Mannheim
Compact Memory

Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden · 1932-09-28 · 4 (28.9.1932) · p. Seite 39

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
Volume
10 (1932)
Issue
4 (28.9.1932)
Date
1932-09-28
Page
Seite 39 (sequence 39)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3980048-10021647-10021615--740-3980723
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 39 — es fehlte 4tt erheblichem Umfang an Mitteln, aber es fehlte selbst bei solchen, die die Anträge annehmen, muh an dem erforderlichen Seien Willen. Ich habe an alle in Frage kommenden Abgeordneten s Rates und des Bevbandstage» mich mehrfach mit der Bitte gewandt, mir ihre Unterstützung ultvil werden zu lassen und mir zu sagen, wie in der betreffenden Provinz ein« Durchführung möglich sein würde. Ich habe auf di« Fragen noch nicht einmal eine Antwort erhalten. Ich glaube, daß man auch bei Beschaffung der Mittel wesentlich mehr leisten könnt«, wenn der gute Wille hierfür vor- Händen wäre. Es müßte möglich fein, heute in großen Gemeinden Beträge von 5 bis 10 000 RM. freizumachen, wenn die Möglichkeit der Einrichtung einer Bezirksdarlehenskasse durchgeführt werben soll. Der Betrag, um den es sich hierbei handelt, ist ein Betrog von 100 000 RM. für Preußen. Es ist eine Bankrotterklärung, wenn das preußische Judentum nicht in der Lage ist, mit Unterstützung der Großgemeinden diesen Betrag flüssig zu machen. Es muß an das Verantwortungsbewußtsein aller führenden Persönlichkeiten appelliert und darauf hingewirkt werden, daß nicht nur papierne Resolutionen gefaßt werden, sondern mit der Durchführung dieser Bestrebungen Ernst gemacht wird. Ich begrüße daher den Antrag der Liberalen^ldie Mittel für den Wirtschaftsausschuß um 5000 RM. zu erhöhen und in erheblichem Umfang über das bisherige Maß, soweit möglich, die Mittelstandsfürsorge in das Tätigkeitsgebiet des Wirtschaftsausschusses einzubeziehen. Wir haben uns im Wirtschaftsausschuß bemüht, eine Wirtschostsbilonz der deutschen Juden zu ziehen. Fast alles Material, das bisher in der Oeffentltchkett erwähnt worden ist, zeigt, daß weder die genügenden Dorkenntnisse noch die genügenden Grundlagen vorhanden find. Es muß möglich sein festzustellen, wie sich die Tätigkeit der Juden in den verschiedenen Bevufszweigen für den einzelnen und für die jüdische Gesamtheit auswirkt. Es müßte beispielsweise möglich sein, durch «in« Auswertung der Steuerstatistik der Gemeinden einen Ueberblick über die Frage zu gewinnen: In welcher Weise sind für Juden Berufszweige lukrativ? Es müßte möglich sein, daß man sich an Vertreter der verschiedenen Berufe wendet, um im Dnquetewege einen Ueberblick darüber zu gewinnen, wie wir am zweckmäßigsten in Zukunft eine Existenzgrundlage für die 10000 jungen jüdischen Menschen finden, die in jedem Jahr neu ins Berufsleben treten. Hier ist eine der wesentlichsten Doraussetzungen für di« Gesundung der wirtschaftlichen Verhältnisse der Iudenheit in Deutschland. Es muß möglich sein, «ine Lenkung dieses Stromes herbeizufllbren. Man muß durch Berufsberatung und Ähnliche Mittel dazu beitragen, daß nicht jeder Jude danach strebt, Rechtsanwalt, Arzt, Akademiker oder Textilkaufmann zu werden. Mr waren bisher daran gewöhnt, die Angehörigen der jüdischen Gemeinden als eine verhältnismäßig einheitliche soziologische Gruppe zu betrachten. Dies« Zeiten find in Deutschland für dauernd vorbei. Wir werden, wenn di« allgemeine Erwerbslosigkeit überwunden fein wirb, erst in vollem Maße erkennen, daß in jüdischeu Kreisen nicht nur die übliche Erwerbslosigkeit, sondern vielfach «ine Berufslofigkeit vorhanden ist. Biel« jüdische Menschen waren in Berufen, die nach Beendigung der Krise nicht mchr wie zuvor vorhanden fein werden. Es ergibt sich daraus die Notwendigkeit, wenn man dir Träger des jüdischen Gedankens erhalten will, rechtzeitig Borsorge zu treffen, damit nicht aus einer Aenderung der soziologischen Struktur der Iudenheit für die fildischen Gemeinden und das Judentum selbst erhebliche Nachteile entstehen. Das Anrennen der 'Kommunisten gegen die Juden ist zu «stnttn gewissen Teil unzweiftlhast auch daraus zu erklären, daß bisher di« jüdischen Gemeinden tn Hrem Denken und ihrer Derwaltungspraxis als Ausdruck einer bürgerlichen Welt zu betrachten waren. Es wird sich zeigen müssen, ob noch die straft im Judentum der Gegenwart lebt, Klassengegensätze, di« wir in Zukunft auch in den jüdischen Gemeinden haben werden, zu überbrücken, selbständig« Sozialgedanken aus jüdisch-religiösem Geiste zu formulieren und vom Judentum aus aktiv Stellung zu nehmen im Kampf der sozialen Gegensätze. Deshall» glaube ich, daß der Wirtschaftsausschuß des Landesverbandes nicht nur Bedeutung in wirtschaftlicher Hinsicht, sondern darüber hinaus auch in geistiger Hinsicht haben wird. Präsident Stern: Wenn das fo «eitrrgeht, kommen wir mit unserer Tagesarbeit in» Gedränge. Ich möchte dringend bitten, daß zu den strittigen Punkten nicht sämtliche Redner des Derbandstages sprechen und hier da» sagen, wa« sie zu sagen haben. Es finden noch Fraktionsfitzungen statt, in denen Sie Ihre Ansicht Mitteilen können, ferner eine Atzung des Haushaltsausschusses und dann die zweite Lesung. E» ist durchaus mögllch, daß gewisse Streitpunkte noch in der zweiten Lesung erörtert «eiben können, wenn sie sich inzwischen nichtirgendwie «ttedigt haben sollten^ Ich bitte also dringend, me Fragen, die noch im Haushaltsausschuß «örtert werden, hier nicht noch einmal vorher durchzusprechen. Ich muß den Etat in d« ersten Lesung jetzt durchführen und beabsichtige, dann eine Pause «intreten zu lassen, damit der Haushaltsausschuß nochmal» beraten kann. Dann können wir mit der Beratung der Penfionskaff« beginnen. Ich möchte also bitten, daß Sie nach Möglichkeit in einer halben Stunde mit der ersten Lesung fertig find, damit wir dann um 2 Uhr mit der Penfionskass« beginnen und um 3 Uhr mit der zweiten Lesung. Abg. RAnw. Dr. Breslauer (zur Geschäftsordnung): Ich möchte klarstellen, daß wir unseren Antrag ändern. Nach den Aufklärungen die uns hier gegeben worden find, halte ich es für richtig, unseren Antrag über die Ehaluzim nichch dem Wirtschaft», ausschuß, sondern dem Wohlfahrtsausschuß zu überweisen, da nach unser« Auffassung einzeln« Personen unterstützt werden sollen, und das zum Ausycchenkreis des Wohlfahrtsausschusses gehört. Abg. RAnw. H o r o v 1 tz : Zur Frage Ehaluzim möchte ich den Standpunkt unserer Fraktion dahin bekannt geben: Die Zuweisung an den Hechaluz ist fast zehn Jahre hindurch erfolgt. Sie hat nie Widerspruch erfahren, und die Mittel find hierfür imm« bewilligt worden. Wir können es nicht als gerechtfertigt betrachten, wenn plötzlich aus den Geschehnissen: in einer einzelnen Gemeinde ein solcher Punkt zum Streitpunkt gemacht wird. Wir find d« Ansicht, daß diese Position belassen werden muß, vor ollen Dingen, wenn der Haushaltsausschuß beschlossen Hai, daß der Rat die Position in angemessen« Weise berücksichtigen soll. Es kamr nicht zur Förderung eines gemeinschaftlichen gusammenfindens dienen, wenn anschließend an diese Etatsposition von der einen oder anderen Seit« die Streitaxt herausgeholl wird. Das Entscheidend« fiir den Landesverband und das Plenum ist di« fachliche'Frage. Hier kann es aus Gerechtigkeitsgrundsätzen keinen Zweifel geben. Ich will bei dieser Gelegenheit nicht auf alle Fragen des Wirtschaftsausschusses, aber wähl auf unseren Antrao zu Punkt 4 eingehen, der sich damit befaßt, daß die Stadtrandsiedlung und die Förderung jugendlicher jüdischer Erwerbsloser in die Hand genommen wird. Es sind in fttzter Zeit von zahlreichen ftoimnuntn Kameradschaften von jugendlichen Erwerbslosen geschaffen worden. Dies« jugendlichen Erwerbslosen werden zusammenqefaßt zum Zwecke der Hühn«zuchi, zum Anlegen von Edelobst und dgl. Man hat es auf diese Weis« zuwege gebracht, die jugendlichen Ewoerbslosen zü beschäftigen und ihnen neben der Erwerbslosenunter, stützung ein« Nein« zusätzliche Zahlung zuzmvenden. Der Landesverband muß dafür sorgen, daß angesichts der Rot. unter d« di« jüdischen Erwerbslosen heute leiden, jede Möglichkeit ergriffen wird, daß staatlich« und kommunal« Mittel auch für uns zur Berfüaung gestellt werden. Der Landesverband muß da selbst organifieren, wo «tnzelne Gemeinden hierzu kein Geld und keinen Kopf haben. Deswegen ist es notwendig, daß auf dem Wege diese« Antrages etwa« getan» wird. Im Haushaltsausschuß ist beschlossen worden, für di« Organisation dieser Arbeit «inen Betrog bereitzustellen. Ich bitte nun, diesen Antrag anzunehmen. Abg. RAnw. Dr. Seligsohn: Ich möchte lediglich zum Hechaluz Stellung nehmen, einer Frage, die an sich belanglos erscheint, die aber durch den Nachdruck, den die Bolkspartei darauf legt, erhebliche Bedeutung bekommt. Ich kann dem verehrten Kollegen Horovitz nicht zusttmmen, daß di« Gerechtigkeit gebieten soll, etwas nur aus dem Grund« zu bewilligen, weil es mehrere Jahre hindurch bewilligt worden ist. Es handelt sich nicht um eine Frage der Gerechtigkeit, sondern richtiger Verteilung und Zweckmäßigkeit. Es können gewiss« Aenderungen eingetreten sein, denen roit Rechnung trogen müssen. Dies ist schon deshalb der FM, «dl wir überall sparen, die Ausgaben drosseln und Abstriche machen müssen. Deswegen müssen wir jede «tnzelne Position unter die Lupe nehmen. Wie steht es nun mit Hechaluz? Herr Berger hat sich darüber beschwert, daß wir Liberalen mit Hohn und Verachtung über alle Anträge der Bollspartei hinweggtngen. Ich spreche hier nun nicht von der Gemeinde Bettin, sondern selbstverständlich nur vom Landesverband. Wenn es manchmal den Anschein haben könnt«, daß wir gerade üb« Ihre Anträge hinweggehen, so ist es deswegen, weil Sie (zur Bolkspartei) allein solche Anträge vittfach stellen, die von anderen Parteien überhaupt gar nicht «st gestellt werden. Ihnen ist e, vielfach gar nicht um die Sache selbst ja tun.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.