tagesordnung ein Punkt eingesetzt wurde, eine Entschließung des Hauses vorzuschlagen, wonach sich das preußische Judentum offiziell von dieser Stelle aus gegen di« unerhörten und rohen Angriffe, denen wir ausgesetzt sind, veruxchrt. Dom gesetzestreuen Standpunkt betone ich das deshalb, weil im letzten Jahr auch unser heiliges Religionsschrifttum in di« Verleumdungskampagne Mt einbegriffen wurde. :Es hat nie «ine Zeit gegeben, in der die jüdische Religion in so roher Weise verhöhnt und mißhandelt wurde, und ich würde es als ein« Ehrenpflicht des Hauses betrachten, als «ine bedeutende und wichttge Tat ansehen, wenn am Schlüsse unserer Tagung einheitlich, von der Gesamtheit des Hauses eine Resolutton gesoßt würde, daß sich das preußische Judentum gegen die traurige Taffache verwahrt, daß mit unserem Heiligsten Spott getrieben wird. Es ist hier gesagt worden, daß die Regierung in Punkto mancher Zuschüsse versagt hat, ich kann das nicht beurteilen, es mag vielleicht nur mit der Finanzlage zusammenhängen. Ich muß aber sagen, die Regierung hat leider auch in der Frage des Schutzes, wie es scheint, vielfach versagt. Denjenigen Schutz hat sie uns in dem furchtbaren Kampf nicht angedeihen lassen, der uns als gleichberechtigte Staatsbürger zukommt, und da muß diesbezüglich durch eine Resolutton nachgeholfen und betont werden, daß Mr darauf bestehen, geschützt zu werden. Seit dem dritten Jahrhundert sitzen wir Juden auf deutschem Boden. Dir lassen uns nicht wie Fremdlinge und Entrechtete behandeln. Wir fordern Gerechttgkvit und Schutz. Abg. Direktor Dr. Holländer: Ich möchte di« Ausführungen des Vorredners noch dahin ergänzen, daß das Geld für das rituelle Schächten dem Schächtschutzbüro zugute kommt und keiner anderen Stelle, weil Mr die Verpflichtung haben, anzuerkennen, daß Rabbiner Dr. Munk in ausgezeichneter Weife gerade diese Angelegenheit gefördert hat, und weil es falsch wäre, wenn Mr nur unseren Dank hierfür aussprechen sollten und andererseits etwas täten, was die Tätigkeit dieses Schächtbüros irgendwie lahmlegen könnte. Kapitel V, Vl und VIl werden ohne Aussprache angenommen. Abg. Wiener: Die Dolkspartei hat hierzu den Antrag eingebracht, daß die feste Vergütung an den Ratsvorsitzenden. die aus diesem Titel geleistet wird, künftig in Wegfall gelangt. Der Antrag der Dolkspartei steht nicht in Verbindung Mt Diskussionen des Plenums. Wir haben auch schon im Haushaltsausschuß den Antrag gestellt und begründet. Es ist verwunderlich, daß gerade die Vergütung des Ratspräfidenten, wenn man die Aufwandsentschädigung mit dazu rechnet, gegenüber dem Vorjahr eine Erhöhung um mehr als 1000 RM. erfährt, während sonst alle Posten kws Etats gedrosselt werden 'müssen. Aber ich will noch etwas Grundsätzliches hierzu 'sagen. Wir arbeiten mit einem Etat von 936 000 RM. Der Landesverband hat den Aufgobenkreis einer Mttelqroßen Gemeinde wie etwa Köln, und der Vorsitzende hat Gehilfen und Stellvertreter bei seiner Tättgkeit, wie sie andere jüdische Provinzgemeinden in Deutschland nicht aufzuweisen haben. Darum sind wir der Meinung, daß derartige leitende Aemter hier wie dort ehrenamtlich versehen werden könnten. Uebernll wird doch in jüdischen Gemeinden ehrenamtlich gearbeitet. Ich kenne Provinzgemeinden, wo die führenden Persönlichkeiten drei bis vier Stunden den Tag für die Kehilla zu tun haben, und dos ist nicht etwa ein vereinzelter Fall, das ist in allen Ländern so. Wir beten jeden Sabboth für die, die sich den Angelegenheiten der Gemeinden in Uneiqennütziqkeit widmen, uird es ist ein Ehrenblatt in der Geschichte des Judentums, daß die Selbstverwaltungstätigkeit in der Kehilla in glänzender und uneigennütziger Weise seit Jahrtausenden geleistet wird. So meinen wir, es müsse auseinandergehalten werden zwischen Berufs- und Ehrenbeomten. Die Berufsbeamten sind notwendig bei der Größe der Organisation, die sich gebildet Kat, und tüchtige und fähige BerufsbeaMe find auch ein Stolz fiir die Verwaltung. Aber wir sind auch der Meinung, daß das Amt des Präsidenten des Rates des Preußischen Landesverbandes eine so große Ehre ist, daß sich jüdische Persönlichkeiten finden müssen, die dieses Amt ehrenhalber versehen sollten, imb daß in dieser großen Gemeinde Berlin von 180 000 Juden fähige Menschen vor- Händen sind, die ihre Ehre dreinsetzen. Führer der preußischen Judenheit zu sein und damit auch der deutschen Iudenheit. Es darf unter keinen Umständen Vorkommen, daß eine feste Vergütung für diese Arbeit gezahlt wird an Männer, die in anderweitiger Berufs-